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Kommentar zu Bidens Taktik Als profillosester Kandidat der Geschichte ins Weisse Haus

Joe Biden lässt die Attacken Donald Trumps ins Leere laufen. Konkrete Ideen hat er keine, dafür lächelt er viel. Warum sich das am Ende auszahlen kann.

Lächeln und den Präsidenten reden lassen: Das war die Strategie von Joe Biden beim ersten TV-Duell.
Lächeln und den Präsidenten reden lassen: Das war die Strategie von Joe Biden beim ersten TV-Duell.
Keystone

Als die 90 Minuten der ersten Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden und schliesslich auch die – man kann das wohl so nennen – Nachspielzeit vorbei waren, stand immer noch kein Sieger fest. US-Präsident Trump hatte eisern an seinem Matchplan festgehalten, der besagte, den Gegner möglichst andauernd zu unterbrechen, herabzuwürdigen und bei jeder Gelegenheit als senil darzustellen. Sein Gegenüber hielt sich allerdings ebenfalls streng an die festgelegte Taktik, die in seinem Fall besagte, sich nicht provozieren zu lassen, einige wenige, klare Aussagen zu treffen und ansonsten zu lächeln, wenn der Präsident sprach. Das Ergebnis? Im Fussball würde man sagen, dass es ein torloses Unentschieden war, und zwar eines der faderen Sorte.

Die US-Fernsehsender kommentierten das in der Nacht zum Mittwoch zunächst etwas anders und sprachen von einer Debatte, die im Wesentlichen an den Bedürfnissen der Amerikaner vorbeigegangen sei. Das war insoweit banal, als es mit ziemlicher Sicherheit noch nie eine Debatte unter Beteiligung von Donald Trump gegeben hat, die nicht an den Bedürfnissen der meisten Amerikaner vorbeigegangen wäre. Ganz gleich, was man von Trump hält, ganz gleich, ob man eher den Republikanern oder den Demokraten zuneigt: Kaum jemand dürfte bestreiten, dass es dem Präsidenten beim öffentlichen Auftritt immer um Selbstverherrlichung, Angriff und Entertainment geht. Biden wusste das natürlich, und er hat dadurch gut dagegengehalten, dass er meistens nicht dagegenhielt. Er liess Trump in die Weite des leeren Raums laufen.

Damit hat Biden im Wesentlichen seine Wahlkampftaktik der vergangenen Monate abgebildet. Noch immer ist nicht klar, wofür er als Präsident stehen soll, ausser dafür, dass er ein Mann des Mitgefühls ist und davon abgesehen nicht Donald Trump. Konkrete Ideen? Keine. Reformpläne gar? Nicht einmal im Ansatz. Biden versucht erkennbar, als der politisch profilloseste Kandidat der Geschichte ins Weisse Haus zu gelangen.

Wenn man ehrlich ist, dürften seine Berater damit die richtige Entscheidung getroffen haben. Mehr ist nicht drin. Der 77 Jahre alte Biden wird in der Bevölkerung kein Feuer mehr entfachen, was viel damit zu tun hat, dass in ihm selbst kein grosses Feuer mehr brennt. Das war auch in der Nacht zum Mittwoch zu sehen. Er machte keine Fehler, aber an den wichtigsten Stellen fehlte ihm die Wucht, was den auch schon 74 Jahre alten Trump agiler wirken liess.

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