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Literatur aus der UkraineAuf den Teufel ist kein Verlass

Säuberungen, Massenexekutionen, Verbrennungen bei lebendigem Leib: Der anarchische Moralist Juri Andruchowytsch feiert in seinem neuen Roman einen Karneval des Verbrechens.

Baut aus historischen Bruchstücken und blühender Phantasie einen literarischen Karneval: der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch.
Baut aus historischen Bruchstücken und blühender Phantasie einen literarischen Karneval: der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch.
Foto: Stefan Anderegg

Unter «Parahistorie» versteht man eine Art Gegen- oder Alternativgeschichte. Darin vermischen sich reale Geschehnisse mit Ereignissen, die vielleicht möglich gewesen wären, sich aber als Erfindungen herausstellen. Manchmal ist es aber auch so, dass die Wirklichkeit alle Phantasien übertrumpft. So geschieht es in «Die Lieblinge der Justiz», einem «Roman in achteinhalb Kapiteln» des ukrainischen Autors Juri Andruchowytsch. Für ihn ist Geschichte ein grosser Spielplatz, auf dem er sich mit all seiner Fantasie tummelt, um am Ende aber doch vom ganz realen Entsetzen eingeholt zu werden.

Andruchowytsch erzählt im Tonfall eines Chronisten, der auf alte Quellen zurückgreift und sich manchmal kommentierend einmischt. Und doch darf man diesem Berichterstatter nicht alles glauben, schon deshalb nicht, weil da im 17. Jahrhundert plötzlich Youtube und Webcams, Anti-Schuppen-Shampoo und Daguerreotypien vorkommen. In acht voneinander unabhängigen Erzählungen, die alle im Grossraum Galizien spielen, in Lemberg zumeist oder in Andruchowytschs Heimatstadt Stanislau, dem heutigen Iwano-Frankiwsk, entfaltet er eine ukrainische Geschichte bizarrer Verbrechen und staatlicher Gewalt, die vom vergleichsweise sanften Tod auf einem Scheiterhaufen im 17. Jahrhundert (welches Glück, nicht in Russland hingerichtet zu werden, wo die Qualen viel länger dauerten!) bis zum Massenmord an 12’000 Juden im Jahr 1943 reicht.

Die letzte, «achteinhalbste» Episode ist autobiografisch und führt zurück in die Kindheit des Autors in den 60er-Jahren, die so sehr von der Raumfahrt bestimmt waren, dass damals die meisten Kinder nach dem Weltraumheld Gagarin Juri genannt wurden. Die friedliche, provinzielle, sozialistische Stadt wird von einem Verbrechen aufgeschreckt: Am Flussufer wurde eine Leiche ohne Kopf gefunden. Das Radio berichtete unablässig davon, doch nach ein paar Tagen verfiel es wieder in Schweigen, als ob nie etwas geschehen wäre. Die Identität der Leiche und der ganze Fall blieben unaufgeklärt.

Das, was sich ereignet, ist unvollständig, und das, was erzählt wird, ist das Resultat überbordender Fabulierlust.

Erzählerisch ist das natürlich unbefriedigend und deshalb nur eine «halbe» Geschichte, aber genau darin entspricht sie dem realen Geschichtsverlauf. Die meisten Ereignisse haben keinen exakten Anfang und kein Ende, es sei denn, ein Erzähler macht sie sich zurecht, indem er daraus eine Geschichte konstruiert. So gesehen ist jedes Geschehen «parahistorisch», sobald es sich in eine Erzählung verwandelt hat. Das, was sich ereignet, ist unvollständig, und das, was erzählt wird, ist das Resultat überbordender Fabulierlust, die aus historischen Bruchstücken und tollkühnen Erfindungen Geschichten formt.

Da kann es sich der Erzähler auch erlauben, gleich in der ersten Geschichte, die von einem mittelalterlichen Raufbold und Mörder handelt, eine Kartoffelpuffer-Episode zu versprechen, ohne je wieder darauf zurückzukommen. Andruchowytsch berichtet von der Hinrichtung eines Mannes auf dem Scheiterhaufen im Jahr 1641, der sich fälschlicherweise als Priester ausgab, Beichten abnahm, vor allem aber viel Geld ergaunerte, und der nun, während ihm in Hitze und Rauch allmählich die Sinne schwinden, vergeblich auf die Ankunft des Teufels wartet, mit dem er einen Pakt geschlossen hatte und der ihn doch eigentlich hätte retten sollen. Doch auf den Teufel ist kein Verlass.

Eine andere Geschichte handelt von einem Mann, der seine Mägde eine nach der anderen zu schwängern und dann umzubringen pflegte. Das sind Moritaten, Schauergeschichten, archaische Legenden. Der heiter-sarkastische Tonfall ändert sich im achten, längsten Kapitel, das 1943 spielt, in der Zeit der deutschen Besatzung. Da wird Andruchowytsch zu einem peniblen Dokumentaristen, der noch die exakte Anordnung der Erschiessungspfähle und die Reihenfolge der Erschiessungen recherchiert.

Die Hinrichtung ist die eigentliche Inszenierung

Das Attentat gegen die Besatzer, das der ukrainische Untergrund in einem Theater plante, war nicht mehr als eine Farce, die mit der Verhaftung und legendären «Erschiessung der 27» endete: Diese öffentlich vollzogene Hinrichtung war die eigentliche Inszenierung. Von da ausgehend rekapituliert Andruchowytsch die Besatzungs- und Gewaltgeschichte dieser Jahre, in denen auf sowjetische Massenerschiessungen und eine ungarische Zwischenepisode die NS-Judenvernichtung folgte. 12’000 Juden wurden an einem einzigen Tag ermordet.

Das Kapitel mündet in die Geschichte eines Widerständlers, der nach Verhaftung und Folter mit den Deutschen kooperiert und all seine Leute verrät, aber so, dass er sich dabei einredet, er tue das alles nur, um den Widerstand zu stärken. Je mehr Verhaftungen und Morde auch an Frauen und Kindern es gibt, umso entschlossener muss doch auch der Widerstand werden! Wie Andruchowytsch diese gedanklichen Volten nachvollzieht, ist atemraubend.

Das Clowneske, Artistische, Zirkushafte gibt diesem Roman das Aroma und seinen spezifischen Ort. Andruchowytsch entfaltet einen Karneval der Gewalt und der Verbrechen. Er ist der unbestechliche Buchhalter des Bösen in all seiner Beiläufigkeit, dem es gelingt, seine Wut auf die Massenmörder zu unterdrücken und in eine millimetergenaue, gefühlsstarke, von verhaltenem Sarkasmus durchzogene Dokumentation zu verwandeln. An diesem Punkt ist Schluss mit Schalkhaftigkeit und Fabulierlust. Hier schlägt die Realgeschichte zu. Wirklichkeit übertrumpft alle Erfindungen in dieser Geschichte der Gewalt, deren literarisches Gelingen sich am Gespür für den richtigen Tonfall entscheidet.