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Trumps Kampf gegen die US-PostAngriff auf einen amerikanischen Mythos

In den USA hat die Präsidentschaftswahl begonnen. Einzelne Bundesstaaten haben die Unterlagen für die Briefwahl verschickt. Damit kommt die Post ins Spiel. Präsident Trump tut deshalb alles, um ihr zu schaden.

John Wayne, der 1939 im John Ford-Western «Stagecoach» mit der Postkutsche wilde Verfolgungsfahrten unternimmt.
John Wayne, der 1939 im John Ford-Western «Stagecoach» mit der Postkutsche wilde Verfolgungsfahrten unternimmt.
Foto: imago/Prod.DB

Donald Trump hat eine neue fixe Idee: Er traut der Post nicht mehr. Sein Land hat die Folgen von Corona-Pandemie, hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Rezession zu ertragen. Aber Trump traut der Post nicht mehr, dem unabhängigen staatlichen Institut des «United States Postal Service» (USPS), das es seit 1775 gibt, länger als die amerikanische Verfassung.

Trump hält die Post auf einmal für schwerfällig, überfordert, verschlafen, anfällig für Fehler und Manipulation. Es ist Wahljahr in den USA, und eine Post, die unter anderem auch Briefwahlunterlagen befördert, spielt eine wichtige Rolle im demokratischen Prozess von Präsidentschaftswahlen. Und wohl darum traut der amtierende Präsident der Post nicht mehr. Denn er muss befürchten, dass viele Wähler nun per Briefwahl gegen ihn stimmen werden. Also will Trump seine Chancen steigern, indem er die Post ausbootet.

Teil des uramerikanischen Mythos

Doch Hand an die USPS zu legen ist nicht nur Stümperei, es ist schon fast unamerikanisch. Unabhängig davon, dass immer noch Millionen Amerikaner auf die Post angewiesen sind, weil sie monatlich ihre Unterhalts- und Rentenschecks darüber zugestellt bekommen, ihre Medikamente, die Feldpost aus Amerikas Kriegen und die Pakete, abgesehen davon, dass es das grösste Postsystem der Welt ist und fast die Hälfte des Postaufkommens des Planeten bewältigt, ist es ein sehr bedeutender Mosaikstein im Selbstbild der USA, ja, ein Teil des uramerikanischen Mythos.

George Washington und Benjamin Franklin - Letzterer war immerhin auch der erste Oberste Postvorsteher der noch jungen Nation - erkannten schon 1775, dass «die Post unsere Nation verbindet und zusammenhält». Kuriere der Post wurden vom Militärdienst befreit, um den Service, der allen Amerikanern immer und überall im Land dient, auch in Kriegszeiten ununterbrochen aufrechterhalten zu können. Wie erklärt sich diese zärtliche Verehrung der Amerikaner für ihre Post?

Die hartnäckige Widerständigkeit der Welt ist seit je das grösste Ärgernis für jede menschliche Kommunikation. Wenn Menschen sich über Entfernungen hinweg austauschen, miteinander kommunizieren wollen, müssen sie Raum und Zeit überwinden. In den USA von Alaska bis zur mexikanischen Grenze, von Boston bis San Francisco. Solche Jobs übernimmt in den USA wie auch anderswo - weil es sonst niemand tut und schafft - seit je verlässlich die Post - oder ein Läufer aus Sparta.

Ohne Pony-Express und Postkutsche wäre der Ruf des Westens nie gehört worden

Die Ägypter sollen 2000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung, China 1000 Jahr später erste Dienste mit festen Poststationen in ihren Territorien eingerichtet haben. Trotzdem dauert es im 18. Jahrhundert noch immer etwa vier bis sechs Monate, bis eine Nachricht aus London über das Kap der Guten Hoffnung auf dem Seeweg im 15’000 Kilometer entfernten Indien angekommen war. Das war auch damals schon eine lange Zeit.

Deshalb haben Postdienste, auch um hier für ein wenig Beschleunigung zu sorgen, überall auf der Welt und gerade in den USA als Pioniere bei der Entwicklung wie bei der Nutzung von neuen Transportsystemen für Information gewirkt.

In den USA war dies gleichbedeutend mit der Eroberung des Landes. Postkutschen, Dampfschiffe, Kanäle, Eisenbahnen, der Pony-Express, schliesslich Telegrafen, Luftfahrt und Automobile: Der «Call of the West», der Ruf des Westens, wäre nie gehört worden, wenn nicht die Post zugleich die Medien der Kommunikation, die singenden Drähte und dampfenden Rösser, wie den ungehinderten Schriftverkehr zwischen den Küsten geschaffen hätte.

