«Wir mussten das Glatt schon wegen Bombendrohungen räumen»

Nach zehn Jahren als Geschäftsführer des Einkaufszentrums hört Marcel Stoffel heute auf.

Die Station Glatt (am rechten Bildrand) steht auf einem langen Viadukt.

Die Station Glatt (am rechten Bildrand) steht auf einem langen Viadukt. Bild: Keystone

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Sie haben im Glattzentrum erneut ein Rekordjahr hinter sich. Könnten Sie besser abtreten?
Es ist schön, wenn man einen wirtschaftlichen Erfolg ausweisen kann. Das andere ist aber der langfristige Aspekt. Man sieht erst nach fünf bis acht Jahren, ob man sich in die richtige Richtung bewegt hat. Aber ich habe mich nie allein an diesen Zahlen orientiert. Viel mehr sehe ich die Verantwortung für über 8 Millionen Menschen, die übers Jahr hinweg zu uns kommen. Das steht über Umsatz und Ertrag. Man denkt ja immer: Da geschieht schon nichts Schlimmes. Aber wir müssen dafür gerüstet sein.

Gab es denn heikle Momente?
Wegen mehrerer Bombendrohungen mussten wir das Glatt vor drei Jahren einmal räumen. Das waren wohl meine schwierigsten Momente hier. Wir sind für solche Szenarien gerüstet. Aber man muss damit leben, dass so etwas jederzeit vorkommen kann. Glücklicherweise war nichts, und die Polizei hat den Täter auch gleich erwischt.

Nun ist die Glattalbahn da. Ein gelungener Abschluss für Sie?
Ja, was wollen Sie mehr? Es gab aber auch andere wichtige Projekte wie das neue Gastrokonzept, das vor fünf Jahren angedacht wurde und jetzt umgesetzt ist. Und auch bei der Veränderung des Angebotsmixes braucht es einige Vorlaufzeit. Neuen Trendshops können wir nicht einfach so Ladenfläche zur Verfügung stellen. Wir haben laufende Mietverträge, befristet auf fünf Jahre. Als ich hier angefangen habe, gab es noch Wartelisten und Verträge über 15 Jahre mit Option auf Verlängerung. Das mussten wir ändern, damit wir flexibler auf Trends im Markt reagieren können.

Glatt war weder das erste, noch ist es das grösste Einkaufszentrum der Schweiz. Trotzdem ist es das erfolgreichste. Warum?
Tivoli in Spreitenbach und das Mythencenter in Schwyz waren zuerst da, und Spreitenbach ist flächenmässig 50 Prozent grösser als wir. Aber das spielt keine Rolle. Wir haben heuer zum fünften Mal in Folge ein Umsatzplus und erreichen einen neuen Jahresrekord in einem schwierigen Umfeld.

Sie haben auch schon verkündet europäische Spitze zu sein – in welcher Hinsicht?
Entscheidend in unserer Branche ist der Umsatz pro Quadratmeter. Hier sind wir bei über 15 000 Franken – ein Spitzenwert in Europa.

Dann hat die Wirtschaftskrise im Glatt nicht stattgefunden?
Ich staune immer wieder, wie alle von der Wirtschaftskrise sprachen, aber die findet an Weihnachten einfach nicht statt und schon gar nicht im Shoppingcenter. Wir werden im Dezember etwa 2 Prozent mehr Umsatz verzeichnen als im Vorjahr. Über das ganze Jahr liegen wir 3 bis 4 Millionen über 2009. Das ist mit rund 670 Millionen Franken neuer Umsatzrekord.

Warum gibt es nicht mehr so viele Anlässe und Aktivitäten im Glatt?
Die Bedürfnisse haben sich gewandelt. Früher war man mehr Treffpunkt und lockte Besucher mit Ausstellungen und Events an. Aber wenn wir heute starke Marken im Haus haben und selber noch Rambazamba machen, stehlen wir denen die Show; es kommt zur Reizüberflutung. Wir wollen etwa einem Apple Store die besten Voraussetzungen bieten. Das tun wir nicht mit einer Schildkrötenausstellung vor dem Laden.

