«Albaniens Aufnahme in die EU muss warten»

Die Schriftstellerin Elvira Dones über ihren neuen Roman «Hana» und die Lage in ihrem Heimatland, Albanien.

Schriftstellerin Elvira Dones: Für sie speist sich die Literatur aus der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Foto: Samuel Schalch

Schriftstellerin Elvira Dones: Für sie speist sich die Literatur aus der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Foto: Samuel Schalch

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Über zwei Jahre konnte Elvira Dones ihr Söhnchen nicht sehen – und jeder einzelne Tag hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt wie der Schmerz von damals. Auch das Schuldgefühl steht ihr ins Gesicht geschrieben, wenn sie heute davon erzählt, nach einer aufmunternden Camel und zwei Espressi. Erst nach dem endgültigen Fall des diktatorischen Regimes in Albanien 1991 konnte Dones den damals Neunjährigen (der währenddessen bei der Mutter von Dones’ erstem Mann gelebt hatte), wieder in die Arme schliessen – auf dem Flughafen von Athen: Noch wars zu heikel, heimischen Boden zu betreten.

Im Herbst 1988 hatte Elvira Dones in einer Kurzschlusshandlung beschlossen, von einer Dienstreise nach Mailand nicht nach Tirana zurückzukehren. Die fremdsprachengewandte Import-Export-Mitarbeiterin des albanischen Fernsehens war 28 Jahre alt, und das Leben hatte sie gerade zum zweiten Mal aus der Diktatur hinaus- und mit dem Tessiner Journalisten Vasco Dones zusammengeführt – ihrem heutigen Ehemann und ­Vater ihrer Tochter.

Im besten Land der Welt

In ihn hatte sie sich schon beim Kennenlernen zwei Jahre zuvor, auf ihrer ersten Dienstreise in den freien Westen, Hals über Kopf verliebt. Nun ergriff sie ihre Chance und rechnete, «ziemlich blauäugig», wie sie inzwischen denkt, nicht mit der vollen Härte des Regimes. Enver Hoxha war ja 1985 gestorben, und die realsozialistischen Parteigenossen sassen nicht mehr so fest im Sattel. Trotzdem verurteilte man die junge Mutter in absentia als Landesverräterin und entzog ihr die Staatsangehörigkeit.

«Meine Eltern waren lang überzeugte Kommunisten. Sie sahen darin die Chance auf Gleichheit und Gerechtigkeit», beschreibt die Schriftstellerin und Dokfilmemacherin ihre prägenden Jahre. Sie glaubte, im besten Land der Welt aufzuwachsen – bis sie in die Pubertät kam. Da brachte sich einer ihrer Freunde um, ein hochbegabter ­Freigeist, der heimlich den verbotenen Freud las und seinen Mund nicht halten konnte. Nach seinem Freitod sah Elvira Dones die Welt mit anderen Augen. Wenig später musste sie zusehen, wie Soldaten eine befreundete Familie auf einen Lastwagen zwangen. Man brachte sie in ein abgelegenes Arbeitslager, weil der Vater etwas Kritisches geäussert hatte; Dones hörte nie mehr von ihr.

«Ich war von Kind an eine Rebellin, und diese Leben in absoluter Einsamkeit und Entsagung irritierten und faszinierten mich.»Elvira Dones

Damals habe sie gelernt, dass man zum Überleben den Mund halten und die geliebten Bücher gut verstecken müsse. In jener Zeit hörte sie erstmals auch von der abgeschlossenen Welt in den nordalbanischen Bergen, einem alternativen Kosmos, wo sie nicht hinfahren durfte. Da solle es erstaunliche Geschöpfe geben: die einsamen Mannfrauen des Nordens, die sogenannten eingeschworenen Jungfrauen. Erst in der Schweiz begann Dones, darüber zu recherchieren – und 2007 erschien auf Italienisch ihr Roman «Vergine giurata», mit dessen deutscher Ausgabe, «Hana», die Autorin jetzt in Zürich zu Gast war.

«Ich war von Kind an eine Rebellin, und diese Leben in absoluter Einsamkeit und Entsagung irritierten und faszinierten mich», erklärt die zierliche Blondine mit dem Pixie-Schnitt. Sie ist keine, die verordneten Verzicht ehern ertragen würde, und wehrt sich für die, die es nicht können: Derzeit vollendet sie einen Roman über die Todesstrafe in den USA, über die sie auch eine Reportage drehte. Und bereits mit zehn Jahren brachte sie sich selbst Italienisch bei, um die italienischen Sender zu verstehen, die man in der Küstenstadt Durrës, wo sie aufwuchs, aufschnappen konnte – illegalerweise.

Der Flughafen, Tor zur Welt

An der Universität Tirana studierte die freiheits- und erfahrungshungrige junge Frau englische und albanische Literatur und holte oft als Übersetzerin die wenigen ausländischen Gäste am Flughafen ab. «In Albanien schmeckte der Flughafen für mich nach Welt. Und Flughäfen haben bis heute für mich einen ganz besonderen Zauber.»

