Vorolympische Hexenjagd auf selbstkritische Chinesen

Die chinesische Fackelträgerin Jin Jing wurde in Paris zur Nationalheldin, ein paar Tage später galt sie als Verräterin. So schnell geht das im China der vorolympischen Erregung.

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Jin Jing, 28 Jahre alt, die erste olympische Heldin dieser Sommerspiele. Die berühmte Fackelträgerin. Die im Rollstuhl sitzend das olympische Feuer schützend an ihre Brust drückte, reflexartig, während ihr ein Demonstrant an den Haaren riss. Die «Heldin von Paris».

Es war ein Moment, den sich kein Propagandaministerium schöner hätte ausmalen können. Die Fechterin, die durch Krebs ein Bein verloren hat. So zerbrechlich. Und doch so mutig! «Fräulein Jin ist ein lächelnder Engel im Rollstuhl», dichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Über Nacht war sie berühmt. Jin Jing, der Liebling der Nation, der die chinesische Nationalehre gegen die bösen Landesfeinde verteidigte. Firmen aus dem ganzen Land boten der arbeitslosen Behinderten Jobs an.

Und jetzt das. Nur ein paar Tage später. «Halt dein Maul, Jin Jing! Sie hat ein Bein verloren, und jetzt auch noch den Verstand», schreibt ein Chinese aus Guangdong im Internet. «Fick dich, Verräterin!», speit Linyi aus Shandong. «Kein Wunder, dass sie ihren Arbeitsplatz verloren hat. Hirnlos», schäumt ein Mann aus Dalian. «Soll sie doch verrecken.»

Gut eingeübte Opfermentalität

Und das alles nur, weil Jin Jing gesagt hat, sie sei gegen den Boykott der französischen Supermarktkette Carrefour in China. «Ich unterstütze alles, was nicht Chinesen verletzt. Aber bei Carrefour arbeiten immer noch viele chinesische Angestellte», sagte Jin Jing. So ist das mit Chinas Nationalstolz. Da gibt es keine Grautöne, nur schwarz oder weiss. Freund oder Feind. Der böse Westen, hat die Kommunistische Partei ihrem Volk nun eingeredet, gönne den Chinesen die Olympischen Spiele nicht. Und der böse Dalai Lama, dieser «Wolf in Mönchskutte». Alles Verschwörer. Über Carrefour kursiert das Gerücht, es unterstütze die «Unabhängigkeit Tibets». Wahr oder nicht, danach fragt keiner. Die Opfermentalität der Chinesen, in Hunderten von Schulstunden über den Opiumkrieg und die japanischen Besatzer sorgsam genährt, jetzt darf sie lustvoll ausgelebt werden.

Selbst die Kinder werden indoktriniert. Gestern in Peking. Die 13-jährige Wei Xinyi kommt aus der Schule nach Hause. «Mama», sagt sie mit ernster Miene, «du darfst nicht mehr bei Carrefour einkaufen.» Der Englischlehrer habe das an die Tafel geschrieben. Die Mutter wird wütend. «Was haben denn die Kinder getan, dass man sie da mit reinzieht?» Eine Mitschülerin hatte den Lehrer gefragt, wo die Angestellten von Carrefour denn Arbeit finden sollen, wenn der Supermarkt pleite geht. «Frag nicht so viel», schnauzte der Lehrer zurück, «sag einfach deinen Eltern, sie sollen da nicht mehr hingehen.»

Chinas Regierung gefällt so was. «Kürzlich haben einige Chinesen ihre Meinungen und Gefühle zum Ausdruck gebracht», sagt Jiang Yu, Sprecherin des Aussenministeriums, als sie nach dem Boykottaufruf gegen französische Waren gefragt wird. «Frankreich sollte über diese Sache reflektieren.» Geschieht euch recht, Franzosen! Wenn sich der Volkszorn gegen den Westen entlädt, stützt das die Partei.

Kaum jemand fragt dann noch, warum die Tibeter so unglücklich sind, dass sie in Lhasa und Dutzenden von Klöstern und Dörfern aufbegehrten. Ohnehin erfahren die Chinesen nicht, dass jetzt Tausende von unschuldigen Tibetern im Gefängnis verschwinden. Sie haben nur Bilder eines «prügelnden tibetischen Mobs» in Lhasa gesehen. Fotos erschossener Tibeter zirkulieren nur im Ausland, zu grausig zum Abdruck. Was China sieht, ist nicht, was der Rest der Welt sieht. Noch «111 Tage» zeigt die grosse Uhr auf der Flughafenstrasse. Bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele. «Eine Welt, ein Traum», steht darüber.

Vom nationalistischen Mob gejagt

Ein paar Chinesen wollen diesen Traum nicht aufgeben. Sie äussern sich selbstkritisch. Sie denken nach. Es gibt nicht nur nationalistische Chinesen. Es gibt zum Beispiel Tang Danhong. Die 43-jährige chinesische Dokumentarfilmerin ist viel in Tibet gereist. «Warum können wir nicht verstehen, dass Menschen verschiedene Werte haben?», fragt sie. Warum können wir uns nicht mit dem Dalai Lama zusammensetzen, der Rufe nach Unabhängigkeit aufgegeben hat und jetzt für einen «mittleren Weg» eintritt? «Ich bin so traurig.»

Kaum hatte sie diese Gedanken im Internet veröffentlicht, da meldete sich auch schon der nationalistische Mob. «Sie haben eine Menschenfleischsuche nach mir ausgeschrieben», sagt Tang Danhong am Telefon. Menschenfleischsuche, so heisst das wirklich. Die Hatz im Internet hat begonnen. Die moderne Hexenjagd. Ihr Foto soll veröffentlicht werden. Ihre Telefonnummer. Ihre Adresse. Und dann ist alles möglich. Dann warte bloss! Tang bleibt derzeit vorsichtshalber in Israel, bei ihrem Mann.

Wang Deyu haben sie schon aufgespürt. Den Vater von Grace Wang, der 21-jährigen chinesischen Auslandsstudentin an der Duke University in Durham, North Carolina, USA. Grace hatte vermitteln wollen, als auf ihrem Campus nationalistische Auslandsstudenten und protibetische Demonstranten stritten. Jetzt bekommt sie Morddrohungen. Auch ihr Vater daheim in Qingdao. Neulich haben sie ihm einen Eimer mit Fäkalien vor die Haustür gekippt. Er hält sich jetzt versteckt. Voller Angst um seine Familie schrieb Wang Deyu eine öffentliche Selbstkritik. Darin sagte er sich von seiner Tochter los. «Als ihr Vater entschuldige ich mich bei der chinesischen Gemeinschaft in aller Welt.» Gestern noch ein stolzer Vater. Heute ein Nervenbündel.

Erstellt: 11.07.2008, 15:43 Uhr

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