Vorgeführt und blamiert

2:5 – die Schweizer erhielten von Frankreich eine Lehrstunde, die alles infrage stellt, was sie zuletzt erreicht hatten. Nun kommt es gegen Honduras zum grossen Charaktertest.

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Sie wollten zeigen, wie gut sie sind, sie redeten sich stark, sie sahen sich auf Augenhöhe mit dem Gegner. Am Ende waren sie nur Maulhelden, vorgeführt und bis auf die Knochen blamiert. Gegen Frankreich sahen sie im wunderbaren Stadion von Salvador, was ihnen zur wahren Spitze des Weltfussballs fehlt.

Nach einer Viertelstunde begann der Untergang schon, höchstens 25 Minuten später gab es keine Rettung mehr. Am Ende stand es schliesslich 2:5, es hätte auch 1:7 oder ähnlich lauten können, wenn die Franzosen die Aufgabe bis zuletzt etwas ernster genommen und den bemitleidenswerten Schweizern nicht noch zwei Tore durch Dzemaili und Xhaka erlaubt hätten.

In der ersten Halbzeit hatten die Schweizer falsch gemacht, was sie nur falsch machen konnten, sie gerieten 0:1, 0:2 und 0:3 in Rückstand, und hätte Benaglio nicht einen Elfmeter abgewehrt und Cabaye den Nachschuss nicht an die Latte gesetzt, hätte es zur Pause noch übler ausgesehen.

Erneut nicht bereit

Es hatte die Chance gegeben, dass sich die Schweizer mit einem Sieg vorzeitig für die Achtelfinals qualifizierten, falls Ecuador und Honduras im zweiten Gruppenspiel unentschieden gespielt hätten (Spiel nach Redaktionsschluss). Auf dem Papier, ja, aber jetzt steht ihnen am Mittwoch noch die unwägbarste Aufgabe bevor, im Dschungelstadion von Manaus gegen Honduras. Es wird ihre ganz grosse Nervenprobe, ihr ganz grosser Charaktertest.

Gestern waren sie nicht bereit, und das waren sie schon am Sonntag gegen Ecuador eine Halbzeit lang nicht gewesen. Da hatten sie einfach das Glück gehabt, dass der Gegner nicht von spezieller Klasse war und sie in der 93.Minute den Sieg erzwingen konnten. Gegen Frankreich aber fehlte ihnen selbst das Glück, sie verdienten es sich auch nicht – weder bei Xhakas Tor in der 27. Minute, das wegen Offsides nicht gegeben wurde, aber durchaus hätte zählen können; noch drei Minuten später bei Shaqiris schwachem Schuss.

Es wäre beide Male das Anschlusstor gewesen. Aber ob das etwas geändert hätte? Nicht so, wie die Verhältnisse gestern lagen, nicht in diesem Spiel, in dem die Schweiz dann vom Tempo, von der Physis und vom Spielerischen her überfordert war, als es wirklich zählte, als Frankreich Lust zur Dominanz verspürte.

Und das war besonders in der ersten Halbzeit der Fall. Beim 0:1 in der 17. Minute: Rodriguez spielt Valbuena den Ball in die Füsse, es gibt den Corner, bei dem Giroud mit seinem mächtigen Körper die Schweizer, allen voran Valon Behrami, überfordert und Benaglio auch nicht überzeugend aussieht.

Beim 0:2 60 Sekunden später: Rodriguez spielt den Ball in die Mitte, Behrami ist umringt von drei Franzosen und wählt die schlechteste aller Möglichkeiten: einen Rückpass in die Füsse von Benzema, der zu Matuidi passt, der Benaglio in der nahen Ecke erwischt – ein schwerer Goaliefehler. Beim Penalty in der 31. Minute: Lichtsteiner leistet sich einen schlimmen Fehlpass und Djourou ein naives Foul gegen Benzema.

Beim 0:3 in der 40. Minute: Die Schweizer werden nach ihrem Corner ausgekontert, klassisch. Innert zehn Sekunden stürmen die Franzosen das ganze Feld und machen Valbuena den Weg zum leichten Abschluss frei.

Das Problem Shaqiri

Die Schweizer wussten nicht, wo ihnen der Kopf stand, sie bekamen eine Lehrstunde – jeder einzelne, der auf dem Platz war, aber auch der Mann an der Seite, Trainer Ottmar Hitzfeld. Die WM sollte der passende Abschluss seiner grossen Karriere sein, das Erreichen des Viertelfinals formulierte er als Erfüllung eines Traums. Jetzt muss er schauen, dass seine Ära nicht mit einer bitterbösen Enttäuschung endet.

Gegen Ecuador hatte er noch geglänzt mit seinen Einwechslungen, nun zahlten sich seine Änderungen überhaupt nicht aus. Aber entscheidend waren sie nicht. Entscheidend war, dass da keine Mannschaft auf dem Platz stand, sondern ein wilder Haufen überforderter Spieler.

Benaglio war nicht der Benaglio guter Tage, Lichtsteiner, laut eigener vollmundiger Aussage einer der besten fünf Verteidiger der Welt, war noch schlechter als gegen Ecuador, Rodriguez entzauberte sich gleich selbst; die Innenverteidiger Djourou und Senderos, er früh für den am Kopf verletzten Von Bergen eingewechselt, waren sehr, sehr unsicher. Und so ging das weiter, immer weiter, über Behrami und Inler, das unterirdische Duo im Mittelfeld, bis zu den vier Offensivspielern. Oder jenen, die das sein sollten.

Mehmedi liess als einziger etwas das Bemühen spüren, etwas machen zu wollen. Und sonst? Xhaka: ein Ausfall. Seferovic: ein Ausfall. Shaqiri: ein totaler Ausfall. Gerade er, der 22-Jährige, befindet sich in einer sehr schwierigen Phase, weil er ein offensichtliches Handicap hat: sein übersteigertes Selbstvertrauen. Auch diesmal wirkte er überheblich, hatte die Allüren eines Stars, der beleidigt liegen blieb, wenn er den Ball verloren hatte.

Viele Fragen bis Mittwoch

Hitzfeld wird sich bis Mittwoch viele Fragen stellen müssen, wie er auf dieses Debakel reagieren kann, wie er reparieren kann, was nun alles kaputt gegangen ist, auf welche Spieler er setzen kann (zum Beispiel den eingewechselten Dzemaili?). Bis gestern hatte er geglaubt, in den letzten dreieinhalb Jahren sei eine solide Basis entstanden. Aber auch er ist einem fatalen Irrtum erlegen. Dafür hat bereits der erste richtig ernsthafte Belastungstest genügt.

Übrigens: In der Fifa-Weltrangliste liegt die Schweiz auf dem 6., Frankreich auf dem 17. Platz. In Salvador ist sie ad absurdum geführt worden.

Erstellt: 21.06.2014, 00:03 Uhr

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