Die Beerdigung der eigenen Kultur

Das Erdbeben in Nepal hat auch die Königsstädte des Kathmandutals hart getroffen. Unter den Trümmern der Stadt Bhaktapurn ruhen die Kulturschätze der nepalesischen Zivilisation.

Wettlauf gegen die Zeit: Menschen in Bhaktapur graben in Trümmern des Hauses nach Familienmitgliedern. Foto: Navesh Chitrakar (Reuters)

Wettlauf gegen die Zeit: Menschen in Bhaktapur graben in Trümmern des Hauses nach Familienmitgliedern. Foto: Navesh Chitrakar (Reuters)

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Aus den Trümmern des Dattatraya-­Tempels ist das Klingeln eines Handys zu hören. «Das ist das Telefon meiner Frau», sagt ein Mann mit zittriger Stimme. Er ist verzweifelt und verängstigt. «Meine Frau war mit unseren drei Kindern hierhergekommen, um zu beten.» Seit dem grossen Erdbeben ist seine Familie unter den Trümmern des Tempels verschwunden. Der 1427 gebaute Tempel war bis zum letzten Samstag ein dreigeschossiger, mächtiger Bau, eine den drei hinduistischen Gottheiten Vishnu, Shiva und Brahma geweihte heilige Stätte. Das gewaltige Beben hat den Tempel dem Erdboden gleichgemacht.

Der Mann, der seine Familie sucht, ist alleine nicht in der Lage, die Holzbalken und Steinblöcke des eingestürzten ­Dattatraya-Tempels wegzuräumen. Niemand hilft ihm. Er nimmt sein Handy und wählt die Nummer seiner Frau, einmal, zweimal, immer wieder. Keine Reaktion, nichts. Sind seine Lieben tot? Oder haben sie vielleicht schwer verletzt überlebt? Der Mann hat keine Gewissheiten. Aber die Hoffnung hat er nicht verloren, noch nicht.

Nepal rechnet mit 10 000 Toten

Gemäss den Angaben der Behörden sind bei der Naturkatastrophe mindestens 4400 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Todesopfer dürfte weiter ansteigen, sobald die Rettungsteams die Dörfer erreichen, die bislang wegen Erdrutschen von der Aussenwelt abgeschnitten waren.

Die Nepalesen rechnen mit 10 000 Toten, vielleicht sogar 15 000. Das Erd­beben ist nicht nur eine grosse Tragödie für die Menschen in Nepal. Es hat auch das kulturelle und spirituelle Herz des Landes schwer getroffen. Im Tal von Kathmandu reihen sich auf wenigen ­Kilometern sieben Weltkulturdenk­mäler. Unter den Trümmern ruhen die verlorenen Kulturschätze der nepalesischen Zivilisation, und ein Teil dieser ­Zivilisation war auch Bhaktapur, wo über 80 000 Menschen lebten.

Bhaktapur liegt zwölf Kilometer östlich der Hauptstadt Kathmandu. Vom 14. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Bhaktapur Hauptstadt des Malla-Reiches. Aus dieser Zeit stammen viele der 172 Tempelanlagen und der mit Holzreliefs verzierten Wohnhäuser. Bhaktapur ist neben Kathmandu und Lalitpur die dritte und kleinste der Königsstädte des Kathmandutals. Über 200 000 Touristen besuchen sie jedes Jahr. Ein Touristenmagnet war insbesondere der Königspalast, der auch als «Palast mit dem goldenen Tor» bezeichnet wird. Nach dem Beben steht der Prachtsbau nur noch zur Hälfte. Im Bassin des Königspalasts liegen zerstörte Statuen, die kunstvollen Kobrafiguren speien kein Wasser mehr.

Selbsthilfe gegen Kunstdiebe

«Jetzt haben wir nicht nur unsere kulturellen Schönheiten verloren», sagt ­Ritish, ein junger Palastwächter. «Das Beben hat uns auch unsere Lebensgrundlage genommen.» Auf den Strassen und in der Altstadt von Bhaktapur sind keine Touristen mehr unterwegs, sondern Soldaten. Die Regierung in Kathmandu hat fast die ganze nepalesische Armee aufgeboten. Die Soldaten haben die Aufgabe, Verletzte und Tote zu bergen, den Überlebenden zu helfen und Aufräumarbeiten zu verrichten. In den wenigen Pausen essen und schlafen sie auf den Altären, die eigentlich den Gottheiten Vishnu und Shiva gewidmet sind. Sie verfeuern auch kunstvoll verzierte Holzkapitelle, um Eier zu kochen.

Mehr als 200 Erdstösse haben Paläste, heilige Stätten und antike Bauten erschüttert, beschädigt, zerstört. Noch immer stürzen Häuser ein. Lärm und dicke Staubwolken zeugen von zusammenkrachenden Gebäuden. Die Bewohner von Bhaktapur versammeln sich auf dem einst prächtigen Durbar-Platz. Sie weinen nicht, sie schreien nicht, sie graben nicht, sie beobachten nur. «Unter den Trümmern liegen Hunderte Menschen», sagt Kabindra, ein junger Mann, er arbeitete zuletzt als Teppichknüpfer. «Wir können ihnen nicht helfen. Wir müssen schauen, dass wir überleben.»

