Was die Handy-Daten von Touristen zeigen

Planen Sie eine Reise ins Elsass? Falls ja, könnte Ihr Handy wertvolle Daten liefern.

Testgebiet: Marseille mit dem Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers und der Kathedrale im Hintergrund.

Testgebiet: Marseille mit dem Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers und der Kathedrale im Hintergrund. Bild: Reuters

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Mit dem kommerzielle Dienst «Flux vision» (Fluktuations-­Untersuchung) will der französische Telefonieanbieter kommerziell oder lenkungsspezifisch nutzbare Statistiken zu Bewegungen von Touristen und Einheimischen verkaufen. Orange Business Services testet den Dienst bereits seit November 2013 in der Region Marseille, wie Projektleiter Jean-Luc Chazarain bestätigt. Die Geschäfts-Division von Orange France konnte zudem bislang rund ein Drittel regionaler Tourismus-Behörden, unter anderem den Dachverband Comité Régional de Tourisme (CRT) in Colmar, für die Einführung erster Einsatz-­Versuche gewinnen.

Laut Chazarain bietet die Methode «fantastische Aussage-Möglichkeiten», welche die Zahlen aus Besuchererhebungen absolut übertrumpfen könne. Benoît Gangneux, Direktor des CRT in Colmar, schwärmt enthusiastisch: «Die ungenauen, aber teuren Besuchererhebungen nach bisheriger Methode lassen sich mit ‹Flux vision› verfeinern. Zudem eröffnet die Orange-Statistik ein weites Feld von Aussagen und Steuerungsmassnahmen.» Es könne die Teilnehmerzahl an einer Grossveranstaltung ebenso ermitteln wie die Frequenz einer touristischen Stätte. Aber das Programm kann noch mehr: Wohin reist der Tourist, wo steigt er wie lange ab, wo reist er herum, hat er einen festen Hotelaufenthalt, wie lange hält er sich dort auf, und nicht zuletzt, wie beeinflusst das Wetter und die Jahreszeit sein Verhalten? Gemäss Gangneux vom CRT kann statistisch auch erhoben werden, woher der Tourist kommt: Ob aus Innerfrankreich oder aus einem ausländischen Staat. Auch Open-Air-Konzerte sind erfassbar.

Laut «Flux vision»-Projektleiter Chazarain dienen diese Zahlen den grossen Körperschaften dazu, «neue Begleitachsen der lokalen Agenturen» zu schaffen. Damit können die Verbände die Beratung von Hoteliers und Restaurateuren bei der Definition ihrer strategischen Attraktivität und der Betreuung der Touristen individuell anpassen, damit diese unmittelbar auf die Bedürfnisse der Kundschaft zu antworten imstande sind.

Willkommenes Geschäftsfeld

Immerhin sind bei Frankreichs grösstem Provider Orange France nach Angaben der Mediensprecherin Gwenaëlle Martin-Delfosse rund 27 Millionen Handy-Nutzer abonniert. Das entspricht einem Marktanteil von knapp 40 Prozent. Den Rest teilen sich in kleineren Tranchen die Anbieter Buygues, SRF und der Billiganbieter Iliad. Der frühere Monopolist France Télécom steht aber unter hartem Preisdruck. Der Umsatz ist laut der Deutschen Presse-Agentur rückläufig und bewegt sich noch auf rund zehn Milliarden Euro, sodass der Konzern, dem Orange Schweiz nicht mehr angehört, kräftig in den Ausbau neuer Dienstleistungen investiert.

Die Franzosen stellten in der Mathematik schon immer herausragende Köpfe, deren Algorithmen-Forschung oft Meilensteine in der Computer-Technologie setzten. So basiert auch «Flux vision» auf einem hochkomplexen Algorithmus, der aufgrund statistischer Methoden und Gesetzmässigkeiten durch eine Hochrechnung zu einer sehr präzisen Aussage gelangen kann: Dies, weil natürlich die Daten der Mitkonkurrenten, also die Signale der Handynutzer anderer Provider, nicht verwendet werden können. CRT-Direktor Gangneux gibt dazu das Beispiel von repräsentativen Umfragen, die bisher konventionell bei oftmals lediglich um die 1000 bis 1600 Personen erhoben wurden, aber dennoch ziemlich zutreffende Aussagen ergaben.

Budget von 20'000 Euro für 2015

Somit führe die enorme Datenmenge durch die Handy-Nutzer auch zu maximalen Ergebnissen. Und dies erst noch mit weniger personellem und finanziellem Aufwand als die konventionell erhobenen Zahlen über Bettenbelegung, Besucherzahlen, Eintritte zu Veranstaltungen oder Verkehrswege. Da die Tourismus-Verbände, deren Grossteil an Mitgliedern kleinere Restaurateure oder Hoteliers sind, meist beschränkte Budgets zur Verfügung haben, stehe der Nutzen von «Flux vision» gegenüber dem Aufwand herkömmlicher Statistikerhebungen in keinem Verhältnis: Nach der Ende Jahr ablaufenden Testphase habe CRT für 2015 für den definitiven Einsatz der enorm differenzierenderen Handy-­Statistik ein Budget von 20 000 Euro geplant. Wie sich die Aussagen der Tages-, Wochen- und Monatszahlen verwenden lassen und wo neue Ansprüche angemeldet werden, dürfte sich dann weisen.

Weisen dürfte sich allerdings auch, ob die an der gemeinsamen Pressekonferenz mit CRT und «Flux vision» in Strassburg genannten Beispiele von Publikumsstätten auch tatsächlich derart aus der Luft gegriffen sind, wie viele kritische Stimmen im Elsass hinter vorgehaltener Hand mutmassen. Wie dannzumal mit den tatsächlichen Zahlen umgegangen wird, dürfte auch von der Bereitschaft zur Transparenz der auftraggebenden CRT abhängen. Denn die Tourismus-Verbände hängen ebenso direkt oder indirekt am Topf der öffentlichen Finanzen wie auch der «Parc du Petit Prince» oder das Ecomusée d’Alsace. Dieses hat sich nach dem Weggang der erfolgreichen Gründer um Marc Grodwohl zu einem folkloristischen Unterhaltungspark entwickelt und enorme finanzielle Einbussen durch Besucherschwund erlitten.

Daten bleiben anonym

«Flux vision» eröffnet gemäss Orange Business zumindest europaweit ein breites Anwendungsfeld: so zum Beispiel bei der Strassenverkehrsplanung, bei Manifestationen oder bei der Interpretation von Zuspruch und Mobilität von Kunden grosser Einkaufszonen. Die Anonymität der Daten sei in Frankreich und ebenso international – also auch in der Schweiz – mit dem internationalen Fernmeldeabkommen gewährleistet. Gegenüber Google, dessen Projekt in den USA noch nicht eingesetzt werden könne, weise somit Orange einen enormen Wettbewerbsvorteil auf, was in Aussicht stelle, dass die Software auch in anderen Ländern zum Tragen kommen könne. Swisscom bietet beispielsweise keinen vergleichbaren Dienst, sieht man vom gemeinsam mit dem Bundesamt für Strassen geplanten Projekt für die Erfassung der Verkehrsflüsse auf Schweizer Autobahnen ab. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.11.2014, 13:10 Uhr

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