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Steigende Corona-ZahlenHeute kommt es zum Krisengipfel mit Alain Berset

Wegen steigender Infektionszahlen ist die Politik unter Druck. Eine Maskenpflicht für den öffentlichen Verkehr sowie Einreisekontrollen stehen zur Debatte. Berset informiert heute um 18.15 Uhr.

Bundesrat Alain Berset trifft am Montag diverse Vertreter der Kantone. Aufgrund der steigenden Corona-Fallzahlen wird das Treffen mit dem Gesundheitsminister zum Krisengipfel
Bundesrat Alain Berset trifft am Montag diverse Vertreter der Kantone. Aufgrund der steigenden Corona-Fallzahlen wird das Treffen mit dem Gesundheitsminister zum Krisengipfel
KEYSTONE

Seit Anfang Juni zeigt die Kurve wieder nach oben. Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfizierten stieg auf gegen 70. Zu Beginn des Monats bewegte sie sich noch im einstelligen Bereich. Sorgen bereitet den Epidemiologen und den politisch Verantwortlichen die Tendenz: Der Anstieg könnte sich wieder beschleunigen.

Das mag auch mit der Unbeschwertheit zu tun haben, die mancherorts beobachtet wird. So feierten von Samstag auf Sonntag an einer illegalen Technoparty bei der Reitschule in Bern Hunderte Teilnehmer dicht beieinander, laut Beobachtern trugen nur wenige eine Maske. In Zürich ordnete die Regierung für 300 Besucher des Clubs Flamingo nachträglich eine Quarantäne an, nachdem sechs Personen sich an einer Party am 21. Juni infiziert hatten. Die Infizierten waren allerdings auch in anderen Clubs unterwegs, wie diese Zeitung berichtete. Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, twitterte am Samstag, die Situation sei «beunruhigend», Hygiene und Distanz müssten eingehalten werden, «alles andere ist ein Freipass für das Virus!».

«Ich persönlich wünsche mir eine Maskenpflicht für den öffentlichen Verkehr.»

Lukas Engelberger, Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren

Am Montag schon bespricht der eidgenössische Gesundheitsminister Alain Berset die Situation mit den Kantonen an einer Sitzung, wie Recherchen zeigen. Das Treffen war schon länger geplant, dürfte angesichts der Lage nun aber zum Krisengipfel werden. Teilnehmen werden Vertreter der kantonalen Gesundheitsdirektoren, der Konferenz der Kantonsregierungen sowie Kantonsärzte. Dies bestätigt Markus Binder, Sprecher des Innendepartements.

Ein Thema werde das Contact-Tracing sein. Dabei spielt der am 19. Juni erfolgte Wechsel von der ausserordentlichen zur besonderen Lage eine Rolle: Es sind jetzt hauptsächlich die Kantone dafür verantwortlich, organisatorische Massnahmen zur Eindämmung des Virus zu ergreifen. Der Bund kann jedoch allgemeine Verhaltensregeln wie etwa das Abstandhalten verordnen.

Pendler mit und ohne Schutzmaske fahren in einer S-Bahn nach dem Corona-Lockdown.
Pendler mit und ohne Schutzmaske fahren in einer S-Bahn nach dem Corona-Lockdown.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Eine dieser Verhaltensregeln wäre nach Ansicht von Lukas Engelberger das Maskentragen. Engelberger (CVP) ist Regierungsrat in Basel-Stadt und seit kurzem Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz. Er sagt es klar: «Ich persönlich wünsche mir eine nationale Maskenpflicht für den öffentlichen Verkehr.» Es wäre ein Signal an verletzliche Personen, die sich heute kaum mehr aus dem Haus getrauten. Zudem wäre eine bundesweite Massnahme hier einfacher, als wenn einzelne Kantone ein Maskenobligatorium verhängen würden, sagt er. Die Betroffenheit sei zwar regional unterschiedlich, die Züge jedoch führen schliesslich durchs ganze Land.

Engelberger betont, dass er für diese Forderung kein Mandat der Kantone habe. Er glaubt aber, dass eine Mehrheit der Kantone der gleichen Ansicht ist wie er. Es laufe auf eine Maskenpflicht hinaus, wenn die Zahlen weiter stiegen und die Empfehlung des Bundes, im öffentlichen Verkehr eine Maske zu tragen, nicht umgesetzt werde. «Und das ist ganz offensichtlich der Fall.»

Die Kantone seien gut in der Lage, lokal Schutzmassnahmen zu ergreifen, sagt Engelberger. Etwa Quarantänemassnahmen in Heimen, Schulen oder Betrieben oder auch Restriktionen in der Gastronomie, etwa betreffend die Polizeistunde. «Die Infektionszahlen haben sich in den letzten Tagen sehr dynamisch entwickelt. Mitte letzter Woche wurde die Lage womöglich noch anders eingeschätzt als Ende Woche.»

Debatte um Quarantäne für Einreisende

Nebst Maskenpflicht ist auch eine verstärkte Kontrolle von Rückkehrern aus gewissen Ländern ein Thema. So sprach die Zürcher Kantonsärztin Christiane Meier am Freitag von elf Neuinfektionen allein im Kanton Zürich im Zusammenhang mit Rückkehrern aus Serbien. Das Problem sei neu und bereite ihr Sorgen. Doch nicht nur Serbien, sondern der ganze Balkan ist betroffen. Ein Grossteil der «importierten» Fälle stammt aus dieser Region.

Bundespolitiker forderten in dieser Zeitung daher systematische Kontrollen an Flughäfen oder Quarantänepflicht für Einreisende. Auch die Corona-Taskforce des Bundes empfiehlt eine zehntägige häusliche Quarantäne für Menschen, die aus überdurchschnittlich betroffenen Ländern einreisen.

Den Ernst der Lage auf dem Balkan zeigt eine Nachricht vom Wochenende: Drei hochrangige serbische Politiker – die Parlamentspräsidentin, der Verteidigungsminister und der Chef der Kosovo-Kanzlei – haben sich infiziert. Zugleich ist seit Sonntag der Flughafen der kosovarischen Hauptstadt Pristina wieder offen und wird rege angeflogen. Das dürfte die Debatte um eine Quarantäne für Einreisende aus dieser Gegend zusätzlich befeuern.
Am Montagabend um 18.15 Uhr informieren Berset und Engelberger über die Ergebnisse des Krisengipfels.

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