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Wer soll Amanda Gorman übersetzen?Ausgrenzung allein garantiert noch keine starken Reime

In den Niederlanden wird diskutiert, wer legitimiert ist, das Gedicht «The Hill We Climb» der schwarzen Poetin Amanda Gorman in eine andere Sprache zu übertragen. Warum diese Frage der Kunst schadet.

Als Poetin tritt Amanda Gorman mit ihren Gedichten der gesamten Geschichte der Lyrik gegenüber. Aber im Fall Rijneveld wird sie entmündigt.
Als Poetin tritt Amanda Gorman mit ihren Gedichten der gesamten Geschichte der Lyrik gegenüber. Aber im Fall Rijneveld wird sie entmündigt.
Foto: Keystone

Das Gedicht «The Hill We Climb» von Amanda Gorman wird nicht von Marieke Lucas Rijneveld ins Niederländische übertragen werden. Nach dem Aufruhr im Netz wurde der Auftrag dem Verlag Meulenhoff zurückgegeben. Dabei war Rijneveld als traumhafte Wahl angekündigt worden, immerhin war der jüngste Roman Rijnevelds im vergangenen Jahr mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet worden.

Auch das Team von Amanda Gorman, so heisst es, sei mit der Wahl eines oder einer Weissen einverstanden gewesen. Doch das reichte offenbar nicht als Qualifikation oder Rechtfertigung – die Journalistin und Aktivistin Janice Deul, selber schwarz, nannte den Auftrag an Rijneveld in einer Tageszeitung «unverständlich», schliesslich sei Gormans Leben geprägt von ihrer Identität und ihren Erfahrungen als schwarze Frau.

Die anschliessende Diskussion um die Legitimität der Übersetzerin passt in die Zeit.

Man wünscht sich geradezu, dass schwarze Autorinnen Shakespeare übersetzen.

Vor Kurzem hat der Grossgalerist David Zwirner angekündigt, eine eigene Filiale zu eröffnen, in der unter der Leitung der schwarzen Kuratorin Ebony L. Haynes ausschliesslich die Kunst Schwarzer gezeigt werde. Und der Hamburger Ecco-Verlag, der im vergangenen Jahr unter dem Dach des Verlagshauses Harper Collins gegründet wurde, will sich nicht einfach nur auf den «weiblichen Blick und weibliche Perspektiven» fokussieren, wie es in einem Interview mit Magdalena Mau, einer der Verantwortlichen, heisst, sondern auch gleich die gesamte Produktion in die Hand von Frauen legen: Die Literatur wird also nicht nur von Lektorinnen ausgewählt, sondern auch von weiblichen Grafikerinnen illustriert, Fotografinnen liefern die Vorlagen für die Cover, Übersetzerinnen übertragen die Texte.

Nun erinnern solche Unternehmensgründungen durchaus an einige inzwischen fast sagenumwobene Institutionen wie die A.I.R. Gallery (Artists in Residence), die im Jahr 1972 in New York City als professioneller und dauerhafter Ausstellungs-Space ausschliesslich für Künstlerinnen eingerichtet wurde.

Das war damals in den USA ein Novum. Dass Barbara Zucker und Susan Williams die Galerie A.I.R. als Kooperative anlegten, verstand sich von selbst.

Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden.
Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden.
Foto: Keystone

Es brauchte in der breitbeinigen, von kraftstrotzender Männermalerei dominierten Szene durchaus auch einen Schutzraum für weibliche Kreativität. Ihre Arbeit als Galeristinnen war Teil des feministischen Kampfes um Sichtbarkeit von Künstlerinnen in einer Zeit, in der in amerikanischen Museen wie dem Whitney weniger als fünf Prozent Frauen ausgestellt wurden.

Mit solchen ausschliesslichen und ausschliessenden, konzeptuell harten Setzungen haben Künstlerinnen eingefordert und durchgesetzt, dass Kunst von Frauen sichtbar wird. Und nachdem der Kanon einmal aufgebrochen war, waren sie Vorbild für den Kampf anderer, bis dahin marginalisierter Künstler und Künstlerinnen.

In der bildenden Kunst würde sich seit Jahren kaum noch ein Museumsdirektor trauen, ein Ausstellungsprogramm vorzulegen, das nicht ausbalanciert ist nach Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht. Die Listen von Gruppenausstellungen – aber auch die Vorschlagszettel für Jurys oder Akademieberufungen – werden nicht nur auf Themen und Thesen abgeklopft, sondern auch darauf, ob sie diverse Perspektiven repräsentieren.

Das hat mit der Erfüllung von Vorgaben im Übrigen nicht mehr viel zu tun – die Kunstwelt staunt selbst über die Entdeckungen, die sie sich auf diese Weise beschert hat: von Louise Bourgeois über Frank Walter, James Baldwin, Marlene Dumas bis zu Ayse Erkmen, Arthur Jafa oder dem Künstler- und Kuratorenkollektiv Ruangrupa.

Allesamt Künstler, die im aktuellen Kanon nicht nur die Positionen «weiblich», «aussereuropäisch» oder «schwarz» für sich reklamieren, sondern auch formale Fragen für ihre Disziplinen gestellt und gelöst haben.

