E-Voting: Fragiles Stimmgeheimnis

St. Galler Computerexperte zeigt, wie das elektronische Stimmverhalten tausender Bürger aufgezeichnet werden kann.

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Nach Jahren Hin und Her nimmt die Einführung der elektronischen Stimmabgabe beim Bund plötzlich Fahrt auf. Die Bundeskanzlei bestätigte, dass das weitere Vorgehen bei der Formulierung eines neuen Gesetzesentwurfs bereits vor dem 9. Juli kommuniziert werde – nicht erst im Herbst. Ebenfalls diese Woche hat der St. Galler Kantonsrat beschlossen, das Abstimmen per Internet ab 2020 für alle 77 Gemeinden einzuführen.

Ausgerechnet aus dem Kanton St. Gallen kommt nun aber neuerliche Kritik an E-Voting. Genauer von Danilo Bargen, Software-Entwickler aus Rapperswil. Seine Gemeinde ist eine von fünf St. Galler Orten, in der Stimmberechtigte bereits online abstimmen können. Sogar an eidgenössischen Entscheidungen wie letzten Sonntag zum Geldspielgesetz und zur Vollgeldinitiative.

Bargen sieht nach einem Selbstversuch das Stimmgeheimnis in Gefahr. Er folgte der Anleitung, die ihm die Behörden per Post zugestellt hatten. Er startete seinen Rechner und den Web-Browser. Er tippte Evote-ch.ch ein, hinterlegte die komplizierten Codes, um sich so im System eindeutig zu identifizieren. Dann stimmte er ab.

Bund bestreitet Schwächen des E-Voting-Systems

Gleichzeitig hielt der IT-Spezialist ein Auge darauf, was im Hintergrund auf seinem Computer passierte. Als Computerexperte weiss er, wo er nachschauen muss. Und er sagte sich: «Eigentlich wäre es ganz einfach, mit Spionage-Software heimlich aufzuzeichnen, wie ich abstimme.»

Eine halbe Stunde später hatte er genau das getan: Eine Browser-Erweiterung gebaut, um jede seiner Bewegungen auf der Website Evote-ch.ch aufzuzeichnen. Dasselbe tat er nun mit dem sozialen Netzwerk Facebook und bündelte die gesammelten Informationen: die Details zu seiner Stimmabgabe mit denjenigen seines Facebook-Kontos.

Bargen erklärte, er könne das Programm nun in Umlauf bringen, und so das Stimmverhalten Tausender St. Galler einsammeln. Er dokumentierte seine Entwicklung in einem Video und sandte es dem Vizestaatssekretär des Kantons St. Gallen, Benedikt van Spyk.

Dieser winkt ab: «Was Herr Bargen gemacht hat, ist nichts Neues. Dieses Risiko ist bekannt.» Der Bundesrat habe in einem Bericht 2013 festgehalten, dass Versuche, das Stimmgeheimnis zu brechen, nur scheitern, wenn die Bürgerinnen und Bürger einen Browser einsetzten, auf dem keine Schadsoftware installiert wurde. Das Risiko solcher Spionage sei allerdings äusserst unwahrscheinlich.

Behörden appellieren an die Selbstverantwortung

Die Bundeskanzlei reagierte ähnlich und schrieb: «Solche Angriffe sind nicht auf eine Schwäche des E-Voting-Systems zurückzuführen.» Wie der St. Galler Vizestaatssekretär appelliert auch der Bund an die Selbstverantwortung: «Es liegt in der Verantwortung der Stimmberechtigten, die im Stimmmaterial enthaltenen Instruktionen zu befolgen.» Dort wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass der Cache im Browser geleert werden müsse.

Für IT-Experte Danilo Bargen sind das lächerliche Empfehlungen: «Viele Bürgerinnen und Bürger wissen nicht, was der Cache ist, geschweige denn, wie man ihn leert.» Und: Bis die Löschung durchgeführt würde, wären die relevanten Informationen ohnehin längst an Dritte übermittelt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.06.2018, 06:37 Uhr

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