Hintegrund

Der Schock war offensichtlich nicht gross genug

Ein Jahr nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Schule in Newtown, Connecticut, sind die Waffengesetze der USA noch immer nicht verschärft worden. Obwohl es an 26 weiteren Schulen Schiessereien gab.

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Wohlmeinende Bürger und Vertreter der Presse möchten dem Städtchen Newtown morgen Samstag bitte fern bleiben, bittet Bürgermeisterin Pat Llodra. Es gebe nichts zu sehen, weder ein Gedenkgottesdienst noch eine Mahnwache seien geplant. Auch das Deponieren von Blumen, Kerzen oder Stofftieren an den Strassen sei unerwünscht: «Sosehr wir den Gedanken schätzen, so wenig wäre es in unserem Interesse.» Die Stadt werde alle Gaben sofort entfernen. Wer Newtown wirklich helfen wolle, solle aus der Ferne an die Menschen denken und sie in Ruhe lassen: «Wir brauchen keine Erinnerung. Wir wissen, was passiert ist. Wir leben jeden Tag damit.»

Ein Jahr nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Primarschule, bei dem zwanzig Kinder und sechs Lehrpersonen erschossen wurden, will Newtown weiterleben, nicht zurückblicken. Dieser Tage ist der Tatort dem Erdboden gleichgemacht worden; eine Mehrheit der Stadtbevölkerung hatte sich für den Abbruch des Schulhauses ausgesprochen. Nichts darf übrig bleiben, Eisenträger werden eingeschmolzen, Backsteine zu Staub gemahlen. Die Bauarbeiter der Abbruchstelle mussten eine Erklärung unterschreiben, nach der sie nichts mitnehmen dürfen, was später auf dem Markt der Amok-Souvenirs landen könnte: «Wir wollen nicht, dass dasselbe geschieht wie nach 9/11», sagt Robert Mitchell, der bei der Stadtverwaltung für öffentliche Bauten zuständig ist. 2016 soll ein neues Schulgebäude an derselben Stelle den Betrieb eröffnen.

Schlussbericht eben erschienen

Doch auch wenn Newtown nicht mitmacht, der Rest des Landes wird sich wieder mit der Bluttat befassen. Eben hat die Staatsanwaltschaft von Connecticut ihren Schlussbericht vorgelegt. Diese rekonstruiert auf 48 Seiten, wie der 20-jährige Adam Lanza am Morgen des 14. Dezembers 2012 erst seine Mutter erschoss, dann zur Schule fuhr und in weniger als 10 Minuten 154 Schüsse aus einem Bushmaster-Sturmgewehr abgab, die 26 Menschen töteten. Dann erschoss sich der Schütze selbst.

Der Bericht liefert keine Hinweise auf ein Motiv, nur Fakten zum Tatablauf sowie Hintergründe zum Geisteszustand des Täters. So soll Lanza die letzten Monate seines Lebens überwiegend in seinem Zimmer verbracht und dessen Fenster mit schwarzen Plastiksäcken verklebt haben. Mit seiner Mutter, bei der er lebte, kommunizierte er nur via E-Mail. Gewaltdarstellungen faszinierten ihn, die Polizei fand Bilder und Filme auf Lanzas Computer. Auch sammelte er Zeitungsartikel über Amokläufe an Schulen. Mindestens ein Lehrer soll Lanzas Obsession bemerkt und darauf hingewiesen haben. Seine Mutter hatte dennoch vor, ihrem Sohn zu Weihnachten einen Revolver zu kaufen. Fünf legal erstandene Schusswaffen, darunter die Bushmaster, lagerten bereits daheim.

Den Eltern von Newtown beantwortet der Bericht keine Fragen. Sie müssen damit leben, dass ein verhaltensauffälliger Mann sich bewaffnen und ihnen ihre Kinder nehmen konnte. Und auch damit, dass so etwas jederzeit wieder geschehen könnte: Ein Jahr nach der Tragödie haben die USA ihre Waffengesetze nicht verschärft. Für die Hinterbliebenen ist das eine schwere Enttäuschung, haben sich viele von ihnen doch für ein Umdenken starkgemacht. Im Frühjahr 2013 unterstützten sie Präsident Barack Obama in seiner Kampagne für strengere Waffengesetze, flogen nach Washington und versuchten Unentschlossene zu überzeugen. Anfang April übernahm Francine Wheeler, die Mutter eines in Newtown getöteten Sechsjährigen, in einem ungewöhnlichen Vorgang sogar die wöchentliche Ansprache des Präsidenten. Darin erinnerte sie, dass seit dem 14. Dezember bereits wieder Tausende Amerikaner durch Schusswaffen gestorben seien: «Bitte helft uns, etwas zu unternehmen, damit unsere Tragödie nicht die eure wird.»

Kurz schien es, als ob die Anstrengung etwas bewirken würde. Die toten Kinder von Newtown hatten Amerika entsetzt. Umfragen zeigten breite Zustimmung für schärfere Gesetze. Die Regierung Obama wollte die Waffenlobby nicht verstimmen und forderte weder Entwaffnungen noch ein Waffenregister. Ziel war einzig ein Gesetz, nach dem alle Waffenkäufer künftig auf Vorstrafen und aktenkundige psychische Probleme überprüft werden sollten, sowie ein Verbot der für den Krieg entwickelten Schnellfeuerwaffen und extragrossen Munitionsmagazine.

