Wo die Zürcher Vergangenheit ruht

In der Kantonsarchäologie stapeln sich die Akten und Fundstücke aus vergangenen Epochen. Zum Europäischen Tag des Denkmals gewährte sie einen Blick hinter die Kulissen.

Fundstück aus Kleinandelfingen: Restauratorin Kathrin Trüllinger (links) zeigt einen Teller aus der Eisenzeit.

Fundstück aus Kleinandelfingen: Restauratorin Kathrin Trüllinger (links) zeigt einen Teller aus der Eisenzeit. Bild: René Kälin

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5680 Fundstellen hat die Zürcher Kantonsarchäologie aktuell zu verzeichnen. 5680 Fundstellen, jede verbunden mit Dutzenden Kisten von Material, reihenweise Ordnern mit Berichten, wissenschaftlichen Auswertungen, Plänen und Fotos. Was geschieht mit dieser Informationsfülle, sobald die archäologischen Funde dem Boden entnommen sind? Bis 2005 landete alles bei den verschiedenen Zweigstellen der Kantonsarchäologie. Doch seit drei Jahren führen alle Wege nach Dübendorf. Dort hat die Kantonsarchäologie an der Stettbachstrasse 7 ihren zentralen Sitz eingerichtet.

Akribische Genauigkeit

«Jede Ausgrabung ist gleichzeitig eine Zerstörung der Fundstelle», erklärte Ressorleiter Markus Graf am Tag der offenen Tür gestern Sonntag selbstkritisch. «Deshalb ist es enorm wichtig, alles genauestens zu dokumentieren.» So beschriften die Wissenschaftler jedes Fundobjekt nach Möglichkeit einzeln. Zudem wird nicht nur vermerkt, welcher Fundstelle es angehört, auch wird die exakte Position innerhalb des Areals festgehalten sowie die Bodenschicht notiert. Jede noch so kleine Information kann für die spätere Forschung ausschlaggebend sein.

Nicht alle Archive und Museen arbeiten derart akribisch. «Viele Stellen haben zwar wunderschöne Stücke, wissen aber von kaum einem, woher es genau stammt», bedauert Graf. «Wir versuchen, eine qualitativ hochstehende Sammlung aufzubauen.» Das ist nicht immer leicht. Von vielen Dingen wissen selbst die Archäologen nicht, aus welcher Zeit sie stammen oder wozu sie gedient haben. Yvonne Reich, zuständig für die Bibliothek und die Fundstellendatenbank, wird täglich an diese Lücken erinnert. «Wir haben ein Farbsystem, das die Funde den verschiedenen Epochen zuordnet», erklärt sie. «Weiss bedeutet, dass wir keine Angaben haben.» Und weiss ist vieles. Leider.

Doch nicht nur die Datierung bereitet den Archäologen Sorgen. Oft ist die akribische Genauigkeit, die sie sich selbst auferlegt haben, ein Ding der Unmöglichkeit: «Wir finden bei jeder Ausgrabung tonnenweise Scherben», erklärt Reich, «das sind riesige Dimensionen. Es wäre ein enormer Aufwand, jedes Einzelstück zu reinigen und anzuschreiben.» Dennoch ist diese Sisyphusarbeit vermutlich die wertvollste aller Tätigkeiten: «Auch ich habe schon Krüge sorgsam gereinigt und danach zu hören bekommen, dass man aus den Ablagerungen hätte herauslesen können, was die Menschen damals gegessen und entsprechend angebaut haben.» Ein Grund zur Resignation? Keineswegs. «Man muss als Archäologe immer optimistisch bleiben», sagt Yvonne Reich. «Uns ist immer bewusst, dass wir die ganze Wahrheit nie erfahren werden. Alles, was wir tun können, ist, Mosaikstein um Mosaikstein geduldig zusammenzusetzen.»

In der Klimakammer konserviert

Auch das Konservieren ist eine Herausforderung. «Wir möchten diese Dinge ja für die Ewigkeit aufbewahren», betont Reich. Um diesem Ziel näherzukommen, hat die Kantonsarchäologie in Dübendorf eine Klimakammer eingerichtet, in der konstant 17 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 45 Prozent herrschen – ideale Konservierungsbedingungen.

Die riesige Materialmenge, die inzwischen in den Räumlichkeiten der Archäologen lagert, wartet zu grossen Teilen noch immer auf ihre Untersuchung und Auswertung. Es fehlt an Personal. Und das, obwohl die Sammlungen der Zürcher in gewissen Bereichen zu den bedeutendsten der Welt gehören. «Natürlich interessieren sich immer wieder Wissenschaftler dafür, aber wir stellen das Material gerne auch Privatpersonen zur Verfügung, die sich damit auseinandersetzen wollen», sagt Yvonne Reich.

Auf Baustellen oft nicht willkommen

Häufig kommen Privatpersonen mit den Kantonsarchäologen allerdings unter weniger erfreulichen Umständen in Berührung. Die Kantonsarchäologie ist der Baudirektion unterstellt und wird regelmässig für Baubewilligungen konsultiert. Sobald eine Parzelle innerhalb einer archäologischen Schutzzone liegt, kann sich das Bauvorhaben unter Umständen deutlich verzögern. «Manchmal wissen wir wenig und schicken bei Baubeginn einfach präventiv jemanden vor Ort, um den Bagger allenfalls zu bremsen», erklärt Reich. «In anderen Fällen wissen wir aber, dass etwas vorhanden sein muss. Dann sind wir ein halbes Jahr zentimeterweise am Abtragen, bevor das eigentliche Bauvorhaben überhaupt beginnen kann.»

Auch für die Archäologen ist es nicht immer einfach: Gerade bei grossen Bauprojekten ist der Zeitdruck zu gross, und sie müssen parallel zu den Bauleuten arbeiten. «Auch werden wir über spontane Funde oft nicht informiert. Dadurch geht sehr viel Wertvolles verloren», bedauert Markus Graf. Dennoch: Die Archäologen sammeln weiter. Reinigen, präparieren, lagern und werten aus. Es ist ein Metier, das viel Geduld erfordert. Der Lohn ist ein tiefer Blick in die Vergangenheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2008, 19:20 Uhr

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