Vom Zug zum Flug droht Kofferschleppen

Aus dem Flughafenbahnhof sollen die Gepäckrollwagen verbannt werden. Vertreter des öffentlichen Verkehrs reagieren entsetzt. Profitieren würden die Gepäckträger.

Am Flughafen-Bahnhof könnten die Gepäckrollwagen bald Vergangenheit sein.

Am Flughafen-Bahnhof könnten die Gepäckrollwagen bald Vergangenheit sein. Bild: Keystone

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Das wirtschaftliche Gedeihen des Zürcher Flughafens ist untrennbar mit dem öffentlichen Verkehr verbunden. Fast die Hälfte der Passagiere, Besucher und Angestellten reist mit dem Zug, Bus oder Tram an, wie die letzte Erhebung Ende März ergeben hat.

Nun droht dem Erfolgsmodell, das weltweit geschätzt wird, ein empfindlicher Dämpfer. Die Flughafenbetreiberin will Gepäckrollwagen nicht mehr im flughafeneigenen Bahnhof akzeptieren. Vor den entsprechenden Rolltreppen sollen Metallpfosten angebracht werden. Diese Information ist der Vereinigung Pro Bahn Schweiz, Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, zugetragen worden. «Für Bahnpassagiere ist also Kofferschleppen von Hand angesagt», ärgert sich der Pro-Bahn-Vizepräsident Kurt Schreiber. «Ein absoluter Unsinn!»

«Wir schauen das an»

Die SBB und die Flughafen Zürich AG versuchen, zu beschwichtigen. Es wird lediglich bestätigt, dass Verhandlungen geführt werden. Noch sei nichts entschieden. «Wir schauen das an», sagt Flughafensprecher Marc Rauch. Fakt ist: Perrons und Rolltreppen, die hinauf zur Check-In-Ebene führen, gehören den SBB. Der Boden, auf dem die Pfosten montiert werden sollen, gehört der Flughafenbetreiberin. Tatsächlich stammt die Idee, die Gepäckwagen von den Perrons zu verbannen, von der Flughafenbetreiberin selber. Man sei im Rahmen der routinemässigen Überprüfung der Betriebsabläufe darauf gekommen.

Was der Flughafen vorhabe, sei nichts anderes als eine Diskriminierung der Zugpassagiere, kritisiert die Vereinigung Pro Bahn. Der Slogan «mit dem Zug zum Flug» verkomme zur Farce. Als Begründung hätten die Verantwortlichen angegeben, es sei zu aufwändig, die Wägelchen im Bahnhofsbereich wieder einzusammeln. Die gleiche Position wie die Pro Bahn vertritt der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). «Wir sind mit dieser Massnahme überhaupt nicht einverstanden», sagt ZVV-Sprecherin Beatrice Henes. «Es ist nicht gut, wenn Bahnkunden gegenüber den Autofahrern benachteiligt werden.»

Parkhäuser nicht betroffen

Seitens der Flughafenbetreiberin wird bestätigt, dass ein «Wägeli-Verbot» nur für den Bereich der SBB-Perrons infrage komme. Der Busbahnhof und die Parkhäuser seien nicht tangiert. Ein generelles Verbot von Gepäckwagen auf Rolltreppen werde nicht geprüft, sagt der Flughafensprecher. «Nein, das steht im Moment nicht zur Diskussion.»

Pro Bahn hat neben der Flughafenbetreiberin einen Schuldigen ausgemacht: die EU. Einmal mehr übe sich ein schweizerisches Unternehmen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Europäischen Union. Gepäckwägelchen auf Rolltreppen seien zu gefährlich und deshalb in der EU nicht mehr zugelassen.

Einen Zusammenhang mit EU-Sicherheitsrichtlinien stellt der Flughafensprecher in Abrede. Es sei aber allgemein von einer Verschärfung der Sicherheitsrichtlinien innerhalb der EU auszugehen. Viele Normen werden auch in der Schweiz für verbindlich erklärt. So gibt es die Richtlinie «EN 115-1», welche die Sicherheit von Fahrtreppen regelt. Sie verlangt, dass Kinderwagen nicht mehr auf Rolltreppen, sondern per Lift transportiert werden. Piktogramme in Bahnhöfen und Einkaufszentren sollen auf die Gefahren beim Treppenfahren hinweisen.

Zu den Gewinnern eines «Wägeli-Verbots» dürften die Gepäckträger zählen. Wer seine Koffer nicht selber tragen will, muss dafür ins Portemonnaie greifen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2010, 07:38 Uhr

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