«Der Westen gedenkt des Albtraum-Septembers»

Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September beschäftigt sich auch die arabische Presse mit den Ereignissen. Für die arabische Welt hat 9/11 aber wenig Bedeutung – dort gilt es zurzeit, ein anderes Trauma aufzuarbeiten.

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Während die Vereinigten Staaten unter grossem Aufwand der Anschläge vom 11. September 2001 gedenken, erhalten die Ereignisse auch in der arabischen Welt Aufmerksamkeit. Von besonderem Interesse sind dabei die Auswirkungen auf die arabische Welt selbst.

Die Aussagen der Regierung von Barack Obama, welcher mit Amtsvorgänger Bush die Trauerfeierlichkeiten besucht, stehen dabei besonders im Fokus. Dabei fanden die Worte Obamas besondere Beachtung, dass die Muslime nicht als Feinde der USA gesehen würden. Darüber hinaus will die saudische Zeitung «al-Watan» aufzeigen, wie sich der Westen und der Nahe Osten gemeinsam angestrengt haben, um gegen Terrorismus vorzugehen – beispielsweise in der Trockenlegung der Geldflüsse der al-Qaida.

Die Anschläge des islamistischen Netzwerkes al-Qaida wurden im Namen des Islams, im Namen der und von Muslimen ausgeführt. Eine Sichtweise, die in der arabisch-islamischen Welt negiert wird. Deshalb ist das Ereignis 9/11 selbst nicht von Bedeutung: «Der Westen gedenkt» der Anschläge – die arabischen Staaten, wie alle islamischen Länder, hatten die Folgen zu tragen. So weist ein Artikel in der algerischen Zeitung «al-Khabar» darauf hin, dass, obschon kein Afghane an den Anschlägen des 11. Septembers beteiligt war und die seit 1996 herrschenden Taliban die Mittäterschaft im Gegensatz zur al-Qaida stets bestritten, die USA und die Nato einmarschiert seien und das Land seit knapp zehn Jahren besetzt sei.

Die Revolution ist wichtiger

Aufgrund der revolutionären Ereignisse in den arabischen Staaten seit dem Dezember 2010 ist dieses Thema bestimmend. Im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September wird die Frage besprochen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Terroristen des 11. Septembers und den Protestierenden des Arabischem Frühling gibt. Die Antwort laute nein, heisst es. Ghassan Scharbal schreibt in seiner Kolumne für «al-Hayat»: «Die Tunesier hatten keine Bilder von Osama Bin Laden, noch von der al-Qaida». Nein, das Volk des Nahen Osten «forderte Demokratie».

In ähnlicher Weise gibt «al-Arabia» den Sprecher des Weissen Hauses wieder. Die arabischen Revolutionen hätten gezeigt, dass Veränderungen in der arabischen Welt stattfinden und extremistische Ideologien abgelehnt würden. Wie ein Kolumnist von «al-Quds» aber anmerkt, sichert der arabische Frühling keinen Frieden: Solange der Nahost-Konflikt zwischen den Israeli und den Palästinenser nicht gelöst sei, wird diese «Demütigung» der Gewalt und dem Terrorismus Nährboden bieten.

Das Vermächtnis von Bin Laden

Nach knapp zehn Jahren auf der Flucht wurde Osama Bin Laden, ideologischer Anführer des al-Qaida-Netzwerkes, durch amerikanische Spezialeinheiten getötet. In den Reaktionen in der islamischen Welt zeigte sich, wie wenig Unterstützung Bin Laden und seine Ideen hatten. Eine von «al-Arabia» durchgeführte Befragung führte zum Ergebnis, dass nur 16 Prozent die Tötung von Osama Bin Laden als Verbrechen sehen.

Abd al-Rahman al-Raschid, Kolumnist von «Sharq al-Awsat», ruft nochmals in Erinnerung, wie die al-Qaida die arabische Welt durchdringen konnte. Er tut dies am Beispiel einer jungen Frau, die derzeit in Saudiarabien wegen Terrorismus vor Gericht steht. Er schliesst mit der Erkenntnis: «Wenn die Amerikaner sich zehn Jahre später an die Tragödie erinnern, dann müssen wir uns nach zwanzig Jahren an die Anschläge der al-Qaida auf unsere Gemeinschaft, unsere Kinder, unsere Städte und unsere Dörfer, unsere Männer und unsere Frauen erinnern.»

Erstellt: 11.09.2011, 18:10 Uhr

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