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Booker-Preis für RomanAls das Grauen ganz normal war

Nordirland in den 1970ern: Es herrscht der Terror. Begriffe wie #MeToo und Stalking gibt es nicht, das Leiden daran schon: Anna Burns’ grossartiger Roman «Milchmann».

Belfast, 1981: Junge Nordiren stecken einen Lastwagen der britischen Armee in Brand. Zuvor war es nach einem Hungerstreik von IRA-Führern zu heftigen Zusammenstössen gekommen.
Belfast, 1981: Junge Nordiren stecken einen Lastwagen der britischen Armee in Brand. Zuvor war es nach einem Hungerstreik von IRA-Führern zu heftigen Zusammenstössen gekommen.
Foto: AFP

Wir erleben und akzeptieren gerade bisher Unvorstellbares als neue Normalität: kein Arbeitsweg, nicht in den Ausgang, keine Freunde treffen ... Die «Normalität» in Anna Burns’ Roman «Milchmann» sieht so aus: ein Stadtviertel, geteilt durch eine Hauptstrasse, beide Seiten zutiefst verfeindet; ein Besatzungsregime, das von Widerstandskämpfern attackiert wird und brutal zurückschlägt; Familien, die ihre Söhne verlieren, weil sie «Terroristen» oder vermeintliche Denunzianten waren, oder auch per Zufall durch eine Autobombe; eine Gemeinschaft, die den Druck von aussen nach innen weitergibt und jede Abweichung rigoros ahndet.

Anna Burns nennt Zeit und Ort nicht, aber es handelt sich um Belfast, Nordirland, in den späteren 1970er-Jahren, auf dem Höhepunkt dessen, was beschönigend «Troubles» genannt wird und über 3000 Menschenleben gekostet hat. Der entscheidende Stolperstein bei den Brexit-Verhandlungen, wir erinnern uns, war eine neue harte Grenze auf der irischen Insel und die Angst vor einem Wiederaufflackern der Gewalt. Dieser Roman führt überaus anschaulich vor, wie berechtigt die Angst ist.

Mit dem Preisgeld die Schulden bezahlt

Die Autorin hat Jahrgang 1962 und ist während der «Troubles» in Ardoyne aufgewachsen, einem katholischen Arbeiterviertel im Norden Belfasts. «Bones», ihr Debüt, erzählt von diesem Aufwachsen. «Milchmann» ist ihr dritter Roman, 2014 vollendet und von etlichen Verlagen abgelehnt. 2018 endlich erschienen, erhielt er den Booker-Preis, der damit zum ersten Mal an eine nordirische Autorin ging. Gefragt, was sie mit den 50’000 Pfund machen werde, sagte Anna Burns: «Meine Schulden zahlen». Die Jahre vor dem Booker-Preis waren eine lange Durststrecke, bei der sie sogar auf Wohltätigkeitsinstitutionen angewiesen war; zu den Dankadressen am Ende des Buches gehört auch eine Gassenküche.

Die Siegerin und ihr Siegerbuch: Anna Burns 2018 beim Gewinn des Booker-Preises.
Die Siegerin und ihr Siegerbuch: Anna Burns 2018 beim Gewinn des Booker-Preises.
Foto: Frank Augstein (Reuters) 

«Milchmann» ist ein politischer Roman über die durch religiöse Gegensätze, ein brutales Besatzungsregime und den Terror der eigenen Leute beschädigte und verstörte Region, die Nordirland in den 1970er- bis 1990er-Jahren war. Auch heute kommt es vereinzelt zu Provokationen und Gewaltausbrüchen. Aus dem konkreten Fall macht Burns eine Parabel. Wie Feindschaft und Hass einer geteilten Gemeinschaft sich nach innen wühlen und wuchern: Das könnte man wohl auch in einer Palästinensersiedlung oder in einem muslimisch-hinduistischen Stadtviertel in Indien studieren.

Burns gelingt der Transfer vom Konkreten ins Allgemeingültige durch das, was Literatur auszeichnet: durch Sprache und Form. Ihr Personal hat keine Namen, nur Funktionsbezeichnungen: Die Ich-Erzählerin heisst «Mittelschwester», ihr Freund ist, weil sie sich über Nähe und Charakter der Beziehungen nicht einigen können, nur ein «Vielleicht-Freund». «Schwager eins» ist der Mann, der ihren Ruf in Gefahr bringt, und der titelgebende Milchmann der, der sie stalkt.

