Der ewig junge Menschenfreund

Zum Grossmünster-Auftritt des Dalai Lama erschienen die Menschen in Massen. Der 81-Jährige verriet dabei das Geheimnis für sein frisches Aussehen.

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Es ist schwer zu glauben, wenn er leibhaftig vor einem steht: Tenzin Gyatzo alias Dalai Lama hat scheinbar nichts von seiner Frische eingebüsst. Dabei amtet der 81-Jährige faktisch bereits seit 1935 – also seit seiner Geburt – als geistliches Oberhaupt der Tibeter. In dieser Zeit führte er bittere Verhandlungen mit dem einstigen chinesischen Kommunistenführer Mao Zedong und musste schliesslich, in den 1950er-Jahren, ins indische Exil fliehen. Trotz bewegter Geschichte; der Dalai Lama hat sein Lachen – dieses unverkennbare, laute Lachen – bis heute beibehalten.

Mehrere Kostproben davon erhielten am Samstagmorgen die Besucher im Zürcher Grossmünster. Rund 2000 Menschen waren gekommen, um den Tibeter einmal live zu erleben. Etwa 1400 hatten Glück und fanden Einlass im Kirchenschiff. Wer zu spät erschien, der verfolgte die Veranstaltung auf einer Grossleinwand, die auf dem Kirchenvorplatz installiert wurde.

Treffen mit altem Freund

Es war eine Massenveranstaltung, die dennoch intime Momente zuliess. Etwa dann, als gleich zu Beginn der Winterthurer Manuel Bauer zum Dalai Lama trat und ihm einen Seidenschal überreichte. Der Tibeter nahm das Geschenk sichtlich gerührt entgegen. Es war das Aufeinandertreffen zweier Freunde. Fotograf Bauer begleitete den Dalai Lama in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals auf langen Reisen – zu tibetischen Flüchtlingscamps und anderen buddhistischen Gemeinschaften. Es entstanden Bilder, die heute zu den bekanntesten Dalai-Lama-Porträts gezählt werden dürfen. Im Grossmünster kam es zum Wiedersehen – wenn auch zu einem kurzen.

Der Dalai Lama betritt das Grossmünster und begrüsst seinen alten Freund und Religionswissenschaftler Martin Kalff. (Video: mrs)

Denn der Dalai Lama bahnte sich weiter seinen Weg zum Kirchenaltar. Das fotografische Blitzlichtgewitter schien ihm nichts anzuhaben. Öffentliche Auftritte wie dieser gehören zu seinem täglich Brot. Zusammen mit einem Rabbiner, einem Imam, einer römisch-katholischen Seelsorgerin, einer hinduistischen Vertreterin und einer reformierten Pfarrerin führte er ein Friedensgebet durch. «Erinnern wir uns daran, dass in genau diesem Moment viele Menschen Schreckliches erleben, leider oft im Namen der Religion», sagte der Dalai Lama.

Den inneren Frieden finden

Die Worte machten gleich klar, in welcher Funktion der Dalai Lama es immer wieder in den Westen zieht: als Friedensbotschafter. Als ein glaubwürdiger dazu. Denn die Art, wie er auf Menschen zugeht – ob reich oder arm, jung oder alt, Muslim oder Jude – es ist stets die gleiche: warmherzig, voller Güte und zumeist humorvoll.

Auch heute sorgte der Dalai Lama für mehrere laute Lacher. Oft versteckten sich seine witzigen Anekdoten hinter ernsten Botschaften. Etwa dann, wenn er die Anwesenden aufforderte, sich für den Frieden zu engagieren und die inneren Werte zu pflegen. «Nicht nur die Äusseren.» Die Pflege der inneren Werte und der innere Friede seien aber auch gut fürs Äussere, sagte der 81-Jährige. «Schauen Sie mich an. In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich kaum verändert, und das ohne Schönheits-OP.» Meditieren, den inneren Frieden finden und mit einem Lächeln auf die Menschen zugehen, fasste der Dalai Lama sein Rezept für jugendliches Aussehen zusammen.

Stadtregierung erschien doch

In der Kirche waren neben Tibetern und erleuchtungssuchenden Schweizern auch zahlreiche Politiker. Der Kanton Zürich war vertreten durch Regierungsratspräsident Mario Fehr (SP), der während seiner Zeit als Nationalrat Präsident der Tibet-Gruppe war und den Dalai Lama deshalb nicht zum ersten Mal traf.

«Schauen Sie mich an. In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich kaum verändert, und das ohne Schönheits-OP.» Dalai Lama

In der ersten Reihe sassen auch die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Sicherheitsvorsteher Richard Wolff (AL). Die Stadtregierung wollte den Dalai Lama anfänglich nicht treffen, offiziell weil wegen der Herbstferien niemand verfügbar sei, überlegte es sich dann aber anders.

Der Stadtrat betonte Anfang Oktober, dass die verzögerte Zusage aber nichts mit dem Protest des chinesischen Generalkonsulats zu tun habe. Die Stadtregierung entscheide selber, wen sie treffe.

Auftritt im Hallenstadion

Das Friedensgebet war der Schlusspunkt des dreitägigen Aufenthaltes des Dalai Lamas in der Schweiz. Nach einem zweitägigen Besuch in Bern, wo er unter anderem das Haus der Religionen besuchte, reiste er nach Zürich und sprach vor mehreren tausend Anhängern im Hallenstadion. Nach seinem Besuch in Zürich reist der Dalai Lama weiter in die Slowakei, nach Tschechien und nach Italien.

Am Freitag hielt der Dalai Lama im Hallenstadion eine Lang-Lebe-Zeremonie und Vorträge zu buddhistischen Themen ab. Video: Lea Blum

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (mrs)

Erstellt: 15.10.2016, 18:55 Uhr

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