Flugzeugmodell

Andenken an eine Geiselnahme

Es war einmal eine ruinierte Reise in Chile, auf der ein kleines Flugzeug eine grosse Rolle spielen sollte.

Foto: Thomas Egli

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Auf meinem Pult steht ein Andenken an eine Geiselnahme. Ein Modell eines dieser Art-Deco-Flieger, wie ihn Direktoren von Fluggesellschaften früher auf den Schreibtischen ihrer geräumigen Büros stehen hatten. Zumindest in meiner Vorstellung hatten sie das.

Ich bin kein Planespotter. Und mit Direktionsposten liebäugle ich auch nicht. Aber ich mochte diese stilisierten Propellermaschinen schon immer. Diese DC-3 und Super Constellations aus Aluminium, poliert und reduziert auf die Eleganz ihrer Form. Die Nase in den Himmel gerichtet, den Rumpf auf der geschwungenen Stelze: Sie sehen aus, als höben sie für immer ab. In die Ferne, in die Freiheit. Mein Flugzeug hingegen erinnert mich an: Zähneknirschen, Gewichtsverlust, Flucht über eine Grenze.

Mitten in einem Generalstreik gelandet

Meine Freundin und ich waren nach dem Studium losgezogen. Südamerika, wie man das halt so macht. In Puerto Natales (Chile) gerieten wir mitten in einen Generalstreik. Die chilenische Regierung hatte eine massive Erhöhung des Gaspreises angekündigt. In Patagonien passte das einigen nicht. Sie riegelten die einzige Zufahrtsstrasse zum Ort mit zwei Dutzend Lastwagen ab und nahmen 500 Touristen als Druckmittelgeiseln.

Während vier Tagen sassen wir fest. Der Gouverneur war überfordert, die Armee stand herum, das Rote Kreuz tat sein Bestes. Dann wurden die Esswaren langsam knapp. Als die Blockade für eine Stunde offen war, fuhr uns eine nette Dame in ihrem Pick-up an die nahe Grenze. Zu Fuss machten wir uns nach Argentinien davon.

Vom einstigen Glanz war wenig übriggeblieben.

Mein Flugzeug trug ich die ganze Zeit mit mir. Ich hatte es einige Wochen zuvor gefunden. In Puerto Montt, zwischen allerhand Tand eines Trödelhändlers. Das Modell hatte wohl einige Zeit rumgestanden, denn vom einstigen Glanz war wenig übriggeblieben. Mir gefiel die Maschine umso mehr. Im B & B schraubte ich den Flieger von seinem Sockel und verpackte alles in Zeitungspapier. Ich freute mich darauf, das Ding auf mein Pult zu stellen.

Betrachte ich das Flugzeug heute, denke ich an Puerto Natales. An die Ungewissheit, den Stress, die ruinierten Ferien. Mein Modell mag ich dennoch, wie es stets von neuem abhebt, gänzlich unbeirrt.

Erstellt: 11.01.2016, 11:41 Uhr

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