Wenn der Chef an Ostern anruft

Die Mehrheit der Angestellten ist an Feiertagen erreichbar, müsste es aber nicht sein. Im Zweifelsfall hilft nur eins – abschalten.

In den Ferien müsste man für den Chef nicht erreichbar sein: Eine Frau in Zürich (Symbolbild).

In den Ferien müsste man für den Chef nicht erreichbar sein: Eine Frau in Zürich (Symbolbild). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Endlich ausspannen mit der Familie, vielleicht ein kleiner Ausflug in die Berge oder einfach mal wieder eine Partie Minigolf spielen. Darauf freuen sich viele Angestellte vor den Osterfeiertagen. Doch die paar Freitage bedeuten heute nicht per se, dass man Ruhe vor der Arbeit hat. «Für meinen Vorgesetzten ist es selbstverständlich, dass ich rund um die Uhr erreichbar bin», sagt Brigitte Schneider*, Sekretärin. Eine SMS um Viertel nach eins nachts, Anrufe am Weihnachtstag – der Chef kennt kein Pardon. «Das Handy ist kein Segen, sondern ein Fluch. Weil ich ständig erreichbar bin. Und zu sein habe.» Schneider wünscht sich in solchen Momenten die verhasste Stempeluhr zurück.

Mit deren Verschwinden und der Einführung von Handy und E-Mail wurde die permanente Erreichbarkeit zur Realität. Und jeder Arbeitnehmer weiss mittlerweile dank detaillierter Jobprofile, was er zu leisten hat. Das führt dazu, dass er Arbeit mit nach Hause nimmt oder eine Telefonkonferenz mitten in den Ferien ansetzt.

Recht auf ungestörte Freizeit

Entsprechend wurden noch nie so viele Überstunden geleistet wie heute: Laut einer repräsentativen Studie des Telekom-Unternehmens Swisscom vom vergangenen Sommer sind 57 Prozent der Arbeitnehmer in der Schweiz für Vorgesetzte und Mitarbeiter auch nach Feierabend erreichbar, 48 Prozent gar an Feiertagen. Vor diesem Hintergrund ist es mit der viel diskutierten Work-­Life-Balance nicht weit her.

Versuche, etwas an dieser Kultur zu ändern, wirken meist ungelenk, wie etwa die Betriebsvereinbarung beim deutschen Autobauer VW: Diese sieht vor, dass Angestellte eine halbe Stunde nach Arbeitsende nicht mehr über das Blackberry-Netz erreicht werden können. Betroffen von der Vereinbarung sind aber lediglich 1100 Mitarbeiter, die im Rahmen eines Tarifvertrags angestellt sind. Für Tausende andere Arbeitnehmer des Unternehmens gilt der Deal nicht. Erreichbarkeit rund um die Uhr, lautet die Devise. Das müsste nicht sein. Auch nicht in der Schweiz.

Jeder Arbeitnehmer hat das Recht auf eine ungestörte Freizeit: An Sonntagen und an Feiertagen gilt in der Schweiz ein Arbeits- und Beschäftigungsverbot. «Will ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter an solchen Tagen beschäftigen, braucht er eine arbeitsgesetzliche Bewilligung», sagt Gili Fridland, auf Arbeitsrecht spezialisierte Advokatin bei Vischer Anwälte in Basel.

Thema ansprechen

Darüber hinaus müsse der Arbeitnehmer mit der Sonntagsarbeit und der Arbeit an Feiertagen einverstanden sein. Ist er damit nicht einverstanden und «wird er deswegen entlassen, könnte die Kündigung missbräuchlich sein», sagt Fridland. Die Vorschriften zur Sonn- und Feiertagsarbeit sind im Arbeitsgesetz geregelt und gelten auch für Kaderangestellte. Ausnahmen gelten laut Fridland nur für höhere leitende Angestellte, «also die höchste Riege im Unternehmen».

Fazit: Als «normaler» Mitarbeiter muss man an den bevorstehenden Feiertagen nicht erreichbar sein. Doch wie soll man das dem Chef verklickern, der es gewohnt ist, sich wie im Fall von Brigitte Schneider zu Unzeiten zu melden? «Das Gespräch suchen, und wenn das nicht weiterführt, ist das Anliegen schriftlich festzuhalten», sagt Fridland. Weiter rät die Advokatin, zusätzliche Arbeitszeiten und Einsätze zu notieren und diese dem Chef monatlich mitzuteilen.

