Überall Unruhe

Zwischen gottloser Pilgerreise und den Trümmern unterm Naherholungsgebiet. Das Berner Duo Fitzgerald & Rimini zeigt Europa aus neuer Perspektive.

Gut beobachtet, gut gesammelt: von Graffenried, Aeberhard.

Gut beobachtet, gut gesammelt: von Graffenried, Aeberhard.

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Fitzgerald & Rimini bestehen aus der Autorin und Sprecherin Ariane von Graffenried und dem Musiker und Soundtüftler Robert Aeberhard. Für ihr neues Album «Grand Tour» sind die Berner mit Schreibgerät und Mikrofon durch Europa gereist, in Hauptstädte ebenso wie an entlegenste Orte.

Im belanglosen Smalltalk der Eurokraten in Brüssel werden da Sprachbäder genommen, die Nachsaison in Rimini sorgt für Nahtoderlebnisse, und der kapitalistische Pilgerreisende in Santiago de Compostela belohnt sich im Bordell für die Strapazen. «Grand Tour» ist das Panoptikum eines unruhigen, immer wieder durchgeschüt­telten Kontinents. Einerseits mahlen die tektonischen Platten am Atlantikrücken, ­andererseits begegnet man den Zeugen ­vergangener Erschütterungen.

Man findet sich etwa wieder auf dem Berliner Teufelsberg, einer mit Wald bepflanzten Aufschüttung von Trümmern der bombardierten Hauptstadt. Oder man ­betrachtet Warschau durch die Augen des venezianischen Malers Canaletto, nach dessen präzisen Bildern die Altstadt nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Der Umgang mit den verschiedenen Formen des Zerfalls taucht in «Grand Tour» immer wieder auf, mal als schöpferischer Drang, mal als Fatalismus und manchmal als schieres Leugnen.

Musikalisch ist Fitzgerald & Rimini ein ausgereiftes Werk gelungen. Selten wurden bisher gesprochener Text, Geräusche und Musik so organisch ineinander verwoben. Es sind dabei oft die Feldaufnahmen Aeberhards, die weit entfernte Orte miteinander in Verbindung treten lassen. Das Grummeln der Züge im Tunnel unter dem Grauholz bei Bern mischt sich mit einer Kontrabassklarinette und dem Wind in ­einem Rohr auf dem Vulkan Krafla.

Diese musikalische Umsetzung hat nichts mit esoterischer Worldmusic zu tun, die Sounds klingen voll integriert, präsent, aber nicht aufdringlich. Zusammen mit den Texten von Graffenrieds und – am Konzert – einer fünfköpfigen Band lassen sie in unseren Köpfen ein ­Europa erstehen, das seine geheimnisvolle Stimmigkeit nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch Betonung der Vielfalt erreicht.

(Zueritipp)

Erstellt: 19.08.2015, 14:58 Uhr

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