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Corona-Infektionen in KurdengebietenAuf sich alleine gestellt

In Syriens Nordosten ist das Virus angekommen. Die WHO kann in diesen Gebieten ausserhalb der Regierungskontrolle kaum helfen.

In Hasakah starb Anfang April der erste Patient in den syrischen  Kurdengebieten an Covid-19. Internationale Sicherheitskräfte versuchen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.
In Hasakah starb Anfang April der erste Patient in den syrischen Kurdengebieten an Covid-19. Internationale Sicherheitskräfte versuchen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.
Foto: BaderKhan Ahmad (Getty Images)

Noch ist die Zahl der Corona-Fälle in den faktisch autonom regierten Kurdengebieten im Nordosten Syriens zwar gering. Dennoch zeigt sich an diesen Gebieten exemplarisch, wie das internationale System der Not- und Gesundheitshilfe im Fall von nicht anerkannten Staatsgebilden an politische Grenzen stösst: Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und einige andere Hilfsorganisationen gehören die einzigen Ansprechpartner jedoch zum Regime von Machthaber Bashar al-Assad. Die WHO kann sie nur bitten, bei der Vorsorge und der Behandlung von Covid-19-Erkrankten auch an die Bürger zu denken, die in Gebieten ausserhalb der Regierungskontrolle leben.

Deshalb ist die Region, die fast ein Drittel des syrischen Staatsgebiets umfasst, eklatant unterversorgt – sowohl mit medizinischer Ausrüstung als auch mit Informationen: Erst Ende vergangener Woche etwa erfuhr die Selbstverwaltung, dass in ihren Gebieten längst der erste Corona-Tote nachgewiesen war: Ein 53-Jähriger war Ende März in der Stadt Hasakah in ein Spital eingeliefert worden, wo Ärzte einen Abstrich nahmen und in Ermangelung eigener Labore nach Damaskus schickten. Als der Mann am 2. April starb, hatte man in der syrischen Hauptstadt eine Corona-Infektion festgestellt. Damaskus informierte die WHO – in der Folge passierte jedoch mehr als elf Tage lang: nichts.

Das Dilemma der WHO

Der Grund seien «interne Probleme und Missverständnisse» gewesen, weshalb die lokalen Behörden so lange nicht informiert wurden, sagte nun Rick Brennan, der WHO-Nothilfekoordinator für den östlichen Mittelmeerraum. Das Beispiel zeigt ein Dilemma, in dem die WHO in Bezug auf Gebiete wie jene unter der kurdischen Selbstverwaltung steckt: Zwar können die etwa 5 Millionen Einwohner dort der WHO nicht egal sein, zumal Hunderttausende als Flüchtlinge unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben. Gegen ihre Statuten an der Regierung Syriens vorbeiarbeiten kann die Organisation jedoch auch nicht, schliesslich ist sie formelles Mitglied und somit Ansprechpartner.

Andere international nicht anerkannte Staaten – etwa Separatistengebiete in Osteuropa – haben ein ähnliches Problem, mit Russland jedoch eine Schutzmacht, die den Warenverkehr und zumindest ein wenig medizinische Hilfe ermöglicht. Im Nordosten Syriens ist die Lage noch komplizierter. Die Türkei lässt keine Hilfsgüter über die Grenze, der Warenverkehr aus den Regimegebieten ist limitiert – und über den einzigen offenen Grenzübergang zum Irak kommt kaum Hilfe.

Immerhin wurde mithilfe des Roten Halbmondes eine Lagerhalle zu einem Krankenhaus für Covid-19-Patienten umgebaut, und binnen zwei Wochen wurden dort 120 Betten geschaffen. Da sonst nur 26 von einst 279 medizinischen Versorgungspunkten in der Region voll funktionieren, wäre eine massenhafte Ansteckung dennoch fatal.

1 Kommentar
    Paul Gutknecht

    Israel ist das einzige Land in der Region, das dem Virus wirklich dagegen hält. Man kann die Fallquoten tief halten und in mehreren Labors werden Impfstoffe und Medikamente entwickelt. Das wäre die grosse Chance für Israel, sein Know-how den arabischen Nachbarn anzubieten. Das würde das Denken dort vielleicht ein wenig verändern und von Vernichtungsfantasien wegbringen. Diejenigen, die eine solche Hilfe ablehnen würden, disqualifizieren sich von selber.