«Wer improvisiert, muss etwas zu erzählen wissen»

Richard Schmied, Organisator des 4. Blues- und Jazzfestivals im Amphitheater Hüntwangen, erklärt Jazz und räumt mit Vorurteilen auf.

Er ist ein grosser Jazzkenner und will auch anderen den Zugang zu diesem Musikstil ermöglichen: Richard Schmied, Organisator des 4. Blues- und Jazzfestivals im Amphitheater Hüntwangen.

Er ist ein grosser Jazzkenner und will auch anderen den Zugang zu diesem Musikstil ermöglichen: Richard Schmied, Organisator des 4. Blues- und Jazzfestivals im Amphitheater Hüntwangen. Bild: Christoph Kaminski

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Herr Schmied, viele Menschen können mit Jazz wenig anfangen: Sie verbinden es mit Chaos und elitärem Gehabe . . .
Dass es diese Vorurteile gibt, ist nicht zu bestreiten. Aber ich mache häufig die Erfahrung, dass sie sich legen, sobald sich jemand auf die Musik einlässt. Erst wenn man sich mit Jazz befasst, erkennt man das Potenzial – entdeckt man die Geschichten, die sich mit dieser Musikrichtung erzählen lassen.

Wie erzählt man mit Instrumenten Geschichten?
Das ist schwierig zu erklären. Häufig beginnt es mit einem Gefühl, das ein Mitglied der Band mit seinem Instrument ausdrückt. Ein anderes nimmt das Gefühl auf und führt das Motiv auf seine Weise weiter. So entsteht ein Dialog oder eine Art Fortsetzungsgeschichte mit verschiedenen Autoren.

Ist es vielleicht das, was viele als Chaos empfinden?
Möglich. Jazz ist sicher die freieste Art des Musizierens. Und wenn jeder seine Ideen einbringt, kann Unordnung entstehen – aber auch eine neue Melodie. Das hängt von der Qualität der Musiker ab. Zudem gibt es im Jazz enorm viele Stilrichtungen. Im Free Jazz zum Beispiel habe selbst ich Mühe, die Dialoge herauszuhören. Es ist wie in der Malerei. Manche Bilder kann man auf den ersten Blick verstehen, andere erst nach einer gewissen Zeit.

Wie schafft man es, diese Dialoge zu führen?
Wer improvisiert, hat etwas zu erzählen. Und so kann jedes Mitglied einer Band die anderen mit seiner Geschichte bereichern. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Geschichten herauszuhören. Das Hören ist das A und O im Jazz.

Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass die Band das Publikum völlig vergisst?
Manchmal wird diese Intimität sogar demonstrativ eingesetzt. Im Zürcher Moods habe ich einmal ein Konzert besucht, bei dem Musiker während des ganzen Auftritts dem Publikum den Rücken zeigten. Mein Ding ist das nicht. Ich spiele in erster Linie für das Publikum. Dieses kann mich zu Höchstleistungen animieren. Was nicht heisst, dass ich deshalb Konzessionen machen müsste. Ich kann immer nur meinen eigenen Charakter zum Ausdruck bringen.

Kann das Publikum eine Jazzband überhaupt beeinflussen?
Ich erinnere mich an ein Konzert in Paris, das ich mit Jazzfreunden eher zufällig besucht habe. Der Saal war beinahe leer, die Band spielte offensichtlich nur für die Gage. Bis wir angefangen haben, jedes Stück und jedes Solo zu beklatschen. Prompt steigerte sich die Band. Vor dem Eingang bekamen die Leute die Stimmung mit, strömten in den Saal, und die Musiker spielten sich in einen Rausch.

Mitklatschen ist also erlaubt. Wie straft das Publikum eine Jazzband?
Indem es nicht zuhört und lauter spricht als die Musik.

* Der Hüntwanger Richard Schmied organisiert am Samstag, 21. August in seinem Wohnort das 4. Amphi Blues- und Jazzfestival. Der 68-Jährige spielt Trompete bei den Jazz Ambassadors. Er hat die Band gegründet. Sie spielt Dixieland, Chicago und Swing und tritt am Samstag ebenfalls auf einer der drei Bühnen auf. Ein Saxofonstück löste beim jungen Schmied die Begeisterung für den Jazz aus. Weil er sich damals ein Saxofon nicht leisten konnte, begann er Trompete zu spielen.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2010, 21:23 Uhr

Jamsession

Wenn Musiker aus verschiedenen Bands miteinander spielen, entsteht eine Jamsession. Auch am Blues- und Jazzfestival in Hüntwangen steht diese Form der Improvisation auf dem Programm. Unter der Leitung des Profimusikers und -entertainers Sid Kucera wird mit diversen Gastmusikern gejammt. Jeder, der sich einen Einsatz zutraut, ist eingeladen, sein Instrument mitzunehmen, sich an der Kasse anzumelden und mitzumachen. Die Jamsession wird von 21.30 Uhr bis Mitternacht auf der Bühne im Räbhüsli durchgeführt. (hz)

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