Darum gibt es jetzt Lounges?
Ja, das sind übrigens die gleichen Möbel wie in der First-Class-Lounge am Flughafen. Das hat sich gelohnt. Wir müssen dem Kunden die Möglichkeit geben, zwischendurch herunterzufahren, sonst verlässt er das Glatt rasch wieder, was nicht unserer Zielsetzung entspricht.

Sie sprechen die Aufenthaltsqualität an. Was braucht es dazu noch?
Wichtig ist die Gastronomie. Wir sprechen vom Mood-Management – der richtigen Stimmung. Früher ging es um Entertainment, heute um Spendertainment. Das heisst, den Kunden emotional abholen, damit er in Einkaufslaune ist. Dafür braucht es die richtige Mischung aus den Gegensätzen zwischen Spannung und Entspannung.

Ist das ein neuer Trend?
Ich habe das im Ausland beobachtet, mich mit unserer Rolle als Betreiber und Eigentümer befasst und muss heute sagen: Wir sind nicht die Spassmacher und Entertainer, sondern müssen schauen, dass sich der Kunde zuerst einmal sicher und wohl fühlt bei uns.

Gibt es nebst all den Erfolgen auch etwas, das Ihnen nicht gelungen ist?
Das gibt es schon. Unsere Aussenhülle gefällt mir nicht, die Gebäudefassade passt nicht mehr zu den Werten, die das Glatt vermittelt. Wir bräuchten jetzt ein neues Kleid. Zudem hätte ich seit zwei Jahren auch gerne noch die US-Trendmarke Hollister geholt. Das ist mir aber leider nicht gelungen, weil wir keine freien Ladenflächen anbieten konnten.

Gibt es Ausbaupläne fürs Glatt?
Das Gebiet, wo wir sind, ist von der Nutzung her limitiert. Momentan können wir nicht wachsen. Aber 100 Läden sind nicht zu wenig. Man muss einfach die richtigen Anbieter im Haus haben.

Ist ein Ausbau nicht auch deswegen kein Thema, weil man genau weiss, dass es zu viele Hürden und Einbussen bei den Parkplätzen gäbe?
Ich hatte nie Diskussionen mit dem VCS. Das Glatt macht 670 Millionen Umsatz, hat 8 Millionen Besucher, diese bleiben im Schnitt zwei Stunden hier, wir bieten 1500 Angestellten einen Job und haben 4500 Gratisparkplätze. Wenn man irgendwo etwas wegnimmt, haben wir ein Problem. Weniger Parkplätze etwa, hiesse weniger Umsatz. Dann müssten unsere Mieter Stellen abbauen und so weiter. Der VCS müsste eigentlich dankbar sein und den Bau von nochmals 1000 Parkplätzen begrüssen: Kunden, die im Glatt einkaufen, erledigen alles an einem Ort. Das ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll.

Wird das Glatt dafür bald bis Mitternacht geöffnet sein?
Wir haben erst vor zwei Jahren die Öffnungszeiten am Samstagabend von 18 bis 20 Uhr ausgedehnt. Das hat sich gelohnt, da wir heute 20 Prozent der Besucher in dieser Zeit verzeichnen. Eine weitere Ausweitung der Öffnungszeiten sehe ich momentan nicht.

Was kommt für Sie nach der Zeit als Glatt-Chef?
Ich werde im Haus bleiben, aber vom sechsten in den zweiten Stock wechseln. Dort baue ich die Geschäftsstelle des Interessenverbandes der Schweizer Shoppingcenter auf. Zudem berate ich als selbstständiger Unternehmer Firmen aus der Einzelhandels- und Shoppingcenter-Branche. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2010, 08:11 Uhr

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Marcel Stoffel

Er war seit 2000 Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft und Interessengemeinschaft Glattzentrum. Dort bestimmte er die Geschicke der über 100 Läden und machte Wallisellen zu «Your First Shopping Destination». Zuvor war er als Leiter des Schweizer Marktes zehn Jahre für Swatch tätig. Stoffel ist 47-jährig und lebt im Zürcher Oberland.

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