Bärbel Kerber, Wirtschaftswissenschaftlerin und Fachjournalistin mit Schwerpunkt Arbeitswelt und Psychologie, rät Angestellten aber, ein wenig kulant zu sein mit den Vorgesetzten. «Anfragen vom Chef am Wochenende oder Feiertagen einfach zu ignorieren, ist sicher nicht klug», sagt die Deutsche, die vor zehn Jahren das Buch «Die Arbeitsfalle» geschrieben hat. «Wenn es nur seltene Ausnahmefälle sind, mag man vermutlich dennoch darauf antworten. Hat man aber den Eindruck, die Angelegenheit hätte bis Montag warten können oder dass die Störungen zur Regelmässigkeit werden, sollte man das Thema in der Firma ansprechen.»

Eigene Work-Life-Balance

Denn Mitarbeiter, die nach Feierabend dem Chef regelmässig und ohne Wenn und Aber zur Verfügung stehen, sind laut Kerber weit mehr Burn-out-gefährdet als solche, die das Wochenende mit Freunden und Familie verbringen dürfen. In «Die Arbeitsfalle» beschreibt Kerber das Phänomen, dass die Leute plötzlich quasi «freiwillig» bis zum Umfallen arbeiten. «Bestand im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert vor allem die Gefahr der Fremdausbeutung, droht mittlerweile in der Dienstleistungsgesellschaft des 21. Jahr­hunderts plötzlich das Gegenteil: die Selbstausbeutung», schreibt sie.

Die beste Möglichkeit laut Kerber, seine Work-Life-Balance heute effektiv zu erhalten: «Wer kann: Alles abschalten. Das ist sicher der beste Weg.» Denn die Verlockung, immer wieder E-Mails zu checken, sei doch gross. «Am Ende ist es ja nicht selten eine Frage des Egos, also ob ich mich durch solche Anrufe in meiner Freizeit nicht auch geschmeichelt fühle und deshalb gar nichts dagegen unternehmen möchte.» Kerber selbst hat sich zugunsten ihrer eigenen Work-Life-Balance angewöhnt, am Wochenende das Telefon auf stumm zu schalten und nur einmal morgens und abends draufzuschauen. «Das muss genügen und tut es auch.»

«Ab wann ist ein Notfall ein Notfall?»

Während Leute wie Bärbel Kerber genau auf die Balance achten, pfeifen andere auf diese. So zum Beispiel Organisationsguru Rosh Ashkena. Auf Forbes.com erzählte er, wie er mitten in seinen Ferien eine Telefonkonferenz organisierte – ohne ungutes Gefühl. Denn erstens schaffe er so das ständige schlechte Gewissen ab, zu wenig zu arbeiten. Ausserdem sei er nach dem Telefonat ja wieder ganz für die Familie da gewesen. Zweitens sei man viel produktiver, wenn man seine Zeit nicht strikt in «Arbeit» und «privat» einteile.

Laut Advokatin Fridland von Vischer Anwälte ist es fraglich, «ob die ständige Erreichbarkeit dem Erholungszweck der Ferien nicht entgegensteht. Etwas anderes ist es, wenn der Arbeitnehmer nur in Notfällen erreichbar sein muss». Aber ab wann ist ein Notfall denn ein Notfall? Im Zweifelsfall hilft eben doch nur eins: abschalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.03.2013, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich arbeite drei Stunden pro Tag – der Rest ist Präsenzzeit»

Hintergrund Wie der Verwaltungsangestellte Roger* sind rund 10 bis 20 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer unterfordert. Ein Phänomen, das grossen wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Mehr...

60 Prozent der Angestellten sind Tagträumer

Umfrage Mehr als die Hälfte der Angestellten verstösst am Arbeitsplatz gegen die Regeln. Am häufigsten sind Träumereien, zu lange Pausen und zu wenig Einsatz. Dies zeigt eine Umfrage der Universität und ETH Zürich. Mehr...

Druck am Arbeitsplatz ist laut Umfrage grösste Sorge der Schweizer

Versicherungen Sichere Liebe ist den Schweizern wichtiger als ein sicherer Job - der Druck am Arbeitsplatz macht aber zu schaffen, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Versicherers Zurich hervorgeht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ihr Kopf ist so gross wie das Junge: Das Nashhorn Baby Kiano steht im Zoo von Erfurt neben seiner Mutter. (15. Januar 2019)
(Bild: Martin Schutt) Mehr...