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Kommentar zu PopulismusAlles kommt gut!

Optimismus kann süchtig machen. Populistische Staatschefs nützen das aus – mit verheerenden Folgen in der Krise.

Könige der guten Laune: Boris Johnson (links) und Donald Trump.
Könige der guten Laune: Boris Johnson (links) und Donald Trump.
Foto: Keystone

«Die Zahlen sind gut. (…) Das Virus wird uns noch länger erhalten bleiben, das ja, aber ich gehe nicht davon aus, dass sich die Situation in den nächsten Wochen dramatisch verschlechtert.» Nun dürfe man, so erklärte Gesundheitsminister Alain Berset letzte Woche in dieser Zeitung, «ein bisschen cooler werden».

Haben Sie diese Zeilen nicht auch begierig in sich aufgesogen? Endlich eine positive Prognose. Endlich Zuversicht, nach Wochen der Warnungen, Mahnungen und Sorgenfalten. Endlich Optimismus. Bitte mehr davon!

Keine Frage: Wir brauchen Optimismus im Leben. Notorisches Schwarzsehertum hilft selten weiter. In der Politik richtet es sogar Schaden an. Ein düsteres Wort aus dem Mund eines führenden Staatsmanns kann an der Börse die Kurse purzeln lassen.

Diese Suggestionskraft verweist aber auch auf die gefährlichen Eigenschaften des Optimismus. Denn er wirkt in zweierlei Hinsicht wie eine Droge. Erstens kann er den Verstand vernebeln. Und zweitens kann er süchtig machen. Vor allem wenn er von Autoritätspersonen in einer Krise verabreicht wird.

Niemand hat das besser begriffen als Rechts- und Linkspopulisten. Donald Trump in den USA, Boris Johnson in Grossbritannien, aber auch der Linke López Obrador in Mexiko: Sie alle sind in der Corona-Krise die Optimisten par excellence. Alles kommt gut, nichts wird passieren, und das, was passiert, bringen wir in kürzester Zeit wieder in Ordnung, und danach wird es besser und strahlender als zuvor. So bekommen es die Menschen in den von Populisten regierten Ländern zu hören, und so wollen es viele von ihnen hörenund nicht die sauertöpfischen Bedenken einer Angela Merkel, die immer wieder mal mit verkniffenem Mund vor zu frühen Lockerungen warnt.

Zuversicht aus dem Führerbunker

Optimismus ist eine uralte Waffe im Arsenal von Demagogen. Noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde den Deutschen aus dem Führerbunker heraus der nahende Endsieg angekündigt. Die Forschung hat herausgearbeitet, wie sehr Hitlers Optimismus Gefolgsleute wie Joseph Goebbels beeindruckte.

Die viel harmloseren Populisten unserer Tage sind natürlich nicht mit Hitler zu vergleichen. Doch auf das Suchtmittel Optimismus setzen auch sie. Dabei ist erwiesen, dass Optimismus zu Leichtsinn verleitet. Boris Johnson vernachlässigte zu Beginn der Pandemie demonstrativ jede Vorsichtsmassnahmeund erkrankte prompt selbst. Donald Trumps Anhänger drängen auf eine schnelle Wiederöffnung der Wirtschaft und scheren sich nicht um Abstandsregeln. Mexikos Staatschef López Obrador lockert die Sicherheitsmassnahmen mitten in einer Phase, in der die Infektionszahlen rasant steigen. Die USA und Grossbritannien führen inzwischen die Länderliste mit den meisten Corona-Toten an.

«Hört auf mit der Angstmacherei!», hiess es unlängst in einem Kommentar an dieser Stelle zur Situation in der Schweiz. Einfach Angst zu machen, wäre tatsächlich nicht sinnvoll. Wir dürfen uns an den optimistischen Worten von Alain Berset erfreuen. Der Bundesrat hat in der Krise nicht populistisch, sondern verantwortungsvoll kommuniziert.

Trotzdem lohnt es sich, wenn wir unserem Optimismus einen Schuss Vorsicht, Skepsis und, ja, auch einen kleinen Rest Pessimismus beimengen. Es sind zwar die Optimisten, die uns eine goldene Zukunft verheissen. Aber es sind die Realisten, die ihr am Ende näherkommen.