Bedeutende Kunst entsteht, wo Sprachen, Religionen, Folkloren und Musiktraditionen zusammenkommen.

Was wie eine konsequente Fortsetzung der aktivistischen Avantgarden wirkt, läuft im Fall Amanda Gorman allerdings auf eine Entmündigung hinaus. Und von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen.

Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – ungefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden. Dass ihre Poesie sich aus schwarzen amerikanischen Traditionen speist, war schon beim Vortrag während der Amtseinführung von Joe Biden als Präsident unüberhörbar.

Marieke Lucas Rijneveld hat 2020 den Man Booker Preis gewonnen.
Marieke Lucas Rijneveld hat 2020 den Man Booker Preis gewonnen.
Foto: Keystone

Aber eben nur unter anderem – eine solche Poetin tritt mit ihren Gedichten der gesamten Geschichte der Lyrik gegenüber. Schon deswegen verdient ihr Werk eine Übertragung in andere Sprachen, die der Herausforderung ästhetisch gerecht wird und sie – in diesem Fall den Niederländern – erschliesst. Dass sich die Szene genötigt sah, im Lauf der Auseinandersetzung darauf hinzuweisen, Rijneveld sei immerhin nicht-binär, macht die Sache nicht besser – Ausgrenzungserfahrung allein garantiert noch keine schönen, starken Reime.

Genauso wenig wie die fast feinstoffliche Versicherung der Gründerinnen des Ecco-Verlages, dass an ihre Bücher kein Mann seine Hand angelegt hat, den Frauen ausserordentliche Lektüre bescheren muss.

Dabei würde man sich umgekehrt ja geradezu wünschen, dass schwarze Autorinnen dazu eingeladen werden, Shakespeare zu übersetzen, beispielsweise ins Deutsche. Dass eine schwarze Kuratorin aus Brooklyn nicht nur den Katalog zu Kerry James Marshall ediert, sondern auch ganz selbstverständlich zu Mark Rothko publiziert. Und ein männlicher Übersetzer mit migrantischem Hintergrund sein Letztes gibt, um der Prosa einer mexikanischen Dichterin auch im Französischen gerecht zu werden.

Die Qualitäten, derer es für ihre Arbeit bedarf – Bildung, Sprachgewandtheit, eine historisch fundierte Sensibilität für Kunst –, haben die Übersetzer, Kuratoren, Lektoren ja nicht allein durch Geburt und Sozialisation erworben, also durch unmittelbar prägende Erfahrungen. Sondern vor allem durch die Erfahrung und das Studium von Kunst, Theater, Film, Musik und Literatur. Ästhetische Bildung war immer auch aufgefasst worden als ein Vehikel zur Emanzipation, gerade zur Überwindung identitärer Verhältnisse.

Im Übrigen müssen sich auch die überwiegend weissen, niederländischen Studierenden eines Kunstgeschichtsseminars in Amsterdam ihre professionelle Sicherheit im Umgang mit Stillleben oder Genreszenen eines Rembrandt erst einmal aneignen. Nur um dann womöglich von einer kalifornischen Wissenschaftlerin wie Svetlana Alpers («Kunst als Beschreibung») herausgefordert zu werden, die das zeitgenössische Verständnis von barocker Malerei auch in den Niederlanden entscheidend beförderte.

Es ist eine Binsenweisheit, darauf hinzuweisen, dass bedeutende Kunst dort entsteht, wo Sprachen, Religionen, Folkloren und Musiktraditionen zusammenkommen, durchaus auch in Reibung. Missverständnisse werden produktiv, wo man nicht segregiert, sondern einander zu verstehen versucht, wirklich eindringen will in das Denken, das Fühlen eines anderen.

Wie es die Kunst als ihre ureigene Aufgabe verstanden hat. Kaum ein Kurator hat sich so darum verdient gemacht, den engen, männlich geprägten, westlichen Kanon der Kunst und der Literatur zu erweitern wie der im Jahr 2019 verstorbene Okwui Enwezor. Seine Erkenntnis: «Wenn es einen Schock gibt, dann den, dass es keinen einfachen Diskurs mehr über Zentrum und Peripherie gibt.»

24 Kommentare
    Maria Lauber

    Amanda Gormann nutzt ihre Stellung dazu, an sehr vielen Orten unterrepräsentierten People of Colour zu einem Job zu verhelfen. Das ist ihr gutes Recht, v.a. wenn es um ihre Kunst geht. Es gibt immer auch eine Vertreterin/einen Vertreter einer Minderheit, die/der einen Job genauso gut machen kann. Leider werden diese aber oft übergangen. Wer sich als weisse und somit privilegierte Person darüber aufregt, vergiesst „white tears“, heult also darüber, wenn ihre/ seine Privilegien auch nur im Geringsten in Frage gestellt werden. Wer es wirklich Ernst meint mit seinen Fragen, Ja was darf man denn überhaupt noch, kann dieses Buch lesen: „Der weisse Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken“.