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Prozess in HongkongAn ihm will China ein Exempel statuieren

Joshua Wong gilt als Gesicht des Widerstands in Hongkong, nun drohen ihm mehrere Jahre Haft. Denn seine Forderungen nach Demokratie machen Peking rasend.

Das Gesicht des Widerstands: Joshua Wong spricht während der Proteste im Sommer 2019 zu Anhängern.
Das Gesicht des Widerstands: Joshua Wong spricht während der Proteste im Sommer 2019 zu Anhängern.
Foto: Kin Cheung (AP)

Joshua Wong sitzt im Gefängnis, mal wieder. Dieses Mal läuft ein Verfahren gegen den Hongkonger Aktivisten, weil er im Juni des Vorjahres eine nicht autorisierte Versammlung vor dem Polizeipräsidium organisiert haben soll. Ein geringfügiges Vergehen, doch Wong hat auf schuldig plädiert. Die Welt soll sehen, was vom Hongkonger Justizsystem übrig ist, sagt der Aktivist, der mindestens bis zum Urteil in Haft ist. Und er könnte für mehrere Jahre im Gefängnis bleiben. Seine Verurteilung gilt als wahrscheinlich.

Wenn Peking etwas fürchtet, dann sind es Menschen mit einer Überzeugung. Der 24-Jährige ist das internationale Gesicht des Widerstands. Bei seinen Auftritten redet Wong nicht mehr nur über Hongkong. Er spricht auch über Xinjiang, Tibet und die Verbrechen, die Peking weltweit begeht. Hongkong ist für ihn nur ein Symptom des Unrechtsstaats. Global sei die Demokratie in Gefahr, warnt Wong, passt auf, oder ihr seid als Nächstes dran. Das ist die Botschaft, die Peking so rasend macht.

Als Schüler gegen «Moralische und nationale Erziehung»

Wong war 14, als er sich der Kommunistischen Partei erstmals widersetzte. 2011 gründete er die Schüler-Aktivistengruppe Scholarism. Er hielt Reden in der Innenstadt, verteilte Flugblätter gegen das Fach «Moralische und nationale Erziehung», das Hongkongs Schüler zu Partei-Patrioten machen sollte. Gehirnwäsche sei das, erklärte Wong. Im September 2012 folgten 120’000 Menschen seinem Protestaufruf, die Regierung musste ihre Pläne zurückziehen.

Zwei Jahre später gehörte er zu den führenden Köpfen während der Besetzung der Hongkonger Innenstadt. Hunderttausende kämpften um das Recht, ihren eigenen Regierungschef wählen zu dürfen. «Jetzt kommt die Zeit des Widerstands», sagte Wong.

Kämpft dafür, dass die Hongkonger ihren Regierungschef selber wählen dürfen: Joshua Wong 2014 bei der Besetzung der Innenstadt.
Kämpft dafür, dass die Hongkonger ihren Regierungschef selber wählen dürfen: Joshua Wong 2014 bei der Besetzung der Innenstadt.
Foto: Philippe Lopez (AFP)

Ein Teenager, der eine Weltmacht herausfordert? Langsam richteten sich Augen rund um den Globus auf den jungen Mann. Auf der einen Seite Xi Jinping, der Herr über eine zwei Millionen Mann starke Armee, 85 Millionen Parteimitglieder und 1,3 Milliarden Chinesen. Auf der anderen Seite Joshua Wong, ein Schüler, 17 Jahre alt. Er wurde zum Sinnbild des Widerstands.

Als die Massenproteste gegen das Auslieferungsgesetz im Sommer 2019 ausbrachen, sass Wong eine zweimonatige Haftstrafe ab. Es ging immer noch um seine Beteiligung an den Protesten fünf Jahre zuvor. Nach seiner Freilassung sagte der junge Hongkonger, er wolle eine Auszeit nehmen. Wenige Tage später war er zurück.

Die Bewegung brauchte internationale Aufmerksamkeit. Sie brauchte Gesichter – und eine Nummer, die Journalisten anrufen konnten.

Die neuen Proteste waren anders. Immer wieder marschierten Hunderttausende friedlich. Doch als die Polizei aggressiv gegen die Demonstranten vorging, eskalierte die Gewalt. Der Rückzug des Gesetzesentwurfs durch Regierungschefin Carrie Lam kam im September für viele zu spät. Sie forderten die Erfüllung von fünf Forderungen, darunter eine Untersuchung der Polizeigewalt. Junge, radikalere Demonstranten provozierten. Eine gesichtslose Bewegung, und anders als 2014 lehnten die Radikalen jeden Anführer ab.

Das schuf auch Probleme. Die Bewegung brauchte internationale Aufmerksamkeit. Sie brauchte Gesichter – und eine Nummer, die Journalisten anrufen konnten. Wong verstand das, machte sich erneut zu dieser Nummer.

Die Massenproteste gegen das Auslieferungsgesetz im Sommer 2019 waren anders: Gewalt war nun auch ein Mittel, die Ziele zu erreichen.
Die Massenproteste gegen das Auslieferungsgesetz im Sommer 2019 waren anders: Gewalt war nun auch ein Mittel, die Ziele zu erreichen.
Foto: Tyrone Siu (Reuters)

Es gibt auch Kritik an Wong. Er hat sich nie vom radikaleren Teil der Bewegung distanziert. «Mit rein friedlichem Protest werden wir unser Ziel nicht erreichen», sagte Wong im November 2019 im Interview. Allein war er mit seiner Meinung nicht. Laut einer Umfrage im Herbst 2019 unterstützten 80 Prozent der Hongkonger die Gewalt an der «Front». Einige Tage nach der Besetzung der Polytechnischen Universität, dem Höhepunkt der Gewaltexzesse, gewann die Bewegung neun von zehn Stimmen bei den Bezirkswahlen.

Wong hat sich entschieden zu bleiben. Auch wenn er ins Gefängnis muss.

Es entbehrt nicht einer Ironie, dass Peking davon profitiert, dass gerade die Verzweiflung der Bewegung ihre Legitimität schwächt. Dass Kritiker ihr Rechtlosigkeit vorwerfen, als gäbe es das in Hongkong noch: Recht. Das neue Sicherheitsgesetz ermächtigt Behörden, gegen jeden Widerstand vorzugehen. Fast täglich werden seit Inkrafttreten Aktivisten, politische Vertreter und Journalisten festgenommen.

Viele reiche Hongkonger und Aktivisten sind geflüchtet. Wong hat seine Verbindungen ins Ausland nicht genutzt. Er hat sich entschieden zu bleiben. Auch wenn er ins Gefängnis muss. Das ist das Entscheidende, was man über Wong wissen muss. Am Mittwoch wird das Urteil verkündet.

24 Kommentare
    Alexander Wetter

    alle rennen nach China um fettige Geschäfte zu tätigen - bei diesen Treffen sind Menschenrechte allen schlichte egal so lange die Geschäfte boomen - mit Saudi Arabien ist es auch so - zynisch und verlogen

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