Nichts darf übrig bleiben

Selbst das war zu viel. Das Sturmgewehrverbot wurde bereits vor der Kongressabstimmung fallen gelassen, und Mitte April verwarf der Senat dann auch die restlichen Vorlagen. «Schämt euch», riefen die Mütter von zwei Amokopfern nach dem Entscheid von der Senatsgalerie. Für Obama, der die Waffengesetze zur Chefsache erklärt hatte, war es die erste grosse Niederlage des Jahres. Bitter sagte er, hier hätten die «Lügen der Waffenlobby» die Herzen der Gesetzgeber vergiftet. Und so bleibt trotz zwanzig toter Erstklässler vorerst alles beim Alten. Statt den Zugang zu Waffen zu erschweren, haben etliche US-Staaten die Gesetze noch gelockert und das verborgene Mitführen von Schusswaffen erlaubt, ja selbst das Tragen von Waffen an Schulen und Universitäten.

Über die Gründe für die Waffenvernarrtheit Amerikas ist viel geschrieben worden. Der Mythos der Pionierzeit wurde beschworen, die Cowboymentalität, aber auch die Finanzkraft der National Rifle Association und die Wirkung von Videospielen und zynischer Hollywoodgewalt. Wirklich sicher ist nur eines: Dem Kongress fehlen die nötigen Stimmen für eine Gesetzesänderung. Viele Volksvertreter meinen, ihren Wählern grundsätzlichen Widerstand gegen jegliche Übergriffe der Zentralregierung zu schulden und kämpfen deshalb verbissen gegen den schwarzen Mann im Weissen Haus, der den Bürgern etwas wegnehmen oder verbieten könnte.

Mit abnehmender Waffengewalt hat die Untätigkeit nichts zu tun. Laut dem Verein Moms demand Action hat es seit dem 14. Dezember 26 Schiessereien an Schulen gegeben. Das Magazin «Slate» führt eine Nach-Newtown-Statistik und beziffert die Zahl der Schusswaffentoten in den USA seither auf mindestens 11 188. Das sind fünfmal mehr Opfer, als die USA im seit 12 Jahren währenden Afghanistankrieg zu beklagen haben.

Angeklopft und erschossen

In einem Land voller Schusswaffen muss man sich zweimal überlegen, an welche Tür man spätnachts klopft. Die 19-jährige Renisha McBride war Anfang November mit dem Auto in Detroit unterwegs. Sie rammte ein parkiertes Auto, hatte zu viel getrunken. Die Afroamerikanerin stieg aus, ging zu Fuss weiter und stand dann vor einer Haustür im überwiegend weissen Vorort Dearborn Heights. Der Hausbewohner, ein 54-jähriger Flughafenmitarbeiter, sagte der Polizei später, er habe Einbrecher vermutet. Er schoss der unbewaffneten Frau durch das geschlossene Fliegengitter ins Gesicht. Die Familie des Opfers glaubt, Renisha habe Hilfe gesucht. Der Schütze sagt, der Schuss habe sich versehentlich gelöst. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes. Gewiss ist nur: McBride wäre noch am Leben, wäre der Mann ohne Revolver zur Tür gegangen.

Selbst ein Massenmord mitten in Washington konnte die Politiker nicht zu einer Gesetzesänderung bewegen. Nach der Navy-Yard-Schiesserei mit 12 Toten im September beklagte Präsident Obama, sein Land erlebe eine «schleichende Resignation»: So gross der Schock über jeden Amoklauf auch sei, er sei offenbar nicht gross genug. Tatsächlich scheinen viele Amerikaner Waffengewalt als unvermeidlich hinzunehmen.

Fast wartet man auf die nächste Tragödie, deren Drehbuch schon geschrieben ist, wie der Horrorautor Stephen King in seinem Essay «Guns» bemerkt: Erst werden am unteren Rand des TV-Bildschirms wieder die «Breaking News»-Schriftbalken blinken. Dann kommen die ersten wackligen Handyaufnahmen von rennenden Menschen. Dann eine Google-Karte, die auf den Ort des Schreckens zoomt, erste Reporter vor Ort, die wenig wissen und viel reden. Angehörige, Augenzeugen, Ambulanzen. Und schliesslich ein Foto des Täters aus einem Highschool-Jahrbuch: Er sieht aus wie irgendwer.

Wer mag es den Familien von Newtown verdenken, dass sie ihre Geschichte nicht noch einmal erzählen wollen, bevor die Nation erneut wegzappt?

Erstellt: 13.12.2013, 06:26 Uhr

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Waffen aus dem 3-D-Drucker

«Keine strengeren Auflagen»
Seit 1988 verbietet der «Undetectable Firearms Act» Waffen, die vollständig aus Plastik oder anderen Materialien bestehen, welche in Sicherheitsschleusen an Flughäfen und anderswo keinen Alarm auslösen. Diese Woche hat der US-Senat das Verbot um zehn Jahre verlängert. Eine von demokratischer Seite geforderte Ausweitung war aber chancenlos: Senator Charles Schumer hatte gefordert, auch Plastikwaffen aus dem 3-D-Drucker strenger zu regeln.

Die Erweiterung hätte verlangt, dass kommerzielle Anbieter von ausdruckbaren Waffen mindestens ein unverzichtbares Metallteil in ihre Produkte einfügen müssen, sodass auch diese Geräte aufgespürt werden können. Doch Senat wie Repräsentantenhaus sahen keinen Handlungsbedarf: Designer von 3-D-Waffen können die verlangten Metallteile deshalb weiterhin so einfügen, dass sie für den Betrieb der Waffe nicht entscheidend sind und leicht entfernt werden können.

Das Problem der 3-D-Drucker wird in den Vereinigten Staaten zunehmend aktuell; die Behörde für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoff hat bekannt gegeben, sie habe versuchshalber Bauanleitungen für Schusswaffen aus dem Internet heruntergeladen und sich damit problemlos eine funktionsfähige Kunststoffwaffe gebaut oder eben ausgedruckt.
(dhe)

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