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Zum Tod von Bill Withers«Ain't no sunshine» versteckte er auf der B-Seite

Mit seinen grössten Hits schrieb Bill Withers Hymnen auf das Leben. Nun ist der Soulsänger gestorben.

Bill Withers mit Stevie Wonder an einer Preisverleihung in Cleveland im April 2015.
Bill Withers mit Stevie Wonder an einer Preisverleihung in Cleveland im April 2015.
Aaron Josefczyk, Reuters

Am Montag, dem 30. März, endete nach 81 Jahren das Leben des Soulsängers Bill Withers, eines Künstlers von nahezu unermesslichem Einfluss und von wahrhaftiger Grösse, dessen eigentliches Künstlerleben dabei gar nicht lange dauerte. 1971 nahm er seine erste Platte «Just As I Am» auf, rund ein Dutzend Jahre später war auch schon wieder Schluss. Und zwar nicht, weil keiner ihn mehr gewollt hätte, wie wir später sehen werden.

Bill Withers konnte nicht nur brillant singen, er konnte auch ebenso luzide schweigen, und man muss sagen, hier hat sich einer mit Bedacht schon lange vor der Erfindung der sozialen Netzwerke aus allen sozialen Netzwerken verabschiedet, ausser dem wichtigsten, dem der Familie und der paar Freunde, auf die man es, wenn man Glück hat und kein Arschloch ist, bringt im Leben. Einige hatten den Verdacht, Bill Withers habe sich verbittert zurückgezogen. Sie lagen falsch.

Es gab, wie das so ist, auch in diesem Leben ein paar entscheidende Daten und Wendungen, schöne wie traurige. Die Bedeutung dieses oder jenes Termins erschliesst sich ja auch bei normalen Menschen oft erst später. Bei Genies – es gibt in Wahrheit nicht viele, aber Bill Withers war eines – kommt noch das durch Momente des Glücks oder des Horrors genährte Werk hinzu, an dem sich diese oder jene Wendung schön ablesen lässt.

Die diesem Mann nun angemessen gedenken wollen, sollten sich zum Beispiel das anhören, was Bill Withers am Abend des 6. Oktobers 1972 gemeinsam mit einer furchterregend guten Band in New York angerichtet hat. Das Album «Live at Carnegie Hall» vereint, was Withers war: Ein junger, nachdenklicher Mann aus einem Bergarbeiterstädtchen in Virginia, von störrischem, schon damals einzelgängerischem Wesen, mit lakonischem Humor und einem Bariton, der auffällig gläsern war.

Wer bringt ihm die Zeit zurück?

Diese Stimme transportierte jede Selbstbehauptung, jeden Zweifel, alle Trauer so vibrierend und zart, dass dem einen oder anderen Zuhörer in den lauten Jahren der Black Power zunächst entging, dass es sich um einen schwarzen Sänger handelte. Man kann derlei Verwechslungen für stereotype Randerscheinungen halten, sollte es aber nicht.

Auffälliger noch als in den grossen Hits «Ain't No Sunshine» und «Lean On Me» leuchtet die lyrische Tiefe dieser Stimme in anderen Songs des Sängers und Songwriters Bill Withers, beispielsweise in «Hope she'll be happier», wenn er über eine Melodie wie aus der Kinderorgel singt mit der Intensität eines Gebets. Das ist Soul nicht als dampfende und klirrende, sondern als schwebende Musik.

Seinen grössten Hit, das knappe «Ain't no sunshine», versteckte er auf der B-Seite der mächtig groovenden, aber erfolglosen Single «Harlem», denn das Lied über die verschwundene Sonne war den weissen Radiostationen jener Tage zu schwarz und den schwarzen zu weiss. Aber es entscheidet am Ende nicht das Radio oder das Internet, sondern es entscheiden Menschen mit einer empfangsbereiten Seele darüber, was sie vom Sitz haut und was nicht. Und so entsprach Bill Withers zwar seinem Publikum, einer aufstrebenden, schwarzen, akademisierten Mittelschicht, die irgendwann viel später den ersten, schwarzen Präsidenten ins Weisse Haus entsenden sollte, was bis heute ein viel grösseres Wunder ist als man gemeinhin annimmt.

