Zum Hauptinhalt springen

Corona-Verharmlosung in den USAAlles ist wunderbar!

Trotz aller Schönfärberei breitet sich das Coronavirus weiterhin aus in den USA. Eine Kontrolle der Pandemie wird es aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen kaum mehr geben.

US-Präsident Donald Trump ist ein Meister der Bagatellisierung.
US-Präsident Donald Trump ist ein Meister der Bagatellisierung.
Foto: Stefani Reynolds/Keystone

Der Chef gewahrt die Pandemie am «Verglimmen», sein Stellvertreter spricht von «zeitweiligen» Ausbrüchen, derer man schnell Herr werde. Donald Trump und Mike Pence mögen Meister der Verharmlosung sein, wirklich rosig aber ist die Corona-Situation in den USA nicht. Zwar fallen die Todeszahlen, in 18 Staaten aber stieg die Zahl der gemeldeten Fälle weiter an.

Am Wochenbeginn wiegelte Pence in einer Telefonschaltung mit Gouverneuren gleichwohl ab: Die Ansteckungsraten widerspiegelten lediglich vermehrte Corona-Tests, alles sei mithin wunderbar. Eine Datenanalyse der «Washington Post» kam jedoch zu einem anderen Schluss: In 6 Staaten stieg die Infektionsrate an, obwohl weniger getestet wurde, in weiteren 14 Staaten wächst die Fallzahl schneller als die Testrate.

Trump geht mit schlechtem Beispiel voran

Noch immer werden an manchen Tagen landesweit mehr als 20’000 Neuinfektionen gemeldet, in Bundesstaaten wie Alabama, Oregon und Arizona verzeichnen Hospitäler vermehrt Einweisungen wegen Corona-Erkrankungen. US-Experten beobachten mit Sorge, dass sich der Erreger besonders im Süden und Südwesten des Landes weiter ausbreitet, die Trump-Administration und manche Gouverneure aber wollen möglichst schnell zur Normalität übergehen. Denn nur so könnte die Wirtschaft rechtzeitig vor den Wahlen im November wieder in Schwung kommen.

Warnungen werden in den Wind geschlagen, sogar die Schutzmaskenpflicht mancherorts als unerhörter Angriff auf die individuelle Freiheit empfunden. Donald Trump geht mit schlechtem Beispiel voran: Am Wochenende will der Präsident in Tulsa im Staat Oklahoma endlich wieder live vor Anhängern auftreten, 19’000 Besucher werden auf engstem Raum erwartet.

Die Trump-Fans mussten vorab unterschreiben, dass sie im Fall einer Ansteckung nicht vor Gericht klagen werden, Schutzmasken und Social Distancing aber sind nicht Pflicht bei der Grossveranstaltung in Tulsas Bok-Arena. Nicht nur der Chef des örtlichen Gesundheitsamts ist entsetzt, auch die eher konservative Zeitung «Tulsa World» befand in einem Leitartikel, «nichts» am Besuch des Präsidenten sei «gut für die Stadt». Am Dienstag empfahl die Gesundheitsbehörde Oklahomas, Besucher der Veranstaltung sollten sich vorher auf das Virus testen lassen.

Die rechten Medien folgen ihm

Trumps Fanclub bei den rechten Medien begrüsst hingegen die Veranstaltung: Der Präsident solle sich ja nicht vom «Covid-Gefasel» abschrecken lassen, dröhnte Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham am Montag und prügelte nebenbei auch noch auf Anthony Fauci ein, den Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten beim Nationalen Gesundheitsinstitut: Fauci sei Teil des «medizinischen Deep State», seine Warnung vor weiteren Infektionen mithin politisch motiviert.

Nicht nur der renommierte Virologe wird von Trumps Anhängern als Kassandra und Wirtschaftsschädling verschrien: In mehreren Bundesstaaten wurden Leiter und Mitarbeiter örtlicher Gesundheitsämter teils massiv bedroht, weil sie gegen eine voreilige Lockerung der Corona-Auflagen waren. Experten wie Scott Gottlieb, der ehemalige Leiter der Lebensmittel- und Drogenbehörde FDA, mögen weiterhin besorgt sein über die Lage an der Virusfront, ihr Einfluss aber schwindet.

Trotz aller Schönfärberei wird die Zahl der Toten schon im Herbst wahrscheinlich auf 150’000 ansteigen, allein in US-Pflegeheimen sind mittlerweile mindestens 40’000 ältere Menschen am Coronavirus gestorben. Das öffentliche Leben und damit die Wirtschaft neuerlich einzuschränken, ist aus politischen Gründen jedoch nicht möglich. Weder Donald Trump noch Gouverneure wie Gregg Abbott in Texas, Brian Kemp in Georgia oder Ron DeSantis in Florida würden mitmachen.

123 Kommentare
    Lucas Wyrsch

    Vor der ersten Massenkundgebung von US-Präsident Donald Trump seit Beginn der Corona-Krise sind sechs Mitarbeiter seines Wahlkampfteams in Tulsa positiv auf das Virus getestet worden.

    Sie seien Teil des Vorausteams gewesen und in Quarantäne genommen worden, teilte der Kommunikationsdirektor des Teams, Tim Murtaugh, am Samstag mit.

    In Tulsa, Oklahoma, ist die Zahl der Coronavirus-Infektionen in den vergangenen Tagen auf den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie gestiegen.

    Wegen der Corona-Pandemie kündigten die Veranstalter an, bei Teilnehmern werde Fieber gemessen, zudem würden Desinfektionsmittel und Masken ausgegeben.

    Es ist allerdings fraglich, ob die Teilnehmer – insbesondere innerhalb der geschlossenen Arena, die 19'000 Menschen fasst – ausreichend Abstand zueinander halten können.