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Neue Resultate aus der Medizin«Alle diese Patienten hätten ohne Covid-19 wahrscheinlich länger gelebt»

Sterben Menschen wegen des Coronavirus oder mit ihm? Forschungsteams versuchen, diese Frage mit Obduktionen von Covid-19-Toten zu beantworten.

Weltweit gibt es bisher nur wenige systematische Studien zu Obduktionen von Covid-19-Toten: Ein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens in Lausanne transportiert zwei Covid-19-Tote ab.
Weltweit gibt es bisher nur wenige systematische Studien zu Obduktionen von Covid-19-Toten: Ein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens in Lausanne transportiert zwei Covid-19-Tote ab.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Eigentlich spielen Tote kaum noch eine Rolle im Alltag der Pathologen. Leichen zu öffnen, zu untersuchen, woran ein Mensch litt und starb, das ist in den Hintergrund getreten. Heutzutage diagnostizieren Pathologen vielmehr, ob beispielsweise ein Tumor gut- oder bösartig ist. Meist an Gewebe, das bei Operationen entnommen wurde.

«Die Technik der Obduktion mutet dagegen antiquiert an», sagt Andreas Rosenwald, Vorstand des Pathologischen Instituts der Universität Würzburg. An seinem Institut stünden in einem normalen Jahr 50 Obduktionen 50’000 Untersuchungen an lebenden Patienten gegenüber.

Aber dieses Jahr ist kein normales Jahr, und die Erkenntnisse aus Obduktionen bekommen ein neues Gewicht, seitdem Mediziner weltweit versuchen zu verstehen, wie gefährlich das Coronavirus für Menschen wirklich ist. «Abseits der behandelten Symptome weiss man noch zu wenig darüber, was das Virus tatsächlich im Körper anrichtet», sagt Rosenwald.

Das Robert-Koch-Institut (RKI), Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten in Deutschland, hatte im März empfohlen, Obduktionen zu vermeiden. Denn Pathologen und das medizinische Personal könnten sich beim Öffnen der Leichen durch Luftpartikel, sogenannte Aerosole, mit dem Coronavirus infizieren.

Ein Grossteil der Patienten sei stark übergewichtig gewesen

Hier in der Schweiz haben die Pathologen je nach Ausstattung der Autopsiesäle und «je nach Mut» bisher schon obduziert, wie Alexandar Tzankov sagt, Leiter des Fachbereichs Autopsie am Uni-Spital in Basel. Dort wurden bisher 20 Covid-19-Verstorbene obduziert, und Tzankov will bereits Muster in den Diagnosen erkennen. «Alle Untersuchten hatten Bluthochdruck», sagt der Professor, «ein Grossteil der Patienten war auch schwer adipös, also deutlich übergewichtig». Und es seien vorwiegend Männer gewesen. Mehr als zwei Drittel wiesen vorgeschädigte Herzkranzgefässe auf, ein Drittel war an Diabetes erkrankt.

«Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert.»

Alexandar Tzankov, Leiter des Fachbereichs Autopsie am Uni-Spital in Basel

Neben der Klärung der Vorerkrankungen untersuchten die Mediziner um Tzankov auch Schäden am Lungengewebe der Verstorbenen. «Die wenigsten Patienten hatten eine Lungenentzündung», sagt er, «sondern das, was wir unter dem Mikroskop gesehen haben, war eine schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge.» Das bedeute, dass der Sauerstoffaustausch nicht mehr funktioniere, und erkläre die Schwierigkeiten bei der Beatmung von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen: «Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert». Unklar ist, ob die Erkenntnisse bereits früher bei der Behandlung von Intensivpatienten hätten berücksichtigt werden können.

