«Wir sind keine Terroristenjäger»

Seit dem 6. September läuft die militärische Truppenübung «Aeroporto 10». Divisionär und Übungsleiter Hans-Ulrich Solenthaler im TA-Interview.

«Die Armee kann den Schutz des Flughafens verbessern»: Übungsleiter Hans-Ulrich Solenthaler.

«Die Armee kann den Schutz des Flughafens verbessern»: Übungsleiter Hans-Ulrich Solenthaler. Bild: Ter Reg 4

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Seit dem 6. September läuft die militärische Truppenübung «Aeroporto 10». Es wird von einer ausserordentlichen Bedrohungslage ausgegangen, wie Divisionär und Übungsleiter Hans-Ulrich Solenthaler im TA-Interview erklärt.

Herr Divisionär, wie ist die Übung angelaufen?
Wir sind gut gestartet. Die erste Woche war der Auftragserteilung gewidmet. Die Bewährungsprobe steht aber noch bevor. Jetzt müssen die Entscheide der Kader umgesetzt werden. Bereits spüren wir den Preis des Milizsystems. Wir fangen bei null an. Die Übungsannahme ist ein unbekanntes Ereignis. Wir müssen aus dem Stand heraus agieren und reagieren. Bereits zu Beginn der Übung wurden Reibungsverluste sichtbar. Da und dort fehlen Mittel, oder sie kommen zu spät. Ein solches Ereignis kann man nicht fix programmieren.

Aber Sie haben sich ja drei Jahre vorbereitet.
Schon, die Idee der Übung ist es aber nicht, fixfertige Problemlösungen vorzugeben. Wir haben zwar Vorstellungen, was passieren dürfte, wie die Beübten letztlich reagieren, wissen wir aber nicht. Das wollen wir ja gerade in Erfahrung bringen.

Die Ausgangslage hat sich in doppeltem Sinne geändert: Sie können nicht mehr auf das abgeschaffte Flughafenregiment zurückgreifen, und Sie müssen nicht mehr nur den Flughafen, sondern auch die An- und Abflugschneisen schützen.
Richtig. Das Flughafenregiment war eine eingespielte Alarmtruppe, bestehend aus Zürchern, die praktisch vom Arbeitsplatz weg eingesetzt werden konnten. Jetzt müssen wir mit jenen Truppen arbeiten, die irgendwo im Dienst stehen. Das sind etwa Innerschweizer oder Basler. Und weil wir auch noch die Anflugschneisen überwachen müssen, benötigen wir zudem noch mehr Truppen.

Das heisst, Sie bedauern die Abschaffung des Flughafenregiments?
Nein, das war ja ein bewusster Schritt. Aber natürlich fehlt uns jetzt eine mit dem Ort vertraute Truppe. Mit der Übung wollen wir nun beweisen, dass wir die Aufgabe auch ohne Flughafenregiment lösen können.

Die Übung «Aeroporto 05» hat aber erhebliche Mängel in der Einsatz-bereitschaft gezeigt. Sind wir in den letzten fünf Jahren ein bewusstes Sicherheitsrisiko eingegangen?
Nein, ganz und gar nicht. Die Sicherheit am Flughafen Zürich ist sehr gut. Dafür garantieren die Flughafen Zürich AG sowie insbesondere auch die Flughafenpolizei und das Grenzwachtkorps. Die Armee kommt ja erst subsidiär zum Einsatz, wenn die zivilen Kräfte nicht mehr ausreichen.

Jetzt ist dies der Fall, weil in der Übung von einer ausserordentlichen politischen Lage ausgegangen wird. Wie muss man sich diese vorstellen?
In der Vergangenheit war es der Nahostkonflikt, der zu Anschlägen auf dem Flughafen in Kloten und auf Maschinen der Swissair führte. Ein Terroranschlag ist auch heute noch ein mögliches Szenario. Jeder Flughafen kann dafür ein geeignetes Ziel sein, weil die Auswirkungen meist europa- oder gar weltweit spürbar sind. Dabei geht es den Attentätern gar nicht einmal um den angerichteten Schaden, sondern vor allem um die Publizität, die sie mit einem solchen Anschlag erreichen.

Das heisst konkret, Sie befürchten in den An- und Abflugschneisen den Einsatz von Boden-Luft-Raketen.
Damit muss gerechnet werden.

Aber da genügen Stacheldraht und Absperrgitter wohl kaum.
Es braucht auch diese Hilfsmittel. Unsere Armee verfügt aber auch über hochmoderne Abwehrsysteme am Boden und in der Luft. Am wichtigsten sind aber unsere Soldaten, die wir in grosser Zahl und über längere Zeit einsetzen können. So entlasten wir die Polizei von einfachen Aufgaben wie der Verkehrsüberwachung, damit sie genügend Kräfte für andere Massnahmen einsetzen kann. Die Armee kann Terroranschläge nicht verhindern. Wir sind keine Terroristenjäger. Die Terrorbekämpfung ist Sache der Polizei. Wir können aber mithelfen, das Risiko zu minimieren und den Schutz rund um den Flughafen zu verbessern.

Die entscheidende Rolle spielt jedoch der Zeitfaktor. Eine Milizarmee kann nicht rasch genug aufgeboten werden.
Zivile Kräfte können bei besonderen Lagen die Sicherheit schnell und zielgerichtet erhöhen. Dies allerdings nur zeitlich begrenzt. Dann kommt auf Begehren der zivilen Behörden die Armee zum Einsatz. Die Armee hat während des ganzen Jahres besondere Bereitschaftsverbände als mögliche Mittel der ersten Stunde im Einsatz. Dazu zählen die Militärpolizei, der Katastrophenhilfe-Bereitschaftsverband, die Durchdienerformationen sowie spezielle WK-Verbände. Diese Verbände können nach und nach durch weitere WK-Truppen oder allenfalls auch Rekrutenschulen ergänzt oder abgelöst werden. Genau diese Ablösungen üben wir mit «Aeroporto 10» nun erstmals. Ziel muss es sein, möglichst lange durchzuhalten. Und das kann letztlich in diesem Ausmass nur die Armee.

Normale WK-Truppen sind für diese Aufgabe doch nicht ausgebildet.
Das ist richtig. Und hier liegt auch der Engpass. Wir müssen die Truppen immer zuerst auf ihre Aufgabe vorbereiten. Erst dann können wir sie in den Einsatz schicken. Das bedeutet, dass der effektive Einsatz pro Einheit netto nur bei rund zwei Wochen liegt.

Armeekreise beklagen zunehmend, es fehle den Truppen an genügend Material. Gilt das auch bei Ihren Truppen und für diese Übung?
Die Armee hat in der Tat Materialprobleme. Und wir hatten für «Aeroporto 10» auch ein paar logistisch knifflige Aufgaben zu lösen. Aber ich bin zuversichtlich, dass alles klappen wird.

5000 Armeeangehörige sind im Einsatz. Was wird die Bevölkerung mitbekommen?
Im Idealfall nicht viel. Die 5000 Soldaten sind ja nicht alle zusammen im Einsatz, sondern gestaffelt. Zudem verteilen sie sich auf eine relativ grosse Fläche. Man wird sie da und dort sehen. Aber gross auffallen werden sie nicht.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Ernstfalleinsatz der Armee am Flughafen kommt?
Das ist nicht vorhersehbar. Aber wir müssen uns darauf vorbereiten, dass jederzeit ein ausserordentliches Ereignis eintreten könnte.

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Erstellt: 14.09.2010, 22:16 Uhr

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