Auch die Titelfigur von «Hana» lernen wir an einem Flughafen kennen, am Washington Airport. Im zu grossen Männeranzug steckt eine fragile Mittdreissigerin, die in den «Verfluchten Bergen», den albanischen Alpen, von 1986 bis 2001 als Mann gelebt hatte. Sie hatte Raki gesoffen und geraucht wie ein Schlot, um die Stimme aufzurauen. Hatte schiessen gelernt, geschuftet und alle romantischen Anwandlungen aus ihrer Zeit als Literaturstudentin in Tirana rigoros aus ihrem Leben verbannt.

Die Heldin erfindet sich neu

Denn der Onkel, der Hana als Waise grossgezogen hatte, wollte die Studentin versorgt und verheiratet wissen, bevor er starb. Und dem Schrecken der arrangierten Ehe konnte Hana nur auf eine einzige Weise entkommen, ohne den geliebten Onkel zu entehren: mit dem traditionellen Schwur, ab sofort als Mann zu leben und auf ewig unberührt zu bleiben. Nun aber war der Onkel tot, die Diktatur auch und die Cousine schon lang in den USA. Zeit, ihr zu folgen, das Gelübde hinter sich zu lassen, sich woanders neu zu erfinden – sich von Mark in Hana zurückzuverwandeln.

«Heutzutage gibts nur noch um die 30 eingeschworenen Jungfrauen. Nach der Romanveröffentlichung reiste ich für drei Wochen in die Berge, um eine Reportage über sie zu drehen»: Elvira Dones, von Nachwortverfasser Ismael Kadare als «eine der hervorragendsten albanischen Autorinnen unserer Zeit» gepriesen, entwickelt seit Jahrzehnten Reportagen fürs Tessiner Fernsehen, etwa über die Blutrache und das jahrhundertealte Regelwerk Kanun. Aber es sei schwierig gewesen, die letzten Vertreterinnen des Schwurjungfrauentums vor die Kamera zu bekommen.

Die LGBT-Gemeinde in der Machokultur

Nur eine – die mit damals 52 Jahren jüngste – sagte offen, sie bereue ihre Lebensform. Ihr Vater hatte sie, als sie kaum zwanzig war, angesichts seines herannahenden Todes dazu gedrängt, der Mann im Haus zu werden, der die drei kleinen Geschwister und die Mutter beschütze. «Jetzt lebt sie als Frau in den USA. Aber die verpasste Chance auf das Glück einer Beziehung und Kinder schmerzt sie.» Hana im Roman dagegen ringt vor allem mit sich selbst: Sie muss sich ein neues Verständnis von Mann- und Frausein erarbeiten in einer Ära, da alte Zöpfe abgeschnitten werden. Dieser feingezeichnete Kampf bescherte seiner Schöpferin Dones viel Lob – und eine Verfilmung mit Alba Rohrwacher (Laura Bispuris Debüt «Vergine giurata», 2015).

Zwar sei auch Albanien in der Moderne angekommen, vor allem Tirana, das trotz des albanischen Massenexodus stetig gewachsen sei. «Aber für die LGBT-Gemeinde ist es immer noch hart in der Machokultur», berichtet Dones, die mittlerweile häufig die alte Heimat besucht und neben dem schweizerischen und dem amerikanischen – sie lebte mit ihrer Familie von 2004 bis 2015 in den USA – auch wieder einen albanischen Pass hat. Die vom Ausland finanzierten Notunterkünfte für misshandelte junge Queers seien voll. Allerdings habe es sie schon extrem irritiert, dass sogar die erste LGBT-Demo in Lugano vor ein paar Monaten zu Aufruhr führte.

Gegen Elfenbeinturmkunst

Elvira Dones lebt im winzigen ­Meride, liest aber täglich als Erstes den «Guardian» und geht oft auf Recherchereise. Von Elfenbeinturmkunst hält sie nichts. Literatur speise sich aus der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Und die so freundliche, offene, elfenhafte Person ereifert sich über jenen Staatschef, den sie nur «den 45.» nennt, wie über die desolate Lage in Albanien. Es sei schlimm, aber die Aufnahme in die EU müsse warten, solange die Regierung derart korrupt sei. «Albanien ist eine Hochburg des ­Marihuana- und Kokainhandels, und die Politiker haben nur ein Ziel, wenn sie an der Macht sind: die persönliche Bereicherung. Egal, von welcher Provenienz sie sind.»

Der Norden wiederum sei so bitterarm, dass der Kanun als Raubrechtfertigung missbraucht werde. Ihre eigene Generation sei zu müde, um auf Besserung zu setzen, sagt Elvira Dones. Aber die Jungen, die noch da seien, weckten ihre Hoffnung. Im Grunde berge das Land viel: eine reiche Kulturszene, Bodenschätze, das Meer – von dem sie in ihrer Kindheit geradezu ein Teil gewesen sei und das im Roman leitmotivisch aufblinkt. Und, eben, die Verfluchten Berge mit ihrer Magie. «Ihre Einsamkeit, ihre dunkle Sprache» hallt in Dones’ eigener heller wider.

Erstellt: 06.12.2017, 13:47 Uhr

Elvira Dones
«Hana»

Roman. Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Ink Press, Zürich 2017, 252 S., ca. 27 Fr.

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