Verschwunden und schon fast vergessen

Seit 50 Jahren rettet die Denkmalpflege Zeugen der Baukultur. Trotzdem gingen wichtige Werke verloren, viele am linken Ufer, wie eine Serie im Internet dokumentiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bis vor 20 Jahren prägte das ursprüngliche Fabrikgebäude der Firma Grob den Dorfeingang von Horgen. Es war ein hundert Meter langes Industriebauwerk, das von einer grossen Kuppel dominiert wurde. Erstellt und erweitert wurde es zwischen 1896 und 1907. Für das Grossunternehmen Grob war das imposante Fabrikgebäude ein Statussymbol, für den Denkmalschutz ein einzigartiger Zeuge der Industriearchitektur.

Dennoch erteilte der Horgner Gemeinderat 1988 nach einem jahrelangen Tauziehen die Bewilligung für einen Neubau und gab gleichzeitig grünes Licht für den Abbruch des alten Fabrikgebäudes. Für den Kanton und die Gemeinde stand der Erhalt von rund 500 Arbeitsplätzen im Vordergrund. Die Firma Grob hatte angekündigt, aus dem Kanton wegzuziehen, falls sie keinen Neubau erstellen könne.

Verlust schmerzt noch heute

Der Verlust schmerze noch heute, sagt Thomas Müller, Ressortleiter Dokumentation bei der kantonalen Denkmalpflege. Das Fabrikgebäude der Firma Grob ist eines der verschwundenen Baudenkmäler, welche die Denkmalpflege aus Anlass ihres 50-jährigen Bestehens auf ihrer Internetseite veröffentlichte.

Seit Anfang Jahr stellt sie jede Woche ein weiteres abgebrochenes Bauwerk vor. 33 sind bisher erschienen, davon standen acht - und damit jedes vierte - im Bezirk Horgen. Nebst dem Fabrikgebäude Grob sinds mehrere Wohngebäude sowie das frühere Hotel Belvoir in Rüschlikon und die ehemalige Seidenweberei in Gattikon.

Auch ein Horgner «Palast» fand Eingang in die Wochenbilder der Denkmalpflege. 1852 hatte ihn der Seidenindustrielle Hans Conrad Stäubli-Höhn als Geschäfts- und Wohnhaus erbauen lassen. Der Anzeiger des Bezirks Horgen hielt fest, dass der «Palast» und das Leben, das in ihm pulsierte, für die Entwicklung von Horgen als «Sydestädtli» von Bedeutung waren. 1963 kaufte die Gemeinde den «Palast», 1964 musste der klassizistische Bau der Neuüberbauung des Ortszentrums weichen.

Diese Häufung von verlorenen Baudenkmälern im Bezirk Horgen sei ein Zufall, sagt Müller. Er stellt den Gemeinden im Bezirk Horgen nicht generell ein schlechtes Zeugnis aus bezüglich ihrer Sensibilität für historische Bauten. Im Gegenteil, in den Seegemeinden sei die Dichte an herausragenden Bauwerken überdurchschnittlich hoch.

So existierten noch etliche aussergewöhnliche Fabrikantenvillen und Industriebauten. Sie entstanden, weil sich am linken Ufer reiche Industrielle niederliessen. Erwähnenswert findet Müller weiter die teilweise sehr alten Bauernhäuser auf dem Wädenswiler Berg.

Nicht nur spezielle Einzelobjekte blieben erhalten - auch ganze Ortskerne sind historisch von Bedeutung, namentlich jener von Richterswil, sagt Müller. Doch gerade auch in Richterswil mussten erhaltenswerte Gebäude Neubauten Platz machen. So beschreibt die Denkmalpflege in ihrer Serie im Web den Pilgergasthof Zum Engel an der Poststrasse 2, der 1982 abgebrochen wurde. Er war das bau- und kulturgeschichtlich bedeutendste Gebäude, das der neuen Seestrasse weichen musste. Nur gerade zwei Jahre später, 1984, erlitt Richterswil einen weiteren herben Verlust. Der Besitzer des Wohnhauses Zum Wilden Mann an der Chüngengasse 3/5 liess das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert abbrechen, «um einem in seiner Formensprache sich anbiedernden Ersatzbau Platz zu machen», wie die Denkmalpflege damals kritisierte.

Diskussion anregen

Die Denkmalpfleger hätten sich während der vergangenen Jahrzehnte hartnäckig bemüht, aber dennoch zahlreiche erstklassige Bauwerke nicht retten können, schreibt die kantonale Baudirektion in einer Medienmitteilung. Die meisten dieser Baudenkmäler seien längst aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden und in Vergessenheit geraten.

Die Web-Serie mit ausgewählten Objekten soll aber nicht anklagen, sondern zur Diskussion über den Wert historischer Bausubstanz anregen. Früher sei nicht alles besser gewesen - aber anders als heute, gibt die Baudirektion zu bedenken. Jeder Einzelne solle die Veränderung selber beurteilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2008, 07:40 Uhr

Blogs

Mamablog Die Tage der Ehe sind gezählt

Blog Mag Das Ende der Seifenoper

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.