Der verschwundene Imam in der Terrorpaten-Rolle

Ein Geistlicher soll die Attentäter von Barcelona zum Terror angestachelt haben. Er hat eine kriminelle Vergangenheit.

Ein gläubiger Muslim betet in der Moschee von Ripoll.

Ein gläubiger Muslim betet in der Moschee von Ripoll. Bild: Keystone

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Für die Ermittler steht es mittlerweile so gut wie fest: Die Mitglieder der Islamistengruppe, die für den Terroranschlag von Barcelona und ein gescheitertes Attentat im Badeort Cambrils verantwortlich gemacht werden, hat ein Imam zu ihren Taten getrieben. Der 34-jährige Geistliche aus Marokko wird seit Dienstag vermisst. Die Polizei vermutet ihn unter den drei Personen, die am Mittwoch bei der Explosion eines Arsenals von Gasflaschen in dem Ort Alcanar 200 Kilometer südwestlich von Barcelona umgekommen sind.

Am Sonntagvormittag fand in der berühmten Kathedrale Sagrada Familia eine Messe für die mittlerweile 15 Opfer von Barcelona und Cambrils statt, an ihr nahm neben dem Königspaar und Ministerpräsident Mariano Rajoy auch der portugiesische Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa teil. Es war bewusst kein Requiem, also eine Messe für Verstorbene. Die Geistlichen trugen grüne Messgewänder, die Farbe symbolisiert im Christentum die Auferstehung und das ewige Leben. Die liturgischen Gebete waren auf Katalanisch, die Predigt und die Fürbitten auf Spanisch.

Messe für die Opfer in der Kathedrale Sagrada Familia (Video: Tamedia/AFP)

Gebetet wurde auch für das Seelenheil der bislang acht toten Mitglieder der islamistischen Terrorzelle: Fünf, die mittlerweile identifiziert worden sind, wurden von Polizisten in Cambrils erschossen, bei den drei Toten von Alcanar stand zunächst die Identität nicht sicher fest. Die Ermittler hatten am Vortag zum Vergleich DNA-Proben von mutmasslichen Verwandten genommen.

«Kämpfer» gegen «Kreuzritter»

Gebildet hatte sich die Gruppe nach den Erkenntnissen der Ermittler im Verlauf der vergangenen zwölf Monate in der Kleinstadt Ripoll im Norden Kataloniens. Eltern und Geschwister der Jihadisten berichteten, sie hätten die Radikalisierung nicht bemerkt. Die jungen Männer zwischen 17 und 34 Jahren hätten sich zwar sehr intensiv mit Religion beschäftigt und auch an allen Gebeten teilgenommen, was keiner von ihnen früher getan habe; doch hätten sie ihr Alltagsleben weitergeführt. Es handelt sich mit einer Ausnahme um marokkanische Staatsbürger, die legal in Spanien lebten. Keiner von ihnen verfügte über eine höhere Bildung, ein Teil hatte die Schule abgebrochen. Einige waren arbeitslos, die anderen hatten prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Einigkeit herrschte unter den befragten Angehörigen, dass der neue Imam von Ripoll für sie eine grosse Autorität geworden sei, er wurde als Inspirator der Terrorakte genannt. Nach Informationen der Lokalmedien hat der Imam in seinen Predigten immer wieder zur Wiedererrichtung des islamischen Kalifats Córdoba aufgerufen, das im Mittelalter das Gebiet des heutigen Spaniens bis auf den Nordrand kontrolliert hatte. Auf die Herrschaft der Mauren berief sich auch die Terrormiliz Islamischer Staat in den Botschaften für ihre spanischen «Kämpfer», es gelte, die «Kreuzritter» zu vernichten.

Konkrete Anleitungen zum Bau von Sprengkörpern?

Die Polizeibehörde in Barcelona schloss am Wochenende nicht aus, dass der Imam auch die konkreten Anleitungen zum Bau wohl mehrerer gewaltiger Sprengkörper aus insgesamt zwei Dutzend grossen Gasflaschen gegeben habe. Der Geistliche war polizeilich erfasst, er hatte eine Freiheitsstrafe wegen Drogenhandels verbüsst. Doch über sein weiteres Vorleben wurde zunächst nichts bekannt ausser dem vagen Hinweis, er habe Kontakte zu Mitgliedern der Islamistenzelle gehabt, die 2004 Bombenanschläge auf vier Madrider Vorortzüge verübt hatten. Dabei waren 191 Menschen zu Tode gekommen.

Der Imam hatte den Berichten zufolge seinem Mitbewohner in Ripoll am Dienstag erklärt, dass er über den Sommer zu seinen Eltern nach Marokko fahren werde. Dies werteten die Ermittler als Hinweis darauf, dass ein grosser Terrorakt unmittelbar bevorstand. In dem Ort distanzierten sich 40 Verwandte der mutmasslichen Terroristen von deren Tun. In einer gemeinsamen Erklärung hiess es: «Nicht in unserem Namen!» Sie stünden loyal zum spanischen Staat. Eine namentlich nicht genannte ältere Verwandte eines der toten Täter sagte im katalanischen Fernsehen: «Wir haben hier in der Gesellschaft unseren Platz gefunden. Wir sind tief betroffen und tief beschämt über das, was unsere Söhne angerichtet haben.»

Der Appell der Mutter

Die Mutter des 22-jährigen Marokkaners, der nach Meinung der Ermittler höchstwahrscheinlich am Donnerstagnachmittag am Steuer eines Lieferwagens 13 Menschen auf der Flaniermeile Las Ramblas im Zentrum Barcelonas getötet hat, rief ihn dazu auf, sich der Polizei zu stellen. Sie wolle ihren Sohn lieber im Gefängnis besuchen, als auf der Beerdigung beweinen. 54 der erfassten 120 Verletzten von den Ramblas befanden sich am Sonntagmittag noch im Krankenhaus, ein Dutzend davon, «in kritischem Zustand.»

Der gesuchte 22-Jährige, dessen Bruder zu den Erschossenen von Cambrils gehört, soll auf der Flucht noch in der Innenstadt Barcelonas einen Personenwagen gekapert und dessen Fahrer erstochen haben. Zwei weitere mutmassliche Mitglieder der Zelle sollen sich ebenfalls auf der Flucht befinden. Das 15. Opfer war eine Frau, die in Cambrils auf einem Zebrastreifen überfahren wurde, als fünf Angehörige der Terrorgruppe in einem Audi vor einem Polizeiwagen flüchteten. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 20.08.2017, 12:39 Uhr

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