Science-Fiction à la Leutenegger

Die Zürcher «Top 5»-Kandidaten luden in der Sternwarte Urania zum Gedankenspiel ein. Das entwickelte Szenario: 100 Tage unter bürgerlicher Führung.

In der Jules-Verne-Bar stellten die Top 5 Visionen für die Zukunft vor. Foto: Keystone

In der Jules-Verne-Bar stellten die Top 5 Visionen für die Zukunft vor. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Filippo Leutenegger (FDP) ist heute ganz oben angekommen. Im 9. Stock der Sternwarte Urania, in der Jules-Verne-Bar mit Panoramablick auf Zürich. Die Stadt, die er präsidieren möchte.

An seiner Seite Michael Baumer (FDP), Susanne Brunner (SVP), Markus Hungerbühler (CVP) und Roger Bartholdi (SVP). Die selbst ernannten Top 5, die am 4. März das Unwahrscheinliche erreichen wollen: eine bürgerliche Mehrheit im Zürcher Stadtrat. Um den Traum greifbarer zu machen, werden die Journalisten an diesem Morgen zum Gedankenspiel aufgefordert: Was, wenn die bürgerliche Mehrheit bereits 100 Tage regieren würde? Als Zeitmaschine wählen die fünf Politiker einen symbolischen Ort. Jules Verne ist der Begründer der Science-Fiction-Literatur. Das Genre der Träumer und Suchenden, der Utopisten und Dystopisten.

Aufstockung ohne Bürokratie

«Wir wollen die Stadt elektrisieren», sagt Baumer. Damit meint er die Digitalisierung, für die bei der heutigen Regierung keine Vision bestehe. Baumer will «elektronische Plattformen», die mühsame Verwaltungsabläufe überflüssig machen sollen. «Die Zürcherinnen und Zürcher brauchen mehr Zeit statt Bürokratie.» Aufstockung lautet sein Mittel für mehr Wohnraum in einer Stadt, die immer enger wird. An Hauptverkehrsachsen soll ein Stockwerk höher gebaut werden können. Der Dachstockausbau müsse bei bestehenden Häusern vereinfacht werden – «auf unbürokratische Art und Weise». Er zeigt nach draussen, zu den ausgebauten Dächern der Altstadt: «Jetzt mal ehrlich: Wer möchte nicht so wohnen?»

Damit verströmt Baumer mehr politische Weitsicht als Susanne Brunner, die vor ihm an der Reihe war. Die Economiesuisse-Vertreterin fühlt sich offenbar in der lokalen Realpolitik am wohlsten. Sie hat sich dem Kampf gegen die «aufgeblähte Verwaltung» verschrieben. Hier will Brunner einzelne Stellen streichen und dort ein paar «überflüssige Studien» verhindern. In erster Linie will sie eins: Sparsamkeit und Effizienz. In diese Richtung zielt auch ihr kühnster Plan. Die Unterstützung der Volksinitiative 7 statt 9 Stadträte.

Fröhlich inszeniert (v.l.): Michael Baumer (FDP), Susanne Brunner (SVP), Filippo Leutenegger (FDP), Markus Hungerbühler (CVP), Roger Bartholdi (SVP). Bild: Thomas Egli

Der Auftritt von CVP-Kandidat Hungerbühler ist kurz und straff. Ganz getreu seinem Motto: Law and Order im Kampf gegen die «Laisser-faire-Politik» der rot-grünen Regierung. Sein Forderungskatalog ist ein rigoroses Durchgreifen gegen die «Störenfriede» unserer Zeit: sofortige Räumung besetzter Liegenschaften, Wiedereinführung der Hooligandatenbank Gamma und vermehrte Polizeipräsenz in den Quartieren: «Das steigert das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung», so Hungerbühler.

Bei Roger Bartholdis Ausführungen ist eine Vision schwer erkennbar. Sie haben zumeist mit Verkehr zu tun. Keine Tempo-30-Zonen auf Hauptachsen, eine ausgebaute Bike-Police für ein «effizienteres Bussensystem» und keine neuen Verkehrsmischzonen. Seine prägnanteste Forderung entspricht dem Wunsch der gesamten Top 5: «2019 wollen wir eine schwarze Null im Budget sehen.» Mehreinnahmen sollen gemäss Bartholdi nicht mehr «verschleudert», sondern der Bevölkerung und dem Gewerbe zugutekommen – mittels Steuerreduktionen.

Leutenegger als Warner

Am Ende der Mann, der am höchsten hinauswill. Leutenegger blickt über die Zürcher Dächer und lässt die Arme ausschweifen: «Sehen Sie, wie schön wir es doch haben.» Dieser Stadt gehe es so gut wie schon lange nicht mehr. Beinahe entsteht der Eindruck, der Stadtrat wolle zum Werbespot für die amtierende Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ansetzen. Ausgerechnet er, ihr einziger Herausforderer mit Wahlchancen. Dann setzt Leutenegger eine ernste Miene auf: «Wer unter diesen Umständen regiert, hat es natürlich einfach.» Es sei ein Glück auf Zeit, das Zürich geniesse, «düstere Zeiten» ständen bevor: «Wir brauchen sie jetzt, die Visionen.»

Sein Blick wandert Richtung Triemlispital: das städtische Sorgenkind mit dem überteuerten Bettenhaus. In 100 Tagen liesse sich der «Tanker» nicht wenden, sagt Leutenegger. «Doch wir müssen das Wendemanöver jetzt einleiten.»

Erstellt: 10.01.2018, 11:01 Uhr

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