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Zürich trägt MaskeAls ob jemand einen Schalter umgelegt hätte

Am ersten Tag der Maskenpflicht war kaum ein Gesicht in Tram, Bus und S-Bahn unvermummt. Mit einer Ausnahme ganz vorn.

Schon beim Warten auf den Zug in Oerlikon hatten viele Pendlerinnen und Pendler eine Maske auf.
Schon beim Warten auf den Zug in Oerlikon hatten viele Pendlerinnen und Pendler eine Maske auf.
Foto: Urs Jaudas

Es ist erstaunlich, was ein Machtwort auslösen kann. Wenn die Empfehlung zur Pflicht wird, gehorchen die Zürcherinnen und Zürcher.

Wer am Montagmorgen im Tram, im Bus oder in der S-Bahn unterwegs war, sah fast ausschliesslich vermummte Gesichter. Die Münder der Mitreisenden (und meist auch deren Nasen – wie man die Masken richtig trägt, lesen Sie hier) waren von blauen, weissen, bunten, selbst genähten und medizinisch-hochgerüsteten Masken verdeckt. Wer keine trug, fiel auf und zog Blicke auf sich. Auch die Buschauffeure und Trampiloten, die keine Masken anhatten.

«Ich finde die Tragepflicht eigentlich ganz in Ordnung», sagt eine 29-Jährige, die gerade auf das Tram am Zürcher Hauptbahnhof wartet. Eigentlich? «Klar, der Komfort sinkt etwas, die Brille läuft zum Beispiel an, aber die Massnahme ist grundsätzlich sinnvoll.» Sie pendelt jeweils von Richterswil nach Zürich, wo sie im Kinderspital arbeitet und die Masken gewohnt ist. Im ÖV trage aber auch sie erstmals eine. Zuvor achtete sie einfach darauf, Abstand zu wahren – sie gehöre ja nicht zur Risikogruppe.

Hoffnung auf mehr Fahrgäste

In den letzten Wochen lebten viele Zürcherinnen und Zürcher im Widerspruch. Zwar befürworteten sie eine Maskenpflicht im ÖV, setzten sich aber keine auf. Nur rund 10 Prozent der Passagiere folgten der dringlichen Empfehlung des Bundes. Zu dieser Minderheit gehörte ein 72-jähriger Pendler aus Wädenswil, dessen weisse Maske nur um das rechte Ohr baumelt, während er die Morgensonne an der Tramstation geniesst. «Ich trage seit Wochen im ÖV eine Maske», sagt er. Er ist froh über die Pflicht. Dass nun auch Junge eine tragen, obwohl sie nicht zur Risikogruppe gehören, sei ein Akt der Solidarität.

Egal welche Generation: In Zürich haben sich am Montagmorgen beinahe alle an die Maskenpflicht gehalten.
Egal welche Generation: In Zürich haben sich am Montagmorgen beinahe alle an die Maskenpflicht gehalten.
Foto: Urs Jaudas

Erleichtert über das Machtwort aus Bern ist auch Stadtrat Michael Baumer, politischer Vorsteher der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ). Die Stadt liess in den vergangenen Wochen immer wieder durchblicken, dass sie sich vom Kanton und vom Bund eine Maskenpflicht wünschte. Baumer nutzt den Regimewechsel gemeinsam mit FDP-Parteikolleginnen und -kollegen für ein bisschen Werbung in eigener Sache und verteilt Masken am Bahnhof Oerlikon. Ist es kein Widerspruch, als Freisinniger eine Pflicht zu zelebrieren? Nein, sagt Baumer: «Eigenverantwortung braucht es immer noch, wir können nicht hinter jeden Passagier einen Kontrolleur stellen.»

FDP-Stadtrat Michael Baumer (l.) verteilt an einer Parteiaktion Schutzmasken in Oerlikon.
FDP-Stadtrat Michael Baumer (l.) verteilt an einer Parteiaktion Schutzmasken in Oerlikon.
Foto: Urs Jaudas

Er hofft darauf, dass die Masken den Pendlerinnen und Pendlern ein Sicherheitsgefühl zurückgeben und sie wieder zahlreicher den ÖV nutzen. Es gibt aber auch Stimmen, die das Gegenteil befürchten: Mit der Maske sinke der Komfort des ÖV, Velo und Auto würden profitieren. Ein erstes Indiz liefern die Zählstellen der Personenfrequenzen im Bahnhof Hardbrücke: Mit gut 13’000 Pendlerinnen und Pendlern war dieser Montagmorgen der geschäftigste seit dem Lockdown und lag deutlich über dem Durchschnitt der letzten vier Wochen.

Schnell weg damit

Pendeln ist für viele ein Ritual. Tausende nehmen täglich die immer gleichen Verbindungen, steigen bei der gleichen Tür ein, holen sich einen Kaffee beim gleichen Verkäufer, das Gipfeli bei der gleichen Verkäuferin. Die Maske muss ihren Platz in diesem Ritual erst noch finden. Wann ziehe ich die Maske an? Auf dem Perron? Beim Absitzen? Darf ich noch kurz ins Gipfeli beissen? Den Kaffee trinken? Die Bewegungen der Pendlerinnen und Pendler wirken noch etwas unsicher. Nur beim Aussteigen scheint sich bereits eine neue Routine etabliert zu haben: Die meisten reissen sich die Maske vom Gesicht, kaum sind sie an der frischen Luft.

Dieser Akt der Befreiung zeigt: Ganz so wohl ist es den Passagieren mit ihren neuen Begleitern doch nicht. Offen ist auch, wie es am Abend oder am Wochenende aussieht, wenn man mit dem Freund, der Freundin, den Kollegen im ÖV unterwegs ist. Wird dann die Quote der Maskenträgerinnen und -träger wieder sinken?

Das Maskenobligatorium sei reibungslos angelaufen, sagt ein Sprecher der VBZ. Dies habe man trotz langer Diskussionen auch so erwartet. Eine Prognose, wie sich die Tragequote nun entwickelt, wagt er aber nicht. Dazu fehlten schlicht Erfahrungswerte.