John Wayne wie er vom Dach der Postkutsche herab Apachen meuchelt.
John Wayne wie er vom Dach der Postkutsche herab Apachen meuchelt.
Foto: imago images/Everett Collection

John Wayne, der 1939 im John Ford-Western «Stagecoach» in wilder Verfolgungsfahrt vom Dach der Postkutsche herab Apachen meuchelt, will noch einmal zeigen, welche zivilisatorischen Wertvorstellungen gleich mitbefördert wurden. Während Eisenbahnen und Kutschen die menschliche Kommunikatoren einander näherbrachten, beschleunigten Telegrafie und Telefon die körperlose Information.

Briefe sind die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen

Im Zeitalter sozialer Medien mag es anders erscheinen, aber die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist der Brief. Briefe, und das ist jetzt die durch und durch romantisch getränkte Auslegung, waren immer mehr als blosse Medien, mehr als blosse Träger von Information. Nur Briefe befördern eine reine, unverstellte innere Stimme ihres Verfassers. Sie gelten als Protokolle des Authentischen. Jedenfalls dachte man lange so.

Man muss zurück zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, um zu verstehen, woher die emotionale Befrachtung dieser beiden Kulturtechniken kommt, jener des Aufschreibens und jener der postalischen Übermittlung von persönlichen Botschaften.

Postbote Arthur LeBlanc aus Berlin, New Hampshire, bei der Postzustellung von seinem Pferdeschlitten aus.
Postbote Arthur LeBlanc aus Berlin, New Hampshire, bei der Postzustellung von seinem Pferdeschlitten aus.
Foto: Getty Images

Vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts an stellte sich im Zuge einer allgemeinen Alphabetisierung etwas ein, das der Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler die «Lesewut um 1800» genannt hat. Er diagnostizierte, dass Literatur und Dichtung, aber auch der persönlich verfasste Brief, erst mit der allgemeinen Lese- und Schreibfähigkeit zu jenen Kulturträgern werden konnten, die das sinnlich aufgeladene Lesen persönlicher Erfahrungen, Erlebnisse und Einsichten ermöglichen. Kittler nennt den Brief eines der «Aufschreibsysteme, die einer gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben».

Das lassen wir jetzt mal sacken und erinnern an Friedrich Schiller. Der hat 1795 eine Reihe von Texten mit politischen, anthropologischen und ästhetischen Gedanken veröffentlicht, die er «Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reyhe von Briefen» nannte. Warum aber wählt Schiller, wählt schon Goethe mit dem «Werther» (1774), wählt fast die gesamte literarische Welt seit dem Sturm und Drang die Briefform, um als Autor oder Autorin persönlich zu werden, ohne einen direkten Adressaten zu haben?

Der persönliche Brief verrät die ganze Wahrheit - jenseits von Plattitüden. Ist es das, was Trump fürchtet?

Brief oder Depesche sind ja nicht nur Dokumente, die den Stand des Dispokredits, Behördenforderungen in Recycelgrau oder eben jene Trump beunruhigenden Wahlunterlagen übermitteln. Brieftexte können auch unmittelbar adressieren, sie können subjektiv werden, Gefühle scheinbar direkt artikulieren, aber auch nur in Andeutungen schreiben oder einfach Belanglosigkeiten loswerden. Der ganze Ballast des klug und kunstvoll gefügten Werks wird abgeworfen zugunsten von «Nichtausreden, Fragmentarischem, Anspielungen, häuslicher Form, der Aufnahme winziger Details und stilistischer Mittel, die den grandiosen Stilmitteln der Literatur entgegengesetzt sind», so der russische Literaturtheoretiker Juri Tynjanov in den Zwanzigerjahren.

Einerseits transportiert der Brief also den ungeschönten Alltag, gibt der ästhetisierte Brief die unverstellte Stimme eines Herzens oder Denkers beim Verfertigen seiner Gefühle und Gedanken wieder. Andererseits beinhalten Briefe den wahren Text, die ungeschminkte Wirklichkeit hinter Phrasen und Plattitüden.

Ob nun in knisternder Aufladung des Alltags oder in der Überhöhung der banalen Seele, als amtliches Dokument oder in vermeintlicher Authentizität - selbst das, was man nicht oder kaum mehr sagen kann, transportiert nur der Brief, so glaubt man, wirklich zuverlässig. Er überwindet die reale physische Trennung und bildet den direkten Draht zwischen zwei empfindsamen Herzen. Das macht ihn, wenn man so will, doppelt unmittelbar. (Lesen Sie hier das Q&A zur US-Postkrise).

Vermutlich fürchtet Trump die Wahl per Brief auch darum so sehr: Der Brief mutet ihm die Wahrheit zu.