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Maskenpflicht in der SchweizÄrztin verschreibt per Mail Masken-Dispens für 20 Franken

Corona-Skeptiker machen gegen die Maskenpflicht mobil. Darunter sind auch Mediziner, die ein Attest per Post verschicken.

Dispens ohne Konsultation: Corona-skeptische Ärzte sind beim Ausstellen von Attesten offenbar grosszügig – eine Berner Fachärztin will das Papier auf Anfrage einfach per Post verschicken.
Dispens ohne Konsultation: Corona-skeptische Ärzte sind beim Ausstellen von Attesten offenbar grosszügig – eine Berner Fachärztin will das Papier auf Anfrage einfach per Post verschicken.
Foto: Getty Images

Im ÖV gilt die Maskenpflicht schweizweit bereits seit Juli. Mehrere Kantone haben sie inzwischen auf Läden ausgeweitet. Doch daran stossen sich viele: Corona-Skeptiker versuchen, die Maskenpflicht zu umgehen. Sie erfinden dabei körperliche oder seelische Gebrechen, um keine Maske tragen zu müssen. Unterstützung erhalten sie dabei von Ärzten, die sich im Internet kritisch zu den Massnahmen des Bundes äussern – und diese offenbar auch aktiv untergraben.

So wie die Berner Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, R. W.: Nach einem Medizinstudium in der Schweiz und einer psychiatrischen Weiterbildung in Bern führt sie seit den 90er-Jahren dort eine eigene Praxis. Per Mail nach einem Maskendispens gefragt, schreibt die Fachärztin FMH prompt zurück: «Ich stelle gerne ein Attest aus. Dafür brauche ich Adresse und Geburtsdatum», schreibt sie per Mail. Als Gegenleistung verlangt sie 20 Franken, zugestellt per Brief. Ausserdem möchte sie Unterstützung bei einer Petition an den Bundesrat gegen die Maskenpflicht.

Corona-skeptische Ärzte machen gegen Maskenpflicht mobil

Die Ärztin ist Teil eines Netzwerks von Corona-Skeptikern. Unter anderem ist sie auf der Plattform «Ärzte für Aufklärung» aufgeführt: Ein bunter Haufen von Heilpraktikern, Ärzten und Pflegern, die Covid-19 für eine harmlose Grippe halten und die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, wie etwa die Maskenpflicht, für übertriebenen Zwang. Auf verschiedenen Aufrufen und Plattformen, die sich gegen behördliche Massnahmen aussprechen, taucht ihr Name auf. Unter anderem engagiert sie sich auch für das Referendum gegen das Corona-Notrecht.

Corona-Skeptiker haben offenbar verschiedene Strategien, wie sie die Maskenpflicht umgehen. Verbreitet ist ein Schreiben, das im Internet zum Download bereitsteht und Kontrolleuren im Zug ausgehändigt werden kann. Das vierseitige Dokument mit dem Titel «Gesetzeslage zur Maskenpflicht» enthält eine Rechtsbelehrung und Fussnoten zur «fehlenden Evidenz der Effektivität von Masken». Signiert ist das Dokument von einem Churer Anwalt und Notar.

Laut dem Papier, das dem Kontrollpersonal im ÖV zur Unterschrift vorgelegt werden soll, sei der Persönlichkeitsschutz höher zu gewichten als die Covid-19-Notverordnung des Bundesrats – und damit das Tragen einer Maske.

FMH hält das Vorgehen der Kollegin für problematisch

Weitere Schweizer Ärzte, die sich als Corona-Skeptiker geoutet haben, sind vorsichtiger bei der Ausstellung von Maskenattesten: Per Mail angeschrieben, wollen sie einen Dispens allenfalls nach einer Konsultation in der Praxis ausstellen. «Wir müssen in einem Gespräch klären, ob Ihr Zustand ein Arztzeugnis rechtfertigt», schreibt etwa ein Arzt und Corona-Skeptiker aus der Ostschweiz.

Die Verbindung der Schweizer Ärzte (FMH) hält es für «problematisch», wenn Ärzte ohne Konsultation Dispense oder Arztzeugnisse ausstellen. Grundsätzlich seien Ärzte verpflichtet, sich an die Corona-Verordnungen zu halten und die Weisungen der Behörden umzusetzen, schreibt die FMH.

Im konkreten Fall gibt sie den Ball an die kantonale Gesundheitsdirektion weiter. Diese hält gegenüber der SonntagsZeitung fest: «Sofern keine sorgfältige Abklärung stattfindet, liegt eine Verletzung der ärztlichen Berufspflicht vor.» Dies könne zu disziplinarrechtlichen Massnahmen führen, sagt der Sprecher der Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. Wie bei jedem ärztlichen Attest müsse vorgängig eine persönliche und sorgfältige Diagnose erfolgen.

Auch strafrechtlich ist das Ausstellen eines falschen ärztlichen Zeugnisses relevant. Gemäss Strafgesetzbuch drohen bis zu drei Jahre Gefängnis.

Damit konfrontiert, äusserte sich die Berner Ärztin nicht weiter dazu.

Fachärztin R. W. kein Einzelfall: In Deutschland machten Corona-skeptische Ärzte mit Masken-Attesten zuerst Schlagzeilen. Reporter des Investigativmagazins «Report Mainz» der ARD erhielten in mehreren Arztpraxen ein Attest gegen die Maskentragpflicht. Auch dort ohne vorherige Untersuchung; in einem Fall wurde das Attest gar per Mail verschickt. Gegen die betreffenden Ärzte laufen inzwischen mehrere Verfahren – unter anderem auch wegen Verstosses gegen ärztliche Standesregeln.