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Erinnerungen an den ersten SchultagSchulthek aus Robbenbaby

Während Corona in die Schule zu kommen, ist nicht lustig. Aber das war die Einschulung noch nie. Wir haben uns erinnert.

Kriegt bald ihre Grenzen aufgezeigt: Redaktorin Paulina Szczesniak anno 1985.
Kriegt bald ihre Grenzen aufgezeigt: Redaktorin Paulina Szczesniak anno 1985.
Foto: Privat

No, no Nächstenliebe

Paulina Szczesniak; Schuleintritt: 1985

Für Einzelkinder bedeutet der erste Schultag vor allem eins: auf einen Chlapf Zugang zu einem Riesenpool potenzieller neuer Freunde. Doch kaum hatte ich mich, vor Freude glühend, neben den blonden Buben im weinroten Plüschpulli gesetzt, nahm der Lineal und Bleistift zur Hand und zog, zzzzig!, einen akkuraten Strich in der Mitte unseres Zweierpults. «Wänn da drüber langsch, chunnsch draa!» Ich habe bis heute ein Problem mit Weinrot.

Wo ist Waldi

Jean-Marc Nia; Kindergarteneintritt: 1976

Erster Chindsgitag: Ich freute mich, meinen neuen Gspäändli meinen Kuscheldackel Waldi vorzustellen. Der war nicht hübsch, aber aus echtem Hasenfell. Also nahm ich ihn mit. Waldi war aber schnell nicht mehr da. Die Kindergärtnerin liess alle Kinder in einen Kreis sitzen: «Es ist etwas ganz Schlimmes passiert. Jean-Marcs Waldi ist verschwunden.» Andreas hob die Hand, sagte: «Villicht isch er i mim Thek?», stand auf, öffnete seine Tasche und: «Ah! Da isch er ja!» Es ging lange, bis ich begriff, dass Waldi da nicht von selbst reingesprungen war.

Ich Seehund

Stefan Busz; Schuleintritt: 1966

Nein, eine Fliege trug ich nicht (die war fürs Examen reserviert). Stolz war ich aber auf den Thek, den mein Götti mir geschenkt hatte: ein Modell mit Seehundfell. Andere Buben hatten Kuh oder sonst ein Tier, ich aber trug silbergraues Haar auf dem Rücken. Sorry, Robbenbaby, würde man heute sagen. Sagte man damals aber nicht. Das Fell begleitete mich lange, bis das Fell kein Fell mehr war. Von der Schule selber hatte ich eigentlich mehr erwartet. Ich wollte alles wissen. Am ersten Tag lerne ich aber nichts. Nicht einmal einen Buchstaben.

Die Zwangshose

Isabel Hemmel schafft es, mit einem Lachen über die Qualen hinwegzutäuschen.
Isabel Hemmel schafft es, mit einem Lachen über die Qualen hinwegzutäuschen.
Foto: Privat

Isabel Hemmel; Schuleintritt: 1981

Das für mich ausgewählte Outfit bestand aus einem rosa Pulli mit der hoffnungsvollen Aufschrift «College». Dazu ein dunkelblauer Faltenrock, der laut meiner Mutter nur in Kombination mit einer kratzenden rosa Strumpfhose getragen werden konnte. Unter Tränen habe ich mich meinem Schicksal gefügt. Und sodann meinen ersten Schultag mit links und einem Lächeln gemeistert. Glaube ich zumindest. Eigentlich kann ich mich erst wieder ans Mittagessen erinnern. Da durfte ich in einem Restaurant Schnitzel mit Pommes und Cola bestellen.

Zu dumm

Thomas Wyss; Schuleintritt: 1973

Ich brannte für die Schule wie die Zündschnur fürs Feuer. Legohäuser bauen war richtig und wichtig gewesen, nun aber fing das Leben an. Also stolzierte ich an Mamis Hand ins Schulzimmer, setzte mich strahlend ans Pult – und schluchzte Minuten später wie ein Baby. Was war passiert? Auf die Frage von Lehrerin Bourloud, wer einen Buchstaben kenne, war Sitznachbarin Daniela an die Tafel gegangen und hatte ihren Vor- und Nachnamen hingemalt. Ich kannte keinen einzigen Buchstaben. Ich war dumm. Abgehängt, bevor es losging. Heute weiss ich: Ohne dieses Trauma wäre Schreiben für mich niemals existenziell geworden.

Der ruinierte Thek

Eva Hediger; Schuleintritt: 1995

Anders als meine Gspäändli hatte ich keinen ergonomischen Plastik-Stoff-Thek, sondern einen ledrigen Ranzen. Das war bereits in den 90ern ziemlich retro, war mir aber egal. Vor allem, weil auf meinem violetten Schulthek ein Pinguin auf einem fliegenden Teppich prangte. Blöd nur, dass dieser nicht wasserfest war. Noch blöder, dass es an meinem ersten Schultag ziemlich regnete. Schrecken, Drama, Tränen! Und eine nette Verkäuferin, die Mitleid mit mir hatte – und mir noch am selben Abend einen Ersatzthek nach Hause brachte.

3 Kommentare
    müllermallersdorf

    ich wurde 1960 eingeschult und noch heute 6 jahrzehnte später, schnürt es mir die kehle zu. aus familiören gründen besuchte ich keinen kindergarten und verbrachte die meiste zeit im nähatelier meiner oma. ich besass wenige puppen, aber viel fantasie. ich konnte mich so intensiv in „meiner welt beschäftigen“, dass die erwachsenen manchmal nachsahen, ob ich noch da bin. ich glaube, einen schock fürs leben davon getragen zu haben, als ich ammersten schultag in begleitung meines stiefvaters auf dem schulhof stand und all die lärmenden und groben kinder um mich herum wahrnahm, die sich alle zu kennen schienen, die gleichen lieder und spiele kannten, die mir alle fremd waren, wie die kinder auch.

    ich hatte „meine“ welt und als ich begann von der zu berichten, setzte etwas ein, was man heute mit mobbing bezeichnen würde...

    erst als ich in die sek kam und in einem anderen quartier zur schule ging, wendete sich das blatt. ich hatte schnell begriffen und aus den schlägen gelernt...