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Neue BuchtippsAlles normal

Das erste Mal etwas zu tun ist aufregend – und gibt gute Geschichten, wie die Romane von Sunil Man oder Thomas Meyer zeigen.

Sieht schon ein bisschen surreal aus, die neue Normalität. In der Buchwelt kommt vieles zueinander, was eigentlich nicht zusammen gehört.
Sieht schon ein bisschen surreal aus, die neue Normalität. In der Buchwelt kommt vieles zueinander, was eigentlich nicht zusammen gehört.
zvg

Alle wollten die grossen Romane lesen, von Dostojewski bis Proust, und vielleicht auch noch dazu «Rot und Schwarz» von Stendal. Die wenigsten haben es getan, im Shutdown-Modus haben wir gar nicht so viel Zeit gehabt, die es für die grosse Lektüre bräuchte, bei mir reichte es gerade für einen Thriller. Jetzt, wenn wieder vieles normaler wird, sind Bücher angesagt, die in unserer Wirklichkeit spielen. Man geht dort ins Warenhaus. Isst in einem Restaurant. Geht zum Coiffeur oder zum Optiker. Fährt Zug, und das ohne eigentliches Ziel. Das heisst nicht, das das neue Normale so harmlos ist. Denn vielleicht findet im Warenhaus gerade eine Entführung statt. Oder man kommt mit einer anderen Brille in ein neues Leben hinein. Lesen ist ein Abenteuer, sagt Walter Moers.

Im Warenhaus

«Eine Seniorengruppe betritt lachend und schwatzend den St. Annahof durch den Seiteneingang, den Stöcken und den geröteten Wangen nach zu urteilen, kommen die Rentner geradewegs von einer morgendlichen Wanderung.» Das war Zürich im Februar, damals kam Sunil Mans neuer Roman «Der Schwur» heraus. Wir glaubten, die Geschichte mit Menschenhandel, Drogenhandel, Organhandel sei ein bisschen übertrieben. Und sehen jetzt, wie krass die Stelle mit den Senioren im Warenhaus ist. Überall wuseln da zwischen den Regalen Menschen herum. Und niemand hat da Berührungsängste. Kommt aber am Schluss ganz gut raus.

Sunil Man: Der Schwur. Grafit, 320 S., ca. 19.90 Fr.

Wieder mal rasieren

«Ich blickte abermalig in den schpigl und stellte mit vor, wie ich aussehen würde mit a getrimmte bort. Ob das lässig sein würde.» Motti, der junge orthodoxe Jude in Zürich, muss aber zuerst einen Rasierapparat kaufen, denn einen solchen gibt es in seinem Haushalt nicht. Und als er dann nach der Rasur über seine fast nackten Wangen streicht, fühlt er sich bereits a bisl urban. Eine solche Verwandlung machen Männer durch, wenn sie aus der Quarantäne kommen. Auch Motti wird seinen Weg gehen und sich emanzipieren. Mit neuer Brille. Anderer Frisur. Neuen Kleidern.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Diogenes, 288 S., ca. 17.90 Fr.

Bitte ein Impfmittel

Die Fee ist für kleinere Wünsche zuständig: Geschirrspülmaschinen zum Beispiel. Für Wünsche, die grössere Ereignisse betreffen: Revolutionen, Kriege, Impfmittel, Erfindungen, muss man sich dann an den Chef wenden. Max, der mit der Fee in einer Kneipe in Kontakt kam, wünscht sich, dass der Idiot von einem Chef doch bitte einmal seine Idiotie einsehen möge. Der Wunsch wird ihm erfüllt. Kommt aber nicht gut. Sophie wird ihm später Spucktröpfchen ins Gesicht schmettern. Max hätte doch gleich den Chef wegen Impfmittel angehen sollen. Nur eine von fünf Geschichten, wie das Leben auch sein könnte.

Jakob Arjouni. Idioten. Fünf Märchen. Diogenes, 152 S. , ca. 15.90 Fr.

Im vollbesetzten Zug

Sie machten das, was wir nicht machen sollen: ÖV fahren nur mit touristischem Ziel. Dafür haben die fünfzehn Autorinnen und Autoren eine SBB-Tageskarte gelöst, darunter Isolde Schaad. Sie erzählt, wie ihre Figur Richtung Romandie fährt, im vollbesetzten Zug. «Wo ich auch hinkam und zum x-tenmal anhog: Ist hier noch frei, kam ich in besetztes Gebiet.» Der Ausflug endet in wüsten Geschrei. Es geht aber auch besser. Wir sind unterwegs im Speisewagen nach Bellinzona, im «fahrenden Abteil», von Effretikon nach Ilnau und zurück. Ein Stück Nostalgie in Sachen Schweiz-Reisen.

Im ganzen Land schön. Die Schweiz mit der Tageskarte. Limmat Verlag, 204 S., vergriffen

Die Welt retten

«Das Jahrtausend begann lausig. Es gab keinen Computerbug. Es gab keine verdammte Katastrophe. Dabei hatten sich die Bewohner der westlichen Welt darauf gefreut, dass nach den unendlich öden 90er Jahren endlich etwas passieren würde.» Wenn ein Buch so beginnt, wie der Roman «GRM» von Sibylle Berg, muss man einfach weiterlesen – auch wenn das in eine höchst unliebsame Welt führt, in der eben eine Katastrophe passiert ist und eine noch grössere kommt. Sehr hilfreich, um wieder herauszukommen aus dem Schlamassel: «Nerds retten die Welt». Frau Berg spricht mit Menschen, die es wissen.

Sibylle Berg: Nerds retten die Welt. Kiepenheuer & Witsch, 336 S., ca. 34.90 Fr.

In der Welt der Bücher«Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven.» Aber so ist es immer, wenn man in die Welt der Bücher kommt. Wir begleiten Hildegunst von Mythenmetz nach Buchhain, in die Stadt der Träumenden Bücher, und es ist, als würde sich die Tür zu einer gigantischen Buchhandlung öffnen. Lesen ist hier noch ein richtiges Abenteuer. Wer sich davor fürchtet, soll sich in der Kinderbuch-Abteilung verkrümeln. Schön ist, wenn man nach diesem Buch googelt, erscheinen Anzeigen, dass die Buchhandlungen wieder offen sind.

Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher. Penguin, 480 S., ca. 41.90 Fr.