«Boko Haram sind nicht nur verrückte Gotteskrieger»

Der Aufbau eines islamischen Kalifats gilt als oberstes Ziel der nigerianischen Terrorsekte Boko Haram. Es ist aber nicht das einzige.

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Vor den Präsidentschaftswahlen in Nigeria hat die islamistische Terrororganisation Boko Haram ihre Angriffe verstärkt. Die Offensive erklärt sich nach Ansicht des Afrika-Spezialisten Philippe Hugon mit dem Willen von Boko Haram, in der Politik eine Rolle zu spielen.

Der Ansturm der Islamisten von Boko Haram hat sich in den vergangenen Wochen intensiviert. Bei einem Angriff auf die Stadt Baga töteten die Terroristen Anfang Januar Hunderte, möglicherweise sogar Tausende Menschen; erst kürzlich lancierten sie eine Offensive gegen die Millionenstadt Maiduguri; und auch das Nachbarland Kamerun attackierten die Terroristen.

Die Gruppierung versuche damit die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Lande zu beeinflussen, sagte Philippe Hugon, emeritierter Professor der Universität Paris-X-Nanterre, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Die ursprünglich für den 14. Februar angesetzten Wahlen wurden denn auch um sechs Wochen nach hinten verschoben.

Es wäre falsch, Boko Haram allein als verrückte Gotteskrieger zu betrachten, sagte Hugon. Die Gruppierung habe politische Ziele und, trotz der blutigen Attacken, eine überlegte Strategie.

Risiko einer Spaltung des Landes

Boko Haram erhebt laut Hugon einen Territorialanspruch. Anführer Abubakar Shekau berufe sich immer wieder symbolisch auf die nigerianische Geschichte, indem er auf das Reich von Kanem Bornou oder das Kalifat von Sokoto, eines mächtigen islamischen Staates im 19. Jahrhundert beziehe.

Die Terrorgruppe wolle sich mit dem Bezug auf die Geschichte legitimieren, sagte Hugon weiter. «Solche politische Forderungen würden aber von Abuja niemals akzeptiert, egal wie viele Eroberungen die Gruppierung auf dem Feld erringt. Das ist eine Illusion.»

Dennoch gibt es aus Hugons Sicht das Risiko einer faktischen Teilung des Landes. Boko Haram verfüge in den nördlichen Teilstaaten Borno und Yobo über eine beachtliche Kontrolle.

Die Islamisten hegten aber auch regionale und sogar supraregionale Ambitionen, in denen auch eine Präsenz in Kamerun und das Eindringen in den Tschad vorkomme. «Das demonstriert eine gewisse militärische Effizienz. Bis heute wird die Gruppe in dieser Hinsicht unterschätzt», sagte der Forschungsdirektor des Instituts für internationale und strategische Beziehungen (IRIS).

Hochrisiko-Wahlen

Die anstehenden Wahlen fänden unter einem grossen Risiko statt, sagte Hugon weiter. Boko Haram werde mit aller Kraft versuchen, die Wahlen zu verhindern. Ganze Bevölkerungsteile könnten dem Urnengang fernbleiben, was zu einer tiefen Beteiligung, vor allem im Norden, führen dürfte und Fragen zur Legitimität der Wahl aufwerfe.

Dennoch war die Verschiebung der Wahl international scharf kritisiert worden; auch die grösste Oppositionspartei in Nigeria, die APC, lehnte die Verzögerung ab. Sie wertet jede Entscheid in diese Richtung als ein Weg zur Machterhaltung für die regierende Partei PDP von Präsident Goodluck Jonathan, die aus ihrer Sicht nach 16 Jahren eine Niederlage befürchten müsse.

Undurchsichtiges Spiel

Goodluck wird laut Hugon auch vorgeworfen, dass er dem Aufstand von Boko Haram zu wenig entschieden begegnet sei. Der Präsident spiele ein undurchsichtiges Spiel, sagte Hugon. Er halte sich beim Kampf gegen Boko Haram im Hintergrund. «Man kann seine Entschlossenheit im Kampf gegen die Terrorgruppe in Frage stellen.»

