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Covid-19 in LateinamerikaAls ob es Corona nie gegeben hätte

In vielen Grossstädten Lateinamerikas verhalten sich die Menschen wie vor der Pandemie. Das könnte zu einer gesundheitspolitischen Katastrophe führen.

Kein Social Distancing, keine Masken: Der Strand von Ipanema in Rio de Janeiro (13. September).
Kein Social Distancing, keine Masken: Der Strand von Ipanema in Rio de Janeiro (13. September).
Foto: Antonio Lacerda (EPA) 

An den Stränden von Rio de Janeiro scheint die Pandemie vorbei zu sein. Zumindest in den Köpfen der zahlreichen Menschen, die sich an den kilometerlangen Küstenstreifen von Ipanema oder Copacabana aufhalten. Kinder bauen Sandschlösser, Erwachsene baden in der Sonne oder spielen Volleyball. Kaum jemand hält Abstand oder trägt eine Schutzmaske.

Sogar mobiler als vor der Pandemie

Auch in anderen Grossstädten Lateinamerikas verhalten sich die Menschen fast wieder wie vor der Pandemie. Die Professoren Michael Touchton und Felicia Knaul von der University of Miami haben Bewegungsdaten in der Region systematisch ausgewertet. Die Daten zeigen, dass in fünf Bundesstaaten Brasiliens die Menschen sogar noch mobiler sind als vor der Corona-Krise. «Auch im Bundesstaat Amazonas, der besonders stark betroffen ist», sagt Michael Touchton.

Dieser Befund deckt sich mit der Analyse von Bloomberg. In São Paulo stauen sich die Autos wieder während der Rushhour, der Verkehr in Mexiko-Stadt, der Mitte April auf etwa 14 Prozent des normalen Levels zurückgegangen ist, liegt unterdessen bei 70 Prozent des Vor-Corona-Levels. In Santiago de Chile bewegen sich die Menschen nur 13 Prozent weniger als vor den Corona-Massnahmen.

In Lateinamerika leben acht Prozent der Weltbevölkerung, die Region verzeichnet aber ein Drittel der Infektionen und Todesfälle weltweit.

Natürlich ist der Wunsch nach einer Rückkehr in ein Leben ohne grössere Einschränkungen verständlich. Viele Länder Lateinamerikas haben im März scharfe Lockdowns verhängt. Während langer Monate durften die Bürger ihre Häuser nur dann verlassen, wenn es absolut notwendig war. Viele Beschäftigte im informellen Sektor brachte dies in existenzielle Nöte. Sie arbeiten ohne Vertrag, ohne Arbeitslosenunterstützung oder Krankenversicherung.

In Lateinamerika leben acht Prozent der Weltbevölkerung, die Region verzeichnet aber ein Drittel der Infektionen und Todesfälle weltweit. Die vergangenen Öffnungsschritte gingen nicht mit begleitenden Massnahmen einher. «Viele Länder haben Corona-Restriktionen aufgehoben, ohne die Tests und das Contact-Tracing aufzubauen. Das ist potenziell sehr gefährlich», sagt Felicia Knaul.

Glaubte, seine Ehrlichkeit und Amulette schützten ihn: Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador beim Nationalfeiertag Mitte September.
Glaubte, seine Ehrlichkeit und Amulette schützten ihn: Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador beim Nationalfeiertag Mitte September.
Foto. Henry Romero (Reuters)

Die rasche Öffnung hat jetzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf den Plan gerufen. Die WHO-Regionaldirektorin Carissa Etienne sieht die Lockerungsstrategien in Lateinamerika kritisch. Die Region habe damit begonnen, zum normalen sozialen und öffentlichen Leben zurückzukehren, obwohl weiterhin grosse Eingriffe zur Eindämmung der Pandemie nötig seien. «Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass eine zu frühe Öffnung diesem Virus mehr Raum zur Verbreitung gibt und unsere Bevölkerungen einem grösseren Risiko aussetzt», sagt Etienne.

Felicia Knaul bedauert, dass mit Brasilien und Mexiko ausgerechnet die bevölkerungsreichsten Länder die schlechteste Gesundheitspolitik verfolgen. Sowohl der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro als auch sein mexikanischer Amtskollege Andrés Manuel López Obrador hätten die Gefahren des Virus heruntergespielt, sagt sie.

Risikofaktor Tourismus

Bolsonaro hält weiter an der Behauptung fest, Covid-19 sei nicht gefährlicher als eine Grippe, und propagiert das Medikament Hydroxychloroquin, dessen positive Wirkung gegen das Coronavirus aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse unwahrscheinlich ist. López Obrador sagte zuletzt flapsig, erst wenn es keine Korruption im Land mehr gäbe, dann würde auch er einen Mundschutz tragen. Zu Beginn der Pandemie hatte er noch behauptet, dass seine Ehrlichkeit und Amulette, die er von seinen Anhängern geschenkt bekommen hatte, ihn schützen würden.

Carissa Etienne sieht einen weiteren Risikofaktor: den internationalen Tourismus, den viele Länder wieder ankurbeln wollen. Seit Anfang Woche sind internationale Flüge aus einigen Ländern nach Kolumbien wieder möglich. Ab Oktober wird Edelweiss einen Direktflug von Zürich ins mexikanische Cancún anbieten. Etienne warnt, dass die Regierungen den Reiseverkehr sehr sorgfältig überwachen müssten, da eine erneute Öffnung für den Tourismus zu Rückschlägen führen könne. Dies ist in der Karibik geschehen, wo mehrere Länder, in denen es praktisch keine Fälle gab, nach der Wiederaufnahme des Tourismus Spitzenwerte verzeichneten.

74 Kommentare
    Boris Fray

    Wenn wir uns an die Details erinnern, und was aus historischen Daten im Internet überzeugend hervorgeht, hat die COV-Grippesaison (SARS,MARS) die südliche Hemisphäre auch damals in 2001 und 2009 überquert und die gleichen Auswirkungen wie in 2020 gebracht. Nicht mehr oder weniger. Es ist interessant zu sehen, dass die Medien oder Politiker auf der südlichen Hemisphäre der Epidemie 2020 nicht viel Aufmerksamkeit schenken wie bei uns in Europa, oder in den USA, wo die Krise für politische Zwecke genutzt wird. In der südlichen Hemisphäre ticken die Uhren anders. Die Leute lieben die Sonne, sie mögen Spass haben, sich treffen, Musik auf der Strasse zelebrieren und sie wollen keine Lumpen über ihren Gesichtern. All dies wird ihnen wahrscheinlich sehr schnell die Herde- Immunität gegen den COV19 verleihen ,und das Leben geht weiter.Man kann sich freuen diese Länder zu besuchen, und unsere Angst abzubauen.Man hat auch in der USA mehr als 4 Millionen COV19 Tote prophezeit, und am Schluss waren es um die 200'000... etwas mehr als in 2009. Die Epidemien kommen und gehen aber das Leben muss mit Freude im Herzen bleiben. Alle Lebewessen ausser Menschen wissen, dass der Sinn des Leben ist es ...zu geniessen.