«Kirche hilft im Kleinen und Konkreten»

Pfarrer Josef Hochstrasser kritisiert das mangelnde Engagement der Schweizer Kirchen für Flüchtlinge. Kirchenvertreter widersprechen.

Asylbewerber aus Eritrea vor der Zivilschutzanlage von Lumino. (Archiv)

Asylbewerber aus Eritrea vor der Zivilschutzanlage von Lumino. (Archiv) Bild: Keystone

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Die Kirchen engagierten sich zu wenig für Flüchtlinge aus Eritrea, lautet der Tenor von Hochstrassers Kommentar. «Öffentliche Gesten, Worte und Taten wären jetzt wichtig», schreibt der Pfarrer.

Vertreter der reformierten und der katholischen Kirche weisen die Kritik zurück: Die Kirchen engagierten sich sehr wohl für die Flüchtlinge.

Auch Aufrufe zu Solidarität mit den Flüchtlingen gebe es immer wieder, sagt Wolfgang Bürgstein, Generalsekretär von Justitia et Pax, einer Stabskommission der Schweizer Bischofskonferenz. Allerdings mache die Bischofskonferenz selten Aufrufe zu einzelnen Gruppen, also beispielsweise nur zu Eritreern.

«Nicht nur ein Dach über dem Kopf»

Hochstrassers Vorschlag, dass jede Kirchgemeinde zwei Flüchtlinge aus Eritrea aufnehmen könnte, betrachtet Bürgstein skeptisch. Es gebe bereits Ordensgemeinschaften, die Flüchtlinge beherbergten, sagte er. Nicht alle Kirchgemeinden hätten jedoch die Ressourcen dazu. «Die Flüchtlinge brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sie müssen auch begleitet werden.»

Bürgstein betont, er begrüsse die Diskussion über die Flüchtlingspolitik; Vorschläge seien willkommen. Gleichzeitig warnte er vor Aktionismus. Zudem stünden nicht nur die Kirchen in der Pflicht, sondern auch die Politik, stellt Bürgstein klar.

«Könnten forscher auftreten»

Auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) kontert Hochstrassers Kritik: Der SEK engagiere sich seit Jahren in der Flüchtlingspolitik und beschäftige beispielsweise auch einen Beauftragten für Migration. Engagement für Flüchtlinge sei aber oft «unspektakuläre Knochenarbeit».

Aus Sicht von Andreas Nufer, reformierter Pfarrer in der Heiliggeistkirche in Bern, könnten der SEK und die Bischofskonferenz «noch klarer und forscher auftreten». Die beiden Organisationen würden in ihren Verlautbarungen zum Thema zwar sehr klare Positionen einnehmen, doch die Stellungnahmen würden kaum wahrgenommen, sagt Nufer. Es werde viel gemacht für die Flüchtlinge. Vieles geschehe aber eher leise und im Kleinen.

Grosse Reden gebe es zwar nicht, dafür viel Engagement in der kirchlichen Basis, sagt auch der Kanzler des Bistums St. Gallen, Claudius Luterbacher. Die Kirchen setzten sich «im Kleinen und Konkreten» für Flüchtlinge ein. Als Beispiel nannte er die Rechtsberatungsstelle für Flüchtlinge, die von der katholischen und der reformierten Kirche St. Gallen finanziert wird.

Auch Urs Brunner, Pastoralverantwortlicher vom Bistum Basel, sagt, die Kirche mache relativ viel – aber ohne grosse Worte darüber zu verlieren. Das Bistum Basel habe beispielsweise den eritreischen Priester Mussie Zerai angestellt. Und Bischof Felix Gmür habe in seinen Reden wiederholt mehr Solidarität mit den Flüchtlingen gefordert.

Neue Migrations-Charta

Einig sind sich Brunner, Luterbacher und Nufer darin, dass noch nicht genug getan wird. «So akut wie das Flüchtlingsproblem momentan ist, müsste man mehr machen», sagte Luterbacher.

Gearbeitet wird auch hinter den Kulissen: Eine Gruppe aus katholischen und reformierten Theologen aus der ganzen Deutschschweiz hat inzwischen eine Migrations-Charta ausgearbeitet, wie Nufer sagte. Diese soll Mitte August vorgestellt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2015, 17:02 Uhr

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