Der Herausforderer Muhammadu Buhari zeigt in Umfragen eine aufsteigende Tendenz. «Ein Teil der Ethnien, die traditionell für den Kandidaten aus dem Süden stimmt, hat sich aus Enttäuschung über den Präsidenten der Opposition zugewandt», sagte Hugon. Der Forscher erwartet einen engen Ausgang der Wahl.

Dennoch sehe er Jonathan in der Favoritenrolle, da dieser nach wie vor auf die enormen Einnahmen aus dem Ölgeschäft zurückgreifen könne. Dies sei notwendig für den Wahlsieg. «Das Öl, das jährlich 20 Milliarden Dollar einbringt, ist das Herz der nigerianischen Politik.»

Regionale Gefahr

Boko Haram sieht Hugon mittlerweile als die grösste Gefahr in der Sahelzone. Die Terrorgruppe sei gefährlicher als al-Qaida im Maghreb. «Es braucht eine starke Antwort, um die Gruppe einzudämmen.»

Aus seiner Sicht ist die nigerianische Armee gescheitert im Kampf gegen Boko Haram. «Die Armee ist zwar gut finanziert und ausgerüstet, aber die Effizienz in der Organisation und der Kampfeswille lassen zu wünschen übrig.» Sie sei von ethnischen und regionalen Streitigkeiten geprägt: Soldaten aus dem Süden seien wenig erbaut, im Norden zu kämpfen.

Aus Hugons Sicht wird der Westen, angeführt von den USA und Frankreich, früher oder später auf die eine oder andere Weise im Konflikt intervenieren. Die westlichen Länder fürchteten sich vor einem Übergreifen des Konflikts auf den Uran-Lieferanten Niger und das Ölland Tschad.

«Wenn die Truppen der Afrikanischen Union die Angriffe von Boko Haram nicht stoppen können, ist ein Einsatz von UNO-Blauhelmsoldaten nach einer Resolution des UNO-Sicherheitsrates vorstellbar», so Hugon. (rsz/sda)

Erstellt: 10.02.2015, 09:51 Uhr

Boko Haram spielt auch eine soziale Rolle

Boko-Haram-Anhänger haben sich häufig der Terrororganisation angeschlossen, weil sie keine andere Zukunftsperspektive für sich sehen. Die Gruppierung spielt laut dem Afrikaforscher Philippe Hugon auch eine «soziale Rolle» in den vernachlässigten Schichten in Nigeria.

Es gebe zwar Zwangsrekrutierungen, sagte der Afrikaspezialist und emeritierte Professor Hugon. Dazu gehörten beispielsweise Selbstmordattentäter oder auch die Versklavung von Frauen und Mädchen für sexuelle Dienste.

Doch die Aussicht, Waffen zu tragen und eine «einfache» Verdienstmöglichkeit, locke gerade im Teilstaat Borno Junge an. Boko Haram spiele im Nordosten Nigeria, wo 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag lebten, eine soziale Rolle. «Die Gruppierung übernimmt gewisse Aufgaben vom korrupten Staatswesen», sagte Hugon.

Die Kanouri-Völker im Nordosten des Landes scheinen laut Hugon eine «gewisse Sympathie» für Boko Haram zu zeigen. Allerdings müsste diese Vermutung vor Ort überprüft werden, räumte er ein. Auch Gründer Mohammed Yusuf und der aktuelle Anführer Abubaker Shekau stammten aber aus dieser Ethnie.

Hugon weist auch darauf hin, dass die Bevölkerung im Norden seit Jahren an der Gewalt der Polizei und der Armee litten. «Boko Haram profitiert von dieser Frustration und Wut wegen der Ordnungskräfte und der korrupten Politik.»

Aus Hugons Sicht geniesst Boko Haram aber auch Unterstützung in politischen Kreisen. «Ohne Zweifel liefern politische Verantwortliche im Norden sowie korrupte nigerianische Armeeangehörige Waffen an Boko Haram», sagte er. Sie hätten sich durch Plünderungen auch eine grosse Autonomie geschaffen.

Dagegen werde Boko Haram wohl kaum von aussen unterstützt und habe auch keine Beziehungen zu Organisationen wie Al-Kaida im Maghreb oder der Terrormiliz Islamischer Staat, die über eine vereinzelte Zusammenarbeit hinausgingen. Allerdings sei eine engere Allianz denkbar, sollte es Boko Haram gelingen, ein «Kalifat» aufzubauen.

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