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Kommentar zu SchutzmaskenAb sofort muss gelten: Gratismasken für Arme

Es braucht Gratismasken für Menschen in finanzieller Not. Oder haben wir die Bilder von den Essensschlangen in Genf und Zürich vergessen?

Nationale Maskenpflicht: Manche Menschen können sich Masken finanziell nicht leisten.
Nationale Maskenpflicht: Manche Menschen können sich Masken finanziell nicht leisten.
Foto: Urs Jaudas

Die Schweiz muss im öffentlichen Verkehr Maske tragen. Da wirkt es wie ein Statement, wenn jemand sein Gesicht zeigt. «Zu ignorant, um sich anzupassen», denken wohl die meisten, wenn sie im Tram oder in der S-Bahn einer solchen Person begegnen. Was man auch denken könnte: «Vielleicht kann sich die Person eine Maske nicht leisten.»

660000 Menschen in der Schweiz leben laut Bundesamt für Statistik in Armut, eine weitere halbe Million lebt knapp über der Armutsgrenze. Durch die Corona-Krise sind zahlreiche weitere Personen in eine finanzielle Notlage geraten.

Menschen, die für wenig Geld in Hotels putzen oder in der Küche arbeiten, müssen oft einen weiten Arbeitsweg zurücklegen, weil sie sich nur ausserhalb der Stadt eine Wohnung leisten können. Sie sind auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Eine 50er-Packung Einwegmasken, die im Coop und in der Migros 34.90 Franken kostet, kann für Familien zu einer finanziellen Belastung werden. Es ist Geld, das fürs Essen fehlt.

Doch selbst in einem Land wie der Schweiz fehlt einigen Politikern und Politikerinnen die Sensibilität für dieses Thema. Ruedi Illes, Amtsleiter der Sozialhilfe Basel, befand in einer ersten Reaktion: Für manche dieser Personen sei es zumutbar, die Mehrkosten zu tragen oder auf den ÖV zu verzichten. Er sagte zu «20 Minuten»: «Die lokale Fortbewegung innerhalb der Stadt ist auch per Fahrrad oder zu Fuss möglich, was sogar die Gesundheitsgefährdung mindert.»

Die Aargauer SVP-Nationalrätin Martina Bircher sagte, man könne selber eine Maske nähen, wenn man kein Geld ausgeben wolle. Sie sagte in der «Aargauer Zeitung» auch: «Sozialhilfebezüger haben eh den ganzen Tag Zeit.»

Not reduziert Menschen

In solchen Äusserungen wird die Bedürftigkeit von Menschen lächerlich gemacht. Als sei Not eine Frage der persönlichen Einstellung. Das Gegenteil ist der Fall: Not reduziert eine Person auf ihren Überlebenswillen. Was jene Menschen den ganzen Tag tun, die nicht arbeiten dürfen oder es aus gesundheitlichen Gründen nicht können? Sie stehen zum Beispiel stundenlang an, um kostenlos Nahrungsmittel zu erhalten.

1500 Obdachlose, Migrantinnen und Working Poor standen an einem Maitag in Genf Schlange, um Lebensmittel im Wert von 20 Franken abzuholen. Die Schlange war mehr als einen Kilometer lang. Freiwillige der katholischen Vereinigung Incontro verteilten bis vor kurzem an der Zürcher Langstrasse jeden Samstag Essenssäcke. Bilder davon machten viele in der Schweiz betroffen. Die Armut war durch Corona sichtbar geworden.

Die Aussagen von Ruedi Illes und Martina Bircher zeigen, dass manche in der Schweiz diese Armut lieber übersehen wollen. Das Problem ist trotzdem da. Nun stellt sich die Frage, wie man es löst.

Es gibt Empfehlungen

Das Hilfswerk Caritas hat an seinen Standorten insgesamt 10000 Gratismasken verteilt, nächste Woche sollen 20000 Masken dazukommen. Der Verband Avenir 50 plus schlägt vor, jenen Personen, die Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen beziehen, eine monatliche Pauschale für den Kauf von Masken und Desinfektionsmittel zu gewähren. Und die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe empfiehlt den Sozialämtern, entweder die Kosten für die Maske über die Sozialhilfe abzurechnen, eine Pauschale für vier Stoffmasken pro Person auszurichten oder kostenlos Masken abzugeben.

Manche Zürcher Gemeinden und der Kanton Jura zahlen bereits einen zusätzlichen Betrag für die Masken oder verteilen sie gratis. Solche Grosszügigkeit brauchte es national. Für ein Land wie die Schweiz muss klar sein: Niemand soll aus Kostengründen zum Gesundheitsrisko werden, weder für sich selber noch für andere.