Wie ich Oster-Fan wurde

Güzin Kar schreibt diese Woche über ihr erstes Oster-Erlebnis.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Ich bin völlig religionsfrei aufgewachsen, was den Nachteil hat, dass ich viele Gebräuche und Rituale nicht kenne. So kann ich kein einziges Kirchenlied mitsingen, ich weiss nicht, was man in einer Moschee tun oder lassen soll, und nie werde ich den Lachanfall meines jüdischen Ex-Freundes vergessen, als ich vom Laubsägenfest sprach.

Mein Nichtwissen hat allerdings auch den Vorteil, dass ich mich den entsprechenden Gebräuchen, so ich eingeladen werde, daran teilzunehmen, vorurteilsfrei hingeben kann. Ich liebe Hochzeiten in der Kirche, finde alle Beerdigungszeremonien sinnvoll, und das Krippenspiel in der Schule nahm ich sehr ernst, obwohl ich nur ein Schaf spielen durfte. Der Drang zur Abgrenzung, der viele ereilt, die sich bewusst von ihrer Religion abwandten, ist mir fremd. Was nicht zu verwechseln ist mit Kritiklosigkeit, denn ich liebe nicht den Glauben, sondern die Rituale.

Als ich Ostern entdeckte, war ich sechs Jahre alt. Im Jahr davor waren wir in die Schweiz gekommen, ich lernte Deutsch und wie man sich auf dem Spielplatz gegen grosse Jungs durchsetzt. Meine Mutter hatte eine Heimarbeit gefunden. Der Dorfschneider fertigte im Auftrag der Schweizer Armee deren Uniformen an und gab serielle Arbeiten wie Etiketten und Knöpfe annähen an auswärtige Näherinnen weiter. Mein Auftrag bestand darin, die Kleidungsstücke vom Schneider zu holen und die fertigen Teile zu ihm zurückzubringen. Allein dies berechtigte mich meiner Meinung nach dazu, viele Jahre später das Drehbuch zu einer Armeekomödie zu schreiben.

Joggeli und der Dackel

Ich liebte diese Botengänge, nicht so sehr wegen der Uniformen und dem Militär, wovon ich nichts verstand, sondern wegen Joggeli und dem Dackel. Joggeli war der Kanarienvogel des Schneiders, eines väterlichen, liebenswürdigen Herrn. Kaum betrat man die Nähstube, flog Joggeli herbei und setzte sich einem auf den Kopf. Manchmal stahl er einen Fingerhut und schien den gespielten Tadel des Schneiders zu geniessen. Für mich sah das Paradies in etwa so aus. Ein alter, lieber Mann, eine dunkle Stube, die nach frischem Stoff roch und ein lustiger, gelber Vogel.

Die Familie des Schneiders hatte auch einen Dackel. Eines Tages lud sie mich mitsamt Enkelkindern und Dackel zu einem Spektakel im Garten ein, das ich noch nie zuvor erlebt hatte. Hinter den blühenden Sträuchern und Hecken waren Schokohasen, bunt bemalte Eier und ganze Nester voller Leckereien versteckt. Wer etwas fand, durfte es behalten. Zu Hause erzählte ich aufgeregt davon, wie der Dackel, die Enkel und ich umhergerannt waren und zeigte stolz meine Fundstücke, wovon mir die Eier am besten gefielen. Sie trugen ein wildes Zackenmuster. Ich nahm sofort meine Filzstifte und malte es auf die rohen Eier in unserem Kühlschrank. Auch mein Schulheft bekam auf jeder Seite oben und unten das Zackenmuster und ich einen Rüffel. Der tat meiner Begeisterung keinen Abbruch, von da an war ich Oster-Fan und bin es bis heute.

Mit Graffiti, Kunst, Gold oder Swarovski-Steinen verzierte Eier mag ich aber nicht. Sie müssen bunt und ein wenig unbeholfen bemalt aussehen. Ostereier sind eine der letzten Domänen, die befreit von Coolness, Style, Aussage und Luxus einfach kitschig sein dürfen. Wie ein unbeschwerter Nachmittag in einem Blumengarten, mit oder ohne Wissen um den religiösen Hintergrund. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.04.2014, 20:54 Uhr

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