Verhängnisvoller Raubzug in Marrakesch

Krimi der Woche: «Versammlung der Toten» des spanischen Journalisten Tomás Bárbulo ist ein raffinierter Noir-Thriller mit bedrohlicher politischer Komponente.

Autor Tomás Bárbulo ist auch Journalist und Maghreb-Spezialist. Sein Wissen lässt er geschickt einfliessen in seinen Krimi, dessen böses Ende man bereits früh zu spüren beginnt.

Autor Tomás Bárbulo ist auch Journalist und Maghreb-Spezialist. Sein Wissen lässt er geschickt einfliessen in seinen Krimi, dessen böses Ende man bereits früh zu spüren beginnt. Bild: Lisbeth Salas

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Der erste Satz

«He! Wo willst du hin?»

Das Buch
«Für wie dämlich hältst du mich?» Das Angebot klingt für Guapo zu gut, um realistisch zu sein: Juwelen im Wert von sechs Millionen Euro in einem Banktresor in Marrakesch, zu dem der Zugang über die Kanalisation möglich ist. Jean-Baptiste, ein angeblicher Juwelier, will Guapo und seine Freunde in Madrid für diesen Job anheuern. So beginnt «Versammlung der Toten», der erste Roman des 60-jährigen spanischen Journalisten Tomás Bárbulo.

Zusammen mit einem aus der Westsahara stammenden Ortskundigen und Tresorknacker, den sie nur den Sahraui nennen, sollen die Jungs gemeinsam mit ihren Freundinnen als Touristen getarnt nach Marokko fahren. Dort die Mauer zwischen der Kanalisation und der Bank einreissen und die Beute, die der Sahraui aus den Tresoren holt, davontragen. Zwei Millionen Euro soll am Ende ihr Anteil sein. Viel Geld für sie, die sich schwertun in den Zeiten der Krise in Spanien. Der eine zockt alte Menschen ab, denen er Anzahlungen an eine grosse Enzyklopädie abknöpft. Ein anderer verkauft Fische, doch das Geschäft läuft schlecht, und wegen Spielschulden hat er einen Kredithai im Nacken, den er schliesslich nur mit Gewalt loswird. Trotz Skepsis übernehmen die Jungs den Job.

Schon vor der Abreise nach Marokko im Kleinbus mit einem Geheimfach im Kofferraum glaubt man nicht so recht, dass diese Truppe, die nicht aus den hellsten Köpfen besteht, das wirklich auf die Reihe bekommt. Zumal Jean-Baptiste und der Sahraui offenbar ganz eigene Interessen verfolgen, von denen die Spanier nichts wissen. Während die vier Jungs und drei Freundinnen mit dem Sahraui Richtung Tanger unterwegs sind, macht sich ein Kumpel von Jean-Baptiste an die Freundin von Guapo heran, die zu Hause geblieben ist, weil sie hochschwanger ist.

Es ist eine raffiniert aufgebaute Geschichte, die Bárbulo gekonnt und mit viel Drive erzählt. Es gibt knackige Dialoge, und da der Autor als Journalist Maghreb-Spezialist ist, gelingen ihm stimmige Schilderungen von Land und Leuten, von den sozialen und politischen Zuständen, die aber nie belehrend sind, sondern perfekt in die Handlung passen. Mit hartem Blick zeigt er, wie die Underdogs aus Spanien sich in Marokko «diesen Arabern» überlegen fühlen. Dass diese Geschichte nicht gut enden wird, lässt Tomás Bárbulo einen schon von Anfang an spüren, und dann dreht er die Abwärtsspirale gnadenlos weiter und weiter. Am Ende erhält dieser spanische Noir-Roman dann, ziemlich überraschend, noch eine neue Dimension, die diese spannende Geschichte noch etwas unheimlicher und bedrohlicher macht.

Die Wertung

Der Autor
Tomás Bárbulo, geboren 1958 in La Coruña, Spanien, lebte als Kind eines spanischen Militärs in Sidi Ifni, bis Spanien die südlich von Agadir gelegene Küstenstadt am Atlantik 1969 an Marokko übergeben musste, danach bis 1975 in El Aaiún, der grössten Stadt der damals noch spanischen Westsahara, in der seither um die Unabhängigkeit von Marokko gekämpft wird. In Madrid wurde Bárbulo Journalist und arbeitete für verschiedene spanische Medien als Spezialist für den Maghreb und insbesondere die Westsahara; er war auch Korrespondent in Marokko, Tunesien, Algerien und in der Westsahara. Zudem beschäftigt er sich mit der afrikanischen Einwanderung in Spanien. 2002 veröffentliche er ein Buch über die «verbotene Geschichte der spanischen Sahara». Seit 2013 ist er Redaktor bei der grössten spanischen Tageszeitung «El País». «La asamblea de los muertos» (2017) ist sein erster Roman.

Tomás Bárbulo: «Versammlung der Toten» (Original: «La asamblea de los muertos», Salamandra, Barcelona 2017). Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Suhrkamp, Berlin 2018. 397 S., ca. 23 Fr.

Erstellt: 26.12.2018, 14:43 Uhr

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