«Die Frist wird kürzer, um den Bau der Atombombe zu stoppen»

Irankenner Mark Fitzpatrick glaubt, dass Teheran die Atombombe innert eines Jahres bauen könnte. Noch sei der politische Entscheid dazu aber nicht gefallen.

Risiko Nukleartechnik: Iranisches Atomkraftwerk in Busher.

Risiko Nukleartechnik: Iranisches Atomkraftwerk in Busher. Bild: Abedin Taherkenareh/Keystone

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Wie werden sich die Wahlen im Iran auf den Atomstreit auswirken?
Das wichtigste Signal wurde bereits vor der Wahl vom obersten geistlichen Führer Ali Khamenei ausgesandt, als er bekräftigte, es werde keine Kompromisse beim Nuklearprogramm geben. Ich bin deshalb pessimistisch. Möglicherweise wird sogar ein Kandidat gewinnen, der verhandeln möchte. Die letzte Entscheidungsgewalt liegt aber bei Khamenei.

Dann waren alle Hoffnungen auf Wiederaufnahme der Gespräche nach den Wahlen vergebens?
Vor den Wahlen war kein Fortschritt mehr möglich, weil es zwischen dem scheidenden Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad und Khamenei zum Bruch gekommen war. Die Wahlen könnten zumindest wieder eine einheitliche politische Linie in der obersten Führung des Landes herstellen. Für einen Fortschritt in den Verhandlungen müsste aber Khamenei seinen tiefen Argwohn überwinden. Dafür gibt es keine Anzeichen. Welche Rolle hat das Atomprogramm im aktuellen Wahlkampf gespielt?
Alle Kandidaten haben sich zum Nuklearprogramm bekannt. Es gab aber feine Unterschiede. Saeed Jalili hat klar die härteste Linie vertreten. Er hat sich gegen jeden Kompromiss ausgesprochen. Der konservative Kandidat Ali Akbar Velayati hingegen hat die Verhandlungsführung Jalilis in den vergangenen Jahren scharf kritisiert. Das weist zumindest auf eine gewisse Bereitschaft hin, mit den UNO-Vetomächten und Deutschland ins Gespräch zu kommen. Auch Hassan Rohani, der als Moderater gilt, will die Zusammenarbeit mit dem Ausland verbessern. Ich glaube aber nicht, dass Verhandlungen zu einer Lösung des Streits führen werden. Immerhin könnte es aber zu taktischen Eingeständnissen des Iran kommen. Man würde Zeit gewinnen und die Spannungen abbauen.

Was haben die harten Sanktionen des Westens bewirkt?
Die iranische Wirtschaft leidet sehr stark unter den Sanktionen. Sie haben ganz klar zu einem Umdenken geführt. Noch vor ein paar Jahren hat sich Ahmadinejad darüber lustig gemacht. Jetzt sind sie das Hauptthema im Wahlkampf. Natürlich haben sie auch negative Reaktionen provoziert: Jalili zum Beispiel fordert, den Sanktionen mit einer «Widerstandswirtschaft» zu begegnen. Er will das Land autark machen, es soll weniger abhängig werden von Erdölexporten. Das macht zwar wirtschaftlich wenig Sinn. Es ist aber ein Ausdruck davon, dass sich die Positionen verhärtet haben. Daraus zu schliessen, dass man die Sanktionen jetzt lockern sollte, wäre dennoch falsch. Die wirklich scharfen Sanktionen sind erst seit einem Jahr in Kraft. Sie haben ihre volle Wirkung noch nicht entfaltet.

Haben die Sanktionen auch das Atomprogramm verzögert?
Kaum. Die Iraner haben im vergangenen Jahr mehr Zentrifugen installiert als jemals zuvor. Möglicherweise wurde aber das Raketenprogramm verlangsamt.

Über wie viele Zentrifugen verfügt der Iran derzeit?
Es sind bereits rund 14'000 Zentrifugen, davon 700 der zweiten Generation, die bis zu viermal so effizient arbeiten wie die bisherigen.

Wie viel Zeit bleibt noch für Verhandlungen? Wo ist die rote Linie, bei der Israel das Programm militärisch stoppen will?
Falls der Iran den politischen Entscheid fällt, die Bombe zu bauen, würde ein Jahr genügen, um genug hoch angereichertes Uran zu produzieren und die Baupläne für die Atombombe fertigzustellen. Vielleicht würden sogar ein paar Monate reichen. Aber die Iraner würden wohl nicht nur eine Bombe bauen wollen, sondern mindestens fünf oder sechs. Das würde entsprechend ein paar Monate länger dauern.

Der Iran könnte also in sehr kurzer Zeit über genug hoch angereichertes Uran verfügen?
Ja, das ist nicht das Problem.

Es geht nur noch darum, wie stark die Iraner ihr Programm vorantreiben oder verzögern?
Genau, darauf wird man achten müssen. Es gibt Schätzungen, wonach der Iran bereits heute über genug hoch angereichertes Uran verfügt, um eine Atombombe zu bauen. Offiziell aber ist das Land bei einem Vorrat von rund 182 Kilogramm angelangt. Das liegt unter der Schwelle von 250 Kilogramm, die man für eine Atombombe braucht. Aber nur, weil man einen Teil des hoch angereicherten, gasförmigen Urans verfestigt hat. Die Iraner verzögern damit den Prozess. Sie können allerdings das verfestigte Uran in kurzer Zeit wieder in gasförmiges zurückverwandeln.

Will Teheran Raum für Verhandlungen schaffen?
Der Iran will Zeit gewinnen. Es sind taktische Schritte, um klarzumachen, dass man es nicht eilig hat, die Bombe zu bauen. Denn zuvor müsste der politische Entscheid dazu gefällt werden, und ein solcher Schicksalsentscheid würde wohl sehr schnell entdeckt. Jedenfalls schnell genug, damit Israel und die USA reagieren und militärisch eingreifen könnten.

Was macht Sie so sicher, dass man diesen entscheidenden Moment nicht verpassen wird?
Die Atomenergiebehörde IAEA besucht die iranischen Urananlagen in Natanz und Fordo regelmässig im Abstand von einer oder zwei Wochen. Jede Veränderung, jede Beschleunigung des Programms würde sofort registriert.

Der Iran würde die IAEA-Inspektoren dann aber wohl kaum noch ins Land lassen.
Genau, sie würden versuchen, einen Unfall vorzutäuschen, oder einzelne Inspektoren der Spionage zu bezichtigen, um ihnen den Zugang zu den Anlagen zu verwehren. Das macht vor allem Israel nervös. Je mehr Zentrifugen der Iran installiert, je grösser die Vorräte an hoch angereichertem Uran werden, desto kürzer die Frist, in der man den Bau der Atombombe noch stoppen kann. Einige amerikanische Analysten glauben, dass im Sommer 2014 diese Frist auf weniger als einen Monat schrumpfen und damit schon zu kurz sein wird, um militärisch zu intervenieren. In den nächsten Monaten wird diese «Entdeckungsfrist» deshalb zum grossen Thema werden.

Erstellt: 13.06.2013, 21:29 Uhr

(Für Detailansicht auf Karte klicken) (Bild: TA-Grafik/Quelle: BBC)

Mark Fitzpatrick
Der Abrüstungsexperte vom International Institute for Strategic Studies (IISS) war diese Woche auf Einladung des Center for Security Studies der ETH in Zürich.

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