Aber er entsprach nicht hinreichend dem, was sich Plattenbosse und Radiostationen unter einem schwarzen Sänger vorstellen. Und so sind wir nun zu Besuch bei dem Termin, als der Boss von CBS Records Anfang der 1980er Bill Withers in einem Restaurant in West Hollywood nahelegt, Elvis Presleys «In The Ghetto» doch als Schwarzer nochmal im Rahmen einer Coverversion neue Authentizität einzuhauchen mit seiner schönen, halbweissen Negerstimme.

Er machte Soul nicht als dampfende und klirrende, sondern als schwebende Musik.
Er machte Soul nicht als dampfende und klirrende, sondern als schwebende Musik.
 Fin Costello, Redferns/Getty Images

Bill Withers war damals erst Mitte 40 – er hatte einerseits viel Geld verdient, andererseits hatte er die Schnauze randvoll. Wer bringt ihm die Zeit zurück, die er nun mit den Rassisten von den Plattenfirmen und Radiostationen verbringt, statt mit seiner Frau Marcia und den Kindern aufs Land zu fahren oder mit seinem Kumpel, dem Aktivisten und Theologen Cornel West auf der Veranda über Amerika zu streiten. Er sagte dem Mann von CBS in diesem Restaurant in West Hollywood jedenfalls: «Kiss my ass.» Dies war an diesem Tag der Einstieg in den Ausstieg.

Es war dann ein herrlicher Frühling vor acht Jahren in Los Angeles, die Luft war ganz klar und das Licht orange. Seine Frau Marcia hatte den Termin mit dem Journalisten gemacht, der monatelang nachgefragt hatte: Nur eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde mit dem Mann, der trostreicherweise die Gewissheit hinterlässt, dass ein Künstler ein Missverständnis nach dem anderen hinterlässt – und dabei ein Werk von leuchtender Grösse. Eine halbe Stunde mit dem Mann, der diese Songs schrieb, der diese Lieder sang, und der dann verschwand.

Bill Withers redet und redet

Bill Withers sitzt im Frühling 2012 in seinem Büro am Wilshire Boulevard, von wo aus er gemeinsam mit Marcia immer wieder mal überwacht, was die Lizenznehmer mit seinen Songs anstellen. Zu den Füssen des Journalisten hat Withers seinen kleinen Hund auf eine Decke platziert, mit mildem Lächeln diagnostizierend, dass sich der Mischling an dessen Hosenbein frottiert.

Bill Withers sagt erst wenig, und dann redet er und redet. Und redet. Er redet über das schwarze und das weisse Amerika. Er, dem die Radios unterstellten, seine Musik sei ein wenig zu intellektuell für schwarze Musik, sagt gleich zu Beginn und wirklich druckreif: «In den 74 Jahren meines Lebens wurden in diesem Land Schwarze erschossen, damit Schwarze Schulen besuchen können. In den 74 Jahren meines Lebens wurde erstmals in diesem Land ein Schwarzer Präsident. In den 74 Jahren meines Lebens musste sich dieser Präsident, der einen schwarzen Vater und eine weisse Mutter hat, fragen lassen, ob er ein Muslim aus Kenia sei. In den 74 Jahren meines Lebens ist er der erste Präsident Amerikas, der um seine Geburtsurkunde gebeten wurde. In den 74 Jahren meines Lebens, als ich ein Junge war in West Virginia, haben weisse Eltern ihren Kindern das hier erzählt: Schwarze Mädchen haben eine horizontale Vagina. Schwarze Jungs haben Schwänze am Arsch. Wie Hunde. Was sagst du jetzt, mein Freund?»

Er sagte, und da ging es endlich, nach rund drei Stunden um Musik: «Whatever the black kids do, the white kids will follow.» Nicht nach einer halben Stunde, sondern nach vier Stunden geht es dann raus und in den Wagen. Er zeigt im Vorbeifahren auf das Lokal, in dem er den Mann von CBS-Records traf, damals.

Und so wird auch dieser Frühlingstag zu einem entscheidenden Tag im Leben. Nicht für Bill Withers. Aber natürlich für seinen Besucher. «Take care, man!», ruft er zum Abschied, winkt aus dem Auto. Und ist weg.

1 Kommentar
    Thomas Bach

    Eine wunderbare und berührende Ehrung, Danke.

    Gerade erst kürzlich wieder einmal so einen alten Soul Sampler gehört, darauf war auch "Ain't no sunshine" und nach all den Jahren kann mich dieses Lied immer noch zu Tränen rühren.

    Schön, dass es ihn gegeben hat.

    Möge er in Frieden ruhen.