Manche Menschen suchen in den Trümmern nicht nach Opfern, sondern nach Kunstschätzen und anderen wertvollen Sachen, die sie später Antiquitätenhändlern verkaufen können. Es gibt aber auch Studenten und Freiwillige, die versuchen, die Kulturschätze in Sicherheit zu bringen. Sie katalogisieren die Fundsachen Stück um Stück. «Wir werden nie das Geld für die Reparatur von Kunstgegenständen haben», sagt der Historiker Lila Tapa. «Aber wir können es der Welt gegenüber nicht verantworten, alles den Dieben zu überlassen.»

Es drohen Überschwemmungen

Im Kathmandutal ist auch Lalitpur, ehemals Patan, hart getroffen. Die «Stadt der Schönheiten» ist fast komplett zerstört. Der Königspalast auf dem Durbar-Platz ist zusammengestürzt, ebenso die verschiedenen Gottheiten gewidmeten Tempel. Antike Gebäude haben tiefe Risse in den Mauern, bald werden auch sie kollabieren. Die Menschen verfolgen bewegt, wie die Trümmer jener heiligen Stätten geräumt werden, in denen sie regelmässig gebetet haben. Es ist, als würden sie der Beerdigung der eigenen Zivilisation beiwohnen.

Im Katastrophengebiet sind etwa 90 Prozent der Häuser unzugänglich, über sieben Millionen Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Den Überlebenden und Obdachlosen fehlt es an Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Kleidern, an medizinischer Versorgung, Unterkünften und sanitären Anlagen. Und bald kommt die Monsunsaison mit ­ihren heftigen Regengüssen, Hochwassern und Erdrutschen. Noch ist völlig unklar, wie sie die grossen Überschwemmungen im Sommer und die eisige Kälte im Winter überleben werden.

In die Trauer und Verzweiflung der Nepalesen mischt sich Wut – Wut auf Behörden und Regierung. Die Politiker haben zwar rasche Hilfe versprochen, die Menschen reagieren aber mit Gleichgültigkeit und Verachtung. «Unsere Politiker sind dumm, nichtsnutzig, korrupt», schimpft Manish Sedahi, ein Informatiker. «Wir wissen, dass wir selber für uns schauen müssen.» Die Menschen brauchen dringend Strom und Benzin. An den Tankstellen bilden sich kilometerlange Warteschlangen. Es gibt Lieferanten, die flaschenweise Benzin versteigern. Ein Liter Benzin kostet mehr als eine Flasche Champagner. Viele Nepalesen wollen fliehen oder nach Indien fahren, um verletzte Angehörige an dortigen Spitälern behandeln zu lassen.

Informationen aus dem Radio

Weil Fernsehen und Internet nicht funktionieren, hört die Bevölkerung Radio. Anders erhält sie kaum Informationen über die Lage im eigenen Land und auch keine Mitteilungen der Behörden. Die Nachricht, dass die Regierung sofortige Massenkremierungen angeordnet hatte, um Epidemien vorzubeugen, löst in der Bevölkerung grosse Empörung aus. «Sie verbrennen unsere Kinder», klagt eine Frau. «Es ist nicht einmal mehr möglich, unseren Toten die letzte Ehrerbietung zu erweisen.» Die Frau führt an einem Seil eine grosse, schwarze Kuh. «Sie ist das Einzige, was ich noch habe», sagt sie und verschwindet.

Erschütternde Szenen spielen sich auch in der Hauptstadt Kathmandu ab. Das wirtschaftliche Leben steht praktisch still, überall sind Rettungsaktionen und Trümmerräumungen in Gang. Es herrscht Chaos, aber auch Angst. Sobald Tauben und Krähen in den Himmel ­steigen oder Hunde bellen, flüchten sich die Menschen auf offene Plätze oder auf ­Felder. Dort müssen sie nicht befürchten, von einstürzenden Gebäuden begraben zu werden. Die Menschen haben Angst vor Nachbeben, von denen es bereits viele gegeben hat. Zusätzlichen Schrecken verbreitet die Warnung eines Polizisten. Er schreit ins Megafon, dass drei Tiger aus dem Zoo entwichen seien. «Geht nicht alleine auf die Strassen! ­Zündet in der Nacht Feuer an! Verlasst die Zeltlager nicht!» Bisher gab es noch keine Meldungen über Tigerattacken auf Menschen.

Nach dem grossen Beben ist das «Dach der Welt» ein riesiges Trümmerfeld, das sich selber überlassen ist. Wie der Wiederaufbau des bettelarmen Landes gelingen kann, übersteigt in diesen Tagen jede Vorstellungskraft. Niemand weiss, woher das Geld für neue Gebäude und Infrastruktur kommen soll. Im ­Moment zählt die Gegenwart. Den Menschen fehlt die Zeit zu weinen, und es fehlt ihnen die Geduld, staatliche Hilfe abzuwarten oder auf die Grosszügigkeit ausländischer Helfer zu hoffen. Die ­Nepalesen versuchen, durchzuhalten. Obwohl sie Hunger und Durst haben, bieten sie ihren Gottheiten Früchte und Getränke an und betreten dafür einsturzgefährdete Tempel. Die Götter haben den Menschen alles genommen. Aber der Glaube ist ihre letzte Hoffnung.


Copyright: La Repubblica

Aus dem Italienischen von Vincenzo Capodici (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2015, 20:47 Uhr

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