«Dieser Geruch von Tod war schrecklich»

Für die Welt war es unfassbar mitanzusehen, wie Manhattan am 11. September 2001 attackiert wurde. Kaum auszumalen, wie es sich für die New Yorker anfühlte. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat vor Ort nachgefragt.

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Der Briefträger Kenneth Santiago (47) aus Staten Island/New York (siehe Bildstrecke) arbeitet im U.S. Post Office gleich beim Ground Zero. Zum Zeitpunkt der Anschläge hielt er sich in einem anderen Postgebäude auf, nur wenige Blocks vom World Trade Center entfernt:

«Ich kann nicht vergessen, der Schmerz kommt immer wieder hoch, besonders jetzt, wenn sich der Jahrestag zum zehnten Mal wiederholt. Vier meiner Freunde sind bei den Anschlägen ums Leben gekommen. Ich versuche weiterzumachen und zu vergessen, doch es fühlt sich immer noch an, als wäre es gestern gewesen. Wir wollten gerade die Post austragen. Im Moment, als wir aus der Tür kamen, schlug das zweite Flugzeug im Turm ein. Ich stand einfach nur da und starrte nach oben, wo alles voller Rauch und Feuer war. Erst als das erste Gebäude einstürzte, realisierte ich, was da passierte. Als das zweite Gebäude zusammenbrach, rannten alle nach drinnen. Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was soll ich tun? Wie komme ich nach Hause? Wie kann ich mich beschützen? Ich dachte an meine Familie, konnte aber niemanden erreichen. Mehrere Stunden harrte ich hier aus. Zum Glück habe ich keine Verwundeten gesehen. Aber ich sah viele Leute, die innerlich verletzt waren. Irgendwie schaffte ich es, auf ein Boot zu kommen, um nach Staten Island gelangen. Ich hatte offenbar Glück, andere mussten viele Kilometer nach Hause laufen. Die Bilder am TV konnte ich mir nicht anschauen. Wenn heute Dinge geschehen wie ein Erdbeben oder ein Hurricane, denke ich immer als erstes an einen Terrorakt. Anfangs überlegte ich, aus New York wegzuziehen. Aber ich bin hier aufgewachsen und ehrlich gesagt ist das hier der beste Ort der Welt. 9/11 hat mich verändert. Davor habe ich mir Gedanken über kleine Dinge gemacht, heute versuche ich, bewusst zu leben. Angst habe ich keine, zumindest keine panische. Sicher kommt alles von Zeit zu Zeit hoch, bei allen hier ist das so. Doch wenn etwas geschehen muss, dann geschieht es. Ich bete und hoffe, das alles gut wird. Und ich versuche, weiterzumachen und mein Leben zu leben. Ich muss.»

Fernando (65) und Colomba (60) Masci (siehe Bildstrecke) stammen ursprünglich aus Italien, leben jedoch seit 40 Jahren in Manhattan, wo sie ein Restaurant führen. Was sich ihnen am meisten ins Gedächtnis eingebrannt hat, ist der Geruch.

Colomba Masci: «Unser Restaurant war zu jener Zeit noch im Greenwich Village, also nicht weit vom World Trade Center entfernt. Ich kann mich noch genau an den Tag vor zehn Jahren erinnern. Mein Mann Fernando war bei der Arbeit und ich wollte mich um etwa Viertel vor 9 Uhr ebenfalls auf den Weg ins Restaurant machen. Weit kam ich nicht. Kaum ein paar Schritte war ich gegangen, als ich sah, wie der eine Turm in Flammen aufging. Ich spürte sofort, dass das kein Unfall war und dass wir attackiert werden. Ich wusste es einfach. Minuten später sah ich das zweite Flugzeug von Norden her heranfliegen, das sehr, sehr tief flog. Im nächsten Moment krachte es in den zweiten Turm.»
Fernando Masci: «Unser Restaurant mussten wir schliessen, denn keiner unserer Mitarbeiter konnte mehr in die Stadt gelangen. Die Tunnel, die Subway, alles war zu. So liefen wir zurück zu unserer Wohnung. Ich sah Menschen aus den Türmen springen. Dieser Geruch, es war schrecklich. Der Geruch von Tod, von Leichen. Meine Freunde, die im Restaurant zuoberst im Wold Trade Center gearbeitet haben, sind alle tot. Nur der Eigentümer hat überlebt. Auch viele unserer Gäste sind ums Leben gekommen und ein paar Freunde aus Brooklyn haben ihre Kinder verloren. Das ist sehr traurig.»
Colomba Masci: «Zum ersten Mal in all den Jahren, in denen ich damals schon in der Stadt lebte, war diese Umgebung hier still. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war von der Feuerwehr und der Polizei. Es gab keinen Verkehr, alles war gesperrt unterhalb des West Village. Überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war Angst einflössend, schrecklich. Schrecklich. 9/11 wird nie aus meiner Erinnerung verschwinden. Aber was soll man machen? Man muss versuchen, das Beste zu hoffen und weiter zu leben. Für unsere Kinder.»

