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Covid-19 als PartycrasherAm 100. Geburtstag kam der Lockdown

Die Pandemie setzte den Festivitäten des Ruderclubs Zürich ein Ende, noch bevor sie beginnen konnten. Gefeiert werden soll nun nächstes Jahr.

Achter auf dem Zürichsee: Der RC Zürich blickt auf eine reichhaltige Vereinshistorie zurück.
Achter auf dem Zürichsee: Der RC Zürich blickt auf eine reichhaltige Vereinshistorie zurück.
ZVG

Die Jubiläumsbroschüre war gedruckt, die Champagnerflaschen warteten darauf, entkorkt zu werden. Am 19. März wollte der Vorstand nach der Vereinsversammlung zusammen mit den Mitgliedern anstossen. Schliesslich war im Ruderclub Zürich ein seltenes Jubiläum angesagt: der 100. Geburtstag.

Doch dann kam der Partycrasher Covid-19. Drei Tage vor den geplanten Festivitäten verkündete der Bundesrat den Lockdown, damit einher ging natürlich auch die Schliessung sämtlicher Ruderclubs. Die 57 prächtigen Boote auf der Anlage direkt neben dem Mythenquai waren plötzlich überflüssig, ebenso die Ergometer im ersten Stock des Clubhauses, auf denen man auf der überdachten Terrasse mit spektakulärer Sicht auf den Zürichsee schwitzen kann.

Dass der Stecker am 16. März gezogen wurde, war aus RCZ-Sicht doppelt bitter. Just an diesem Datum war der Club im Jahr 1920 gegründet worden von einigen Fussballern des FCZ, die ihr sportliches Spektrum um ein Element erweitern wollten. Die ersten 16 Jahre hatte der Verein als Rudersektion des Fussballclubs Zürich existiert. Im Winter 1936/37 machten sich die Ruderer selbstständig, ebenso wie die Sektionen Leichtathletik, Hockey und Boxen, seither heisst der Verein Ruderclub Zürich.

Die Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg

Die erste Blütezeit gabs in den Dreissigerjahren: überwältigende nationale Dominanz, Siege an der Prestigeregatta in Henley sowie internationale Medaillen à discrétion. Nur der Traum von Olympiagold blieb unerfüllt. Fast noch mehr Aufsehen generierten die Zürcher Ruderer mit der Umstellung auf den Fairbairn-Stil, benannt nach dem englischen Ruderer Steve Fairbairn, der auf die Effizienz des Beinstosses setzte. Der Zweite Weltkrieg führte zu einer Zäsur. «Viele Leute im Club haben danach immer wieder Anläufe genommen», sagt Präsident Stephan Gantenbein, «trotz aller Bemühungen wurde das vorherige Niveau aber nicht mehr erreicht.»

Euphorie pur: Der Empfang der siegreichen Henley-Ruderer des Ruderclubs Zürich im Jahr 1936.
Euphorie pur: Der Empfang der siegreichen Henley-Ruderer des Ruderclubs Zürich im Jahr 1936.
Keystone

Zu Beginn der Neunzigerjahre folgte der zweite Eckpunkt der Vereinshistorie, neu wurden auch Breitensportler und Frauen zugelassen. Besonders Letzteres war ein Quantensprung, wie ein Votum von Clubmitglied Alfred Stadler in der lesenswerten Jubiläumsbroschüre erahnen lässt: «Bis zu diesem Zeitpunkt waren Frauen im RCZ nur als Anhängsel ihrer Ehemänner oder zum Sünnele akzeptiert.» Führend bei der Erweiterung war die deutsche Trainerin Heike Dynio. Präsident Gantenbein, der 1996 selber mit 40 Jahren unter ihrer Ägide zu rudern begann, sagt es so: «Sie ist fachlich unglaublich gut und hat den Club extrem auf Vordermann gebracht.»

Jeder ist willkommen, und jeder kann sein, wie er ist.

Pascale Walker, Olympia-Kandidatin aus dem RC Zürich

Die Folge der Öffnung: eine Vervierfachung der Mitgliederzahlen in 30 Jahren und ein Club, bei dem Leistungssport und Breitensport koexistieren. Heute frönen fast 400 Aktivmitglieder ihrem Hobby beim RCZ. Rund die Hälfte der Mitglieder sind Frauen, eine prozentuale Verteilung, wie sie noch längst nicht überall üblich ist. Gantenbein kann zufrieden sagen: «Der RCZ ist offen für alle, bei uns gibt es keine Beschränkungen.»

Mit Pascale Walker arbeitet eine Athletin sogar konsequent auf die Olympiateilnahme hin. Sie bestätigt die Aussage ihres Präsidenten: «Jeder ist willkommen, und jeder kann sein, wie er ist.» Für sie ist der RCZ viel mehr als nur ein Ruderverein: «Ich freue mich jedes Mal, hinzugehen. Nicht nur wegen des Trainings, sondern wegen der Menschen, des Umfelds, der Stimmung. Der Club ist für mich ein grosses Stück Heimat mit vielen prägenden Erlebnissen.»

Pascale Walker (zusammen mit Trainingspartnerin Valerie Rosset) hat dem RCZ eine internationale Karriere zu verdanken.
Pascale Walker (zusammen mit Trainingspartnerin Valerie Rosset) hat dem RCZ eine internationale Karriere zu verdanken.
Alexandra Wey (Keystone)

In den letzten Monaten passte sich der RCZ schnell den veränderten Gegebenheiten an, dass eine Immunologin den Vorstand verstärkt, half bei der Beurteilung der gesundheitlichen Sachlage. Unter ihrer Leitung wurden die Schutzmassnahmen ausgearbeitet, daneben wurde versucht, den gewohnten Betrieb so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Die Kraftmaschinen wurden zu den Leistungssportlern nach Hause gebracht, der Headcoach stellte zusammen mit dem Breitensportchef wöchentlich Trainings zusammen, die zu Hause via Internet umgesetzt werden können.

Dass das Jubiläumsfest nun auf Mai 2021 verschoben werden musste, ist längst verdaut. Seit dem Frühsommer hat sich das Clubhaus schrittweise wieder mit Leben gefüllt, mittlerweile herrscht fast wieder normaler Trainingsbetrieb, unter Einhaltung des Schutzkonzepts natürlich. Gantenbein stellt zufrieden fest: «Wir sind ohne böse Überraschung durch diese Zeit gekommen, die Leute verhalten sich diszipliniert.»