Stalken ist natürlich ein Wort aus unseren Tagen, das es damals noch nicht gab, auch nicht das Bewusstsein dafür. Deshalb fällt es der Ich-Erzählerin auch so schwer, sich selbst und ihrer Umwelt klarzumachen, was da mit ihr passiert. Milchmann, ein mächtiger Mann im Widerstand, lauert ihr auf, gibt ihr zu verstehen, dass er alles über sie weiss, jeden ihrer Schritte überwacht und dass sie ihm «schliesslich zufallen werde wie eine reife Frucht». Wie sich dagegen wehren? «Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert. Wie also konnte man Opfer von etwas sein, das es gar nicht gab? Mit 18 wusste ich noch nicht, was unerwünschte Annäherung war.»

Die Gerüchteküche kocht, eine Faktengrundlage braucht das Gerede nie, «die Gemeinschaft hatte ihre Diagnose getroffen».

Jetzt, im Rückblick, weiss sie es natürlich, und aus der Spannung zwischen dem Mädchen von einst, das das alles noch einmal durchlebt, und der sich erinnernden Älteren resultiert ein Teil der Faszination dieses Romans. Für das, was Mittelschwester widerfährt – Auflauern, subtiles Bedrohen, das Gefühl des Nichtentkommenkönnens –, haben wir heute eine griffige Benennung, «#MeToo», damals aber nur Sprachlosigkeit und Unverständnis.

Kaum ist die Ich-Erzählerin einmal mit Milchmann gesehen worden, gilt sie schon als seine Geliebte. Die Gerüchteküche kocht, eine Faktengrundlage braucht das Gerede nie, «die Gemeinschaft hatte ihre Diagnose getroffen». Da helfen keine Dementis, nicht einmal die eigene Mutter, auch nicht «älteste Freundin» glauben ihr. Damit «fake news» zur erdrückenden Wahrheit werden, waren damals keine Social Media nötig, der Konformismus einer Gemeinschaft unter Druck und die Lust an der Verleumdung reichen auch in analogen Zeiten völlig aus. Und dass die Gestalkte selbst schuld sein soll: Dieses Argumentationsmuster ist so geläufig, dass viele #MeToo-Opfer eben Jahre brauchten, ehe sie Belästigung oder Missbrauch anzeigten.

Wie sich aus einem Tropfen falscher Informationen eine Woge aus Gewalt entwickelt, erfährt auch «Vielleicht-Freund», ein Autobastler, der ein Stück eines auseinandergebauten Bentley bekommen hat. Seine Freunde teilen erst die Begeisterung für das edle Stück. Allerdings: Es ist ein Produkt «aus dem Land jenseits der See», also vom Feind. Es zu besitzen, selbst wenn es nicht «das Teil mit der Flagge» ist, bedeutet Verrat an der Gemeinschaft. Und muss bestraft werden.

Die Suada als zwingende literarische Form

Mittelschwester auszugrenzen, ist noch leichter, denn sie ist ohnehin «anders». Sie liebt es, mit einem Buch in der Hand spazieren zu gehen, immer mit einem Roman aus dem 19. Jahrhundert, denn das 20. ist ihr verhasst. Da jede Rechtfertigung wie eine Bestätigung der Beschuldigung wirkt, stellt sie ihre Gesichtszüge still und verlegt sich überhaupt aufs Schweigen.

Umso redseliger ist sie gegenüber uns Lesern. Die logische, ja die einzig zwingende Form, die ihre soziale Isolation literarisch annimmt, ist eine ungebremste Suada. Und wir folgen ihren unendlichen Wendungen, Abschweifungen und Exkursen darüber, wie sie aus ihrer verzweifelten Lage herauszukommen versucht. Einer Lage, die mit der Tötung des Milchmannes durch das Militär beendet wird. Darüber werden wir schon im ersten Satz des Romans informiert – was den folgenden 450 Seiten nichts von ihrer Spannung, nichts von ihrer literarischen, psychologischen und politischen Attraktivität nimmt.

Anna Burns führt uns in eine Welt, in der es eher als normal gilt, mit Semtex-Sprengstoff herumzulaufen als mit einem Buch. In der ein «normaler» Mord – also einer ohne politischen Hintergrund – die Gemeinschaft schockiert, während sie Bomben und Exekutionen als gegeben hinnimmt. In der es selbstverständlich ist, niemanden von der falschen Seite der Strasse zu treffen, keinen Tee aus dem falschen Laden zu kaufen, kein Bier in der falschen Bar zu trinken. In der das Anormale normal und das Normale verrückt ist.

Diese Verkehrung muss die Ich-Erzählerin austragen. Sie tut das in der wilden, verstörten Sprache einer gestalkten, ausgegrenzten Achtzehnjährigen, der eine souveräne Autorin eine zu Recht preisgekrönte Prosa abgewonnen hat.