Sandra Musicaro aus Staten Island/New York (siehe Bildstrecke) hat sich knapp 30 Minuten vor den Anschlägen von ihren Freunden verabschiedet, die im World Trade Center gearbeitet haben. Heute liegt Musicaros Büro direkt am Ground Zero, im neu erstellten WTC 7, dem Gebäude, das am Abend des 11. September 2001 als letztes eingestürzt ist:

«Dieses Bild, wie das zweite Flugzeug in den Tower einschlug, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich stand wie erstarrt vor dem TV in meinem damaligen Büro, weiter oben an der 57. Strasse. Ein paar Minuten zuvor hatte ich mich dort unten noch von meinen Freunden verabschiedet. Beim ersten Flugzeug glaubte ich noch an einen Unfall, beim zweiten Flugzeug kamen die Angst und die Fragen. Was sollten wir tun? Richtig panisch wurde ich, als ich den ersten Turm einstürzen sah. Wir konnten mit niemandem kommunizieren. Die Telefonleitungen waren tot. Tausende von Menschen drängten auf die Gehsteige, alle wollten nach Hause. Ich lief über eine Stunde hinunter zur Fähre oder noch länger, ich weiss es nicht mehr genau. Da war überall dieser dichte Staub, immer noch wirbelten Zeitungen und Papier durch die Luft. An eine mögliche Gefahr für mein Leben habe ich keinen einzigen Gedanken verschwendet. Ich wollte einfach nur raus aus der Stadt. Heute, zehn Jahre später, spüre ich immer noch die Trauer von damals. Viele Leute aus meinem Wohnort Staten Island sind ums Leben gekommen. Ich habe jedoch keine Sekunde daran gedacht, von hier wegzuziehen. Ich bin eine waschechte New Yorkerin und würde meine Stadt niemals verlassen. New York ist alles für mich. Aber es ist anders, als vor zehn Jahren, 9/11 hat uns verändert. Zuvor haben wir Dinge einfach übersehen und sind weiter gegangen. Ein nackter Mann auf der Strasse? Es kümmerte uns nicht. wir dachten einfach «Dort drüben ist ein nackter Mann. Okay» – und gingen weiter. So ist es nicht heute nicht mehr. Wenn wir heute etwas Verdächtiges sehen, melden wir es. Für mich ist nichts mehr selbstverständlich. Früher schaute ich täglich auf diese perfekt geformten Türme und konnte mir nicht vorstellen, dass sie eines Tages nicht mehr da sein würden. Sie waren ein Fixpunkt für uns New Yorker. Heute sehe ich von meinem Büro direkt hinunter auf die Gedenkstätte beim Ground Zero, auf die beiden Wasserbecken, dort wo früher die Türme standen. Nachts, wenn die Becken farbig leuchten, ist es wunderschön.»

Der Ingenieur Anthony Robinson (45) aus Manhattan/New York (siehe Bildstrecke) arbeitet nur wenige Gehminuten vom Ort der Anschläge entfernt, genau wie an Morgen des 11. Septembers vor zehn Jahren:

«Wir sahen das Flugzeug schon von Weitem kommen. Es war so seltsam, weil es so tief über den Hudson River flog, hier gibt es ja keinen Flughafen. Und dann hörten wir dieses laute Geräusch, es klang es wie ein Erdbeben. Im nächsten Moment sahen wir diesen riesigen Feuerball oben im Turm, kein Flugzeug, nur dieses grosse Loch und das Feuer. Ich machte mir Sorgen um die Leute im Gebäude, Angst um mein Leben hatte ich jedoch nicht. An einen Terrorakt dachte ich nicht, wieso auch? Niemand hatte so etwas kommen sehen. Das war so viel mehr, als man sich je hätte vorstellen können. Erst als Minuten später das zweite Flugzeug auftauchte, realisierten wir, dass wir angegriffen werden. Panik brach aus, ich versuchte, meine Liebsten anzurufen und herauszufinden, was geschieht. Angst vor allfälligen neuen Attacken hier in New York habe ich nicht. Was geschehen muss, wird geschehen. Vor dem Schicksal kannst du nicht davon rennen. Du kannst in eine schöne, ruhige Stadt in Ohio ziehen. Dennoch kannst du dort in der Badewanne ausrutschen und dir das Genick brechen. Der Tod ist unausweichlich. Ich werde mir nicht jeden Tag Sorgen darüber machen, was alles passieren könnte. Aber ich werde immer an den Tag vor zehn Jahren denken, an die Opfer und deren Familien, an die Trauer. 9/11 hat mich dazu gebracht, das Leben anders zu sehen. Ich nehme nichts mehr für selbstverständlich. 9/11 hat die New Yorker einander näher gebracht. Das ist heute noch zu spüren, besonders jetzt beim Jahrestag.»

Erstellt: 11.09.2011, 06:09 Uhr

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Der Tag, an dem die Welt stillstand Die Ereignisse vom 11. September 2001 in chronologischer Abfolge.

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