Nachhilfe im Gamen

In den USA heuern Eltern Videospiel-Trainer für ihre Kinder an, damit diese nicht ausgegrenzt werden. Auch eine Karriere als Game-Profi wird angestrebt.

Jeder gegen jeden: Szene aus dem Spiel «Fortnite».

Jeder gegen jeden: Szene aus dem Spiel «Fortnite».

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Für Aussssenstehende ist es gelegentlich schwer zu ergründen, worin der Reiz dieser Dauerrennerei, des Herumbolzens mit der Spitzhacke, des Springens, Ballerns und Versteckens genau liegt, aber 125 Millionen «Fortnite»-Zocker in aller Welt können ja eigentlich nicht irren.

Für manchen Grundschüler oder jungen Gymnasiasten ist das Computerspiel, bei dem es darum geht, alleine oder in Kleingruppen bis zu 99 Gegner zu eliminieren, längst zum zentralen Lebensinhalt geworden. In Deutschland riefen Eltern jüngst gar die Polizei, nachdem es ihnen angeblich drei Tage lang nicht gelungen war, ihrem Zwölfjährigen das Steuergerät der Playstation zu entreissen.

Viele Mütter und Väter schauen dem Treiben mit gemischten Gefühlen zu. Einige fürchten, die Dauerspielerei könne sich zur Sucht entwickeln, andere halten das Spiel für zu gewalttätig. In den USA ist jetzt noch eine weitere Sorge hinzugekommen, wenn auch eine gänzlich andere: die nämlich, dass sich der eigene Sohnemann im Kampf der «Fortnite»-Krieger als unfähig erweisen könnte, dass er Minderwertigkeitsgefühle entwickelt und in der Schule gehänselt wird.

Kinder stehen unter Druck

Nicht wenige Eltern engagieren deshalb einen Nachhilfelehrer, der den Sprössling - meist sind es Jungen - im «Fortnite»-Spielen unterrichtet. Allein das Internetportal Bidvine hat nach einem Bericht des «Wall Street Journals» schon weit mehr als 1000 Coaches vermittelt.

Die Angst passt zu einem Erziehungsstil, der gerade in Besserverdienerkreisen in den USA anzutreffen ist und dessen zentrale Botschaft lautet: Das Eingeständnis von Schwäche ist dem Nachwuchs nicht zuzumuten. Deshalb werden Nachhilfestunden und Sonderschichten verordnet mit dem Ergebnis, dass Kinder in der Schule, beim Sport oder beim Erlernen eines Instruments oft stark unter Druck stehen.

Hilft auch das Einzeltraining nicht, werden Fehler oder ein Mangel an Talent einfach schön geredet. «Good job, buddy», schallt es am Wochenende Tausendfach über die Fussballplätze des Landes, egal, ob der Spross gerade ein Tor geschossen oder drei Mal hintereinander über den Ball getreten hat. Viele Kinder tun sich deshalb schwer mit Niederlagen und einer realistischen Einschätzung der eigenen Leistungen.

Gamen als Sport

Dass dieser Erziehungsstil auch einmal die Zockerei am Computer erreichen würde, hätte wohl vor wenigen Jahren kaum jemand geahnt - zumal Videospiele gerade in bürgerlichen Haushalten oft verpönt waren. Mittlerweile jedoch scheinen sich viele Eltern nicht nur in den USA damit abgefunden zu haben, dass die Online-Zockerei aus dem Leben der Kleinen nicht mehr verschwinden wird.

Entsprechend lautet das Motto nun: Wenn schon spielen, dann mit Erfolg. Denn tatsächlich gehört die Debatte darüber, wer gestern Abend wie viele «Fortnite»-Gegner erledigt hat, für viele Schüler zum täglichen Pausenhofgespräch. Manche Mütter und Väter hoffen gar, dass sie den Kleinen mit dem «Fortnite»-Coaching Zutritt zur boomenden E-Sports-Welt verschaffen können.

Nick Mennen etwa, ein Software-Entwickler aus Texas, träumt nach eigenem Bekunden bereits von den ersten Preisgeldern, die sein Sohn Noble bald gewinnen wird. Bevor er einen Coach eingestellt habe, so Mennen gegenüber dem Journal, habe der Zwölfjährige nur ab und zu einmal gewonnen bei «Fortnite». «Jetzt schafft er 10 bis 20 Siege» - pro Monat. Die 20 Dollar pro Unterrichtsstunde, so die Botschaft, sind gut angelegt.

Moderne Version der Tennisväter

Männer wie Mennen sind damit so etwas wie die moderne Version der Herren Peter Graf, Stefano Capriati oder Richard Williams, die ihre Töchter Steffi, Jennifer, Venus und Serena einst zu Höchstleistungen im Tennis trieben. Eigentlich galten solche Tennisväter als weitgehend ausgestorben, denn oft genug zerbrachen Kinder und junge Erwachsene an dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde.

Jennifer Capriati etwa, die einst mit 14 Jahren ihren ersten Titel gewann, mit 16 olympisches Gold holte und jüngste Top-Ten-Spielerin der Geschichte war, litt später unter Depressionen, wurde beim Ladendiebstahl und mit Drogen erwischt sowie wegen Körperverletzung und Stalkings angezeigt.

Heutige Eltern argumentieren dagegen oft, es mache keinen Unterschied, ob man nun einen Tennis-, einen Schach- oder einen «Fortnite»-Coach engagiere. Es gehe vielmehr darum, die Talente der Kinder zu fördern und sie bei Dingen, die ihnen Spass machen, zu unterstützen - der Videospielcoach als moderner Klavierlehrer gewissermassen.

Noch einen anderen Weg ging Dale Federighi, ein Software-Entwickler aus San Jose im Bundesstaat Kalifornien. Er meldete nicht die Söhne Elliot und Joel für ein «Fortnite»-Training an, sondern sich selbst - damit er mit seinen Jungs weiter mithalten kann. Elliot ist elf, Joel sechs.

Erstellt: 26.09.2018, 15:21 Uhr

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