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Kritik der SRF-RadiopredigtAls das Hausschwein krank wurde

SRF sendete jahrelang eine katholische und eine reformierte Radiopredigt, jetzt soll es nur noch eine geben. Ein Testhören zeigt: Die Ansprachen sind erstaunlich inspirierend.

Ländliche Idylle, strenge Religion: Die Radiopredigt nimmt die Hörerschaft mit in das streng katholische Milieu im Luzerner Hinterland.
Ländliche Idylle, strenge Religion: Die Radiopredigt nimmt die Hörerschaft mit in das streng katholische Milieu im Luzerner Hinterland.
Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Sodann treten auf: ein leidendes Hausschwein, das so schwer krank ist, dass es geschlachtet werden muss; ferner ein unbarmherziger katholischer Pfarrer, der es der Bauernfamilie verbietet, das Säuli zu verspeisen. Weil Fastenzeit ist, und da isst man kein Fleisch, «nichts da».

Die römisch-katholische Theologin Silvia Huber leitet ihre Radiopredigt auf SRF 2 schön anschaulich ein. Nach zwei Sätzen bin ich dank der Anekdote aus der Jugendzeit ihrer Mutter gedanklich im streng katholischen Alltag einer Luzerner Bauernfamilie. Und es geht bildhaft weiter: Die Mutter verliebt sich in einen jungen Berner Käser – schon wieder muss sie sich der Religion zuliebe selbst kasteien; eine Heirat mit einem reformierten Burschen ist undenkbar.

Jeden Sonntagmorgen sendet SRF 2 Kultur zwei kurze Radiopredigten, je eine katholische und eine reformierte. Jetzt findet es das SRF aber nicht mehr zeitgemäss, zwei Ansprachen zu halten; ab 2022 soll es nur noch eine konfessionsübergreifende Predigt geben. Schon wurde Kritik laut, denn auch wenn das Format ein wenig verstaubt daherkommt, hat die Sendung im Schnitt mehr als 110’000 Zuhörer.

Wie hören sich die Predigten an? Im Test werden wir positiv überrascht: Die beiden Sendungen sind mit je sieben bis acht Minuten schön kurz, sodass man aufmerksam bleibt, und angenehm unaufgeregt: Da redet je eine Pfarrerin und ein Pfarrer (sie wechseln jede Woche), fertig Amen. Für Sonntagmorgen ist das genau der richtige Tonfall; man möchte zu dieser Tageszeit ja möglichst wenig Geplauder im Radio hören.

Offene Kritik an der katholischen Kirche

Was ebenfalls positiv auffällt: wie unbefangen die katholische Theologin Silvia Huber Kritik an der Kirche äussert. Sexuelle Gewalt, patriarchale Strukturen, Homophobie – sie wird deutlich und darum auch glaubwürdig, wenn sie erklärt, wie vielfältig sie Spiritualität erlebe: «Ob ich meine Gottesbeziehung durch einen Gottesdienstbesuch pflege oder auf einer Herbstwanderung über dem Nebelmeer, das entscheide ich selber.» Das ist doch ein Gedanke, den man gern in den Sonntag mitnimmt.

Ihr reformierter Kollege, Pfarrer Beat Allemand, sinniert derweil über den Begriff «verlieren» und packt viele Themen der Gegenwart mit ein (Präsidentschaftswahlen, Krankheit, moralische Schuldzuweisungen). Zwar ist seine Ansprache bibelnäher und abstrakter, doch auch er hat eine lebensnahe Botschaft: Verloren ist man erst, wenn niemand mehr nach einem sucht.

Auch bei ihm gibts eine Tiergeschichte, nämlich die vom verlorenen Schaf, und die will man schon allein deshalb zu Ende hören, weil sie mit dem wunderlichen Satz beginnt: «Ein davongelaufenes Schaf ist eine recht triviale Sache.»

Fazit: Die Radiopredigt ist so inspirierend wie handfest. Ein grosser Unterschied zwischen der reformierten und der katholischen Ansprache ist allerdings nicht spürbar. Von daher macht SRF mit der Reduktion von zwei auf eine Predigt wahrscheinlich das einzig Richtige.

7 Kommentare
    Hansjörg Höhener

    Man darf davon ausgehen, dass die meisten Hörerinnen und Hörer beide Predigten hören. Die Eine, oder vielleicht die Andere spricht mehr an. Spannend wird es, wenn mir als Reformiertem die katholische Predigt mehr gibt - oder umgekehrt. Dabei geht es nicht um Konkurrenz, sondern um Vielfalt. Und die sollten wir uns erhalten. Bleibt die Frage, ob bei der eingesparten Sendezeit wirklich etwas Wertvolleres übertragen wird.