Störungen in der Lungenfunktion machen das Beatmen schwierig: Covid-19-Patient auf der Intensivstation der Universitätsklinik in Genf.
Störungen in der Lungenfunktion machen das Beatmen schwierig: Covid-19-Patient auf der Intensivstation der Universitätsklinik in Genf.
KEYSTONE

In Deutschland ist der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel ist ungeachtet der Empfehlung des RKI einen Sonderweg gegangen. Er obduzierte schon zwischen 22. März und 11. April im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 65 Covid-19-Verstorbene. Die Zahl der Obduzierten in Hamburg sei inzwischen bei mehr als 100 und «keiner ohne Vorerkrankung», sagte Klaus Püschel.

Das RKI in Deutschland hat seine Empfehlung, Obduktionen zu vermeiden, inzwischen zurückgezogen.

Auch Menschen sterben, die nicht beatmet werden mussten

Der Bericht vom Hamburger Rechtsmediziner deckt sich auch mit einigen Erkenntnissen aus Basel. Etwa, dass bei einem Grossteil der Toten Herzerkrankungen vorlagen. 55 von 61 der in Hamburg Untersuchten hatten laut Bericht eine «kardiovaskuläre Vorerkrankung», also Bluthochdruck, einen Herzinfarkt, Arteriosklerose oder eine sonstige Herzschwäche. 46 Obduzierte hatten eine Vorerkrankung der Lunge. 28 hatten Schäden an anderen Organen wie Nieren, Leber oder Transplantationsorgane. 16 waren demenzkrank, weitere hatten bereits eine Krebserkrankung, schweres Übergewicht oder Diabetes.

Pathologen der Universität Zürich berichteten von Hinweisen, dass das Virus schwere Gefässentzündungen in verschiedenen Organen ausgelöst habe.

Weltweit gibt es bisher nur wenige systematische Studien zu Obduktionen von Covid-19-Toten. Ärzte der Uniklinik Peking präsentierten Ende März Erkenntnisse von 29 Obduktionen. Sie betonten, dass das Virus nicht nur die Lunge, sondern auch das Immunsystem und andere Organe angegriffen habe.

In der Fachzeitschrift Lancet berichteten Pathologen der Universität Zürich von Hinweisen, dass das Virus schwere Gefässentzündungen in verschiedenen Organen ausgelöst habe. Sie hatten zwei Verstorbene und einen Überlebenden untersucht. Dies könnte erklären, warum auch Patienten starben, die nicht beatmet werden mussten.

In Italien veröffentlichte die Gesundheitsbehörde einen Bericht, der die Vorerkrankungen von 1738 verstorbenen Patienten auflistete. Der Bericht bezieht sich aber nicht auf Obduktionen, sondern lediglich auf Angaben aus den Krankenakten. Am häufigsten waren auch dort Bluthochdruck, Diabetes und Erkrankungen der Herzkranzgefässe.

Die viel diskutierte Frage, ob die Patienten mit oder an dem Virus sterben, versucht nur der Bericht des Hamburger Rechtsmediziners Klaus Püschel zu beantworten. Bei 61 von 65 Verstorbenen wurde Covid-19 als Ursache für den Tod vermerkt. Bei den übrigen vier war die Viruserkrankung nicht ursächlich für den Tod.

«Wenn ich eine Krebserkrankung habe und noch ein halbes Jahr lebe und mich ein Auto überfährt, dann mindert das ja auch nicht die Schuld des Autofahrers.»

Alexandar Tzankov, Basler Leiter des Fachbereichs Autopsie am Uni-Spital in Basel

Diese Unterscheidung hält der Basler Pathologe Tzankov für «akademisch». «Wenn ich eine Krebserkrankung habe und noch ein halbes Jahr lebe und mich ein Auto überfährt, dann mindert das ja auch nicht die Schuld des Autofahrers», sagt er. Die Lebenserwartung der Verstorbenen mit vielen Vorerkrankungen sei sicher kürzer gewesen als die von Gesunden. «Aber alle diese Patienten hätten wahrscheinlich ohne Covid-19 länger gelebt, vielleicht eine Stunde, vielleicht einen Tag, eine Woche oder ein ganzes Jahr.»

124 Kommentare
    Gerrit Gerritsen

    Wenn doch nur das Wörtchen "wenn" nicht wäre.