Die Welt darf sich anschnallen

Der Handelskrieg zwischen China und den USA hat begonnen – es geht um die Weltmacht. Und Europa? Hält sich beim Thema Flüchtlinge auf. Das ist niederschmetternd.

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Jetzt geht es los. Die Welt darf sich anschnallen. US-Präsident Donald Trump hat seine Drohung wahr gemacht. Angriff. Gegenangriff. Gebrüll auf beiden Seiten. Heute sind es Strafzölle auf Importe von je 35 Milliarden Dollar. Bald sollen es 50 Milliarden Dollar sein. Wenn China nicht einlenkt? Weitere 200 Milliarden. Dann noch einmal 300 Milliarden. Hat Trump soeben «den grössten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte» eingeläutet? Eines ist klar: Eine Eskalation wird grosse Teile der Welt in Mitleidenschaft ziehen. Konsumenten, Investoren, Börsen und Exporteure.

Und noch etwas ist klar: Das hier ist erst der Anfang. Denn es geht um mehr als nur um Handel und Urheberrechte. Zwischen den USA und China bricht eine lange schlummernde Rivalität auf. Es ist mehr als nur eine ökonomische, es ist auch eine militärische und vor allem eine geostrategische Rivalität. Es geht um die künftige Ordnung der Welt. Trump hat immer gesagt, seine Sanktionen zielten auf die unfairen Handelspraktiken und die Urheberrechtsdiebstähle durch China. China aber glaubt, Trump gehe es darum, Chinas Aufstieg zur Hi-Tech-Macht auf Augenhöhe mit den USA zu verhindern. Damit hat Peking wohl recht.

Lange agierte China unterm Radar, profitierte davon, dass der Westen mit anderen Themen beschäftigt war, allen voran mit Islamismus und Terror.

Es ist eine historische Zäsur: 40 Jahre relativ friedlicher Koexistenz zwischen den USA und China, fast drei Jahrzehnte zunehmender beidseitiger wirtschaftlicher Integration gehen zu Ende. Das liegt nicht allein an Trump. Das Chinabild in den USA ist gekippt. Lange agierte China unterm Radar, profitierte davon, dass der Westen mit anderen Themen beschäftigt war, allen voran mit Islamismus und Terror. Die KP-Führung in Peking ging geschickt vor, baute ihren Einfluss international aus, nahm fast unbehelligt von internationaler Kritik zum Beispiel Schritt für Schritt Besitz von umstrittenen Territorien im Südchinesischen Meer.

Das ist vorbei. Mit einem Mal steht in den USA die Herausforderung durch China im Zentrum der Aufmerksamkeit. Politiker beider grossen Parteien in Washington haben China als neuen Lieblingsgegner identifiziert, und attackieren Trump gar dafür, dass er nicht hart genug gegen Peking vorgehe. Das Pentagon erklärte China Anfang des Jahres zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit, Verteidigungsminister Jim Mattis nannte China einen «strategischen Rivalen», der sich «räuberischer» Wirtschaftspraktiken bediene.

Trumps Angriffe bedrohen den chinesischen Traum

Die Wirtschaft dient Trump da als ein Hebel. Offensichtlich wurde das, als er von Peking verlangte, seine «Made in China 2025»-Strategie einzustampfen. Das ist der Plan, der vorsieht, China in vielen Zukunftsindustrien zur Nummer eins zu machen, mit staatlicher Unterstützung und aus Sicht des Westens grob unfairem Wettbewerb. Für Chinas KP-Chef Xi Jinping ist das nicht akzeptabel. Es zielt ins Herz seiner Vision von einer «Wiedergeburt der grossen chinesischen Nation» als Hi-Tech-Diktatur mit globaler Führungs- und Ausstrahlungskraft. Trumps Angriffe bedrohen seinen «chinesischen Traum».

Es ist ein Ringen zwischen der amtierenden Weltmacht und dem zunehmend forschen Herausforderer. Es ist auch ein Ringen zwischen den Systemen. Chinas KP preist ihr Politik- und Wirtschaftssystem mit zunehmendem Selbstbewusstsein als Modell auch für andere Länder an. Und das Chaos, das Trump allerorten anzettelt, spielte ihr da lange in die Hände. Seht her, trompetet Chinas Propaganda mit Schadenfreude: Der Westen und die Demokratie zerlegen sich selbst.

Mit einem Mal merkt China, wie abhängig es noch ist von Technik und Know-how des Westens.

Bei aller Gegenschlags-Rhethorik – «eine Bande von Halbstarken» nannte China Daily die Trump-Regierung – hat das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein Pekings allerdings einen Dämpfer erlitten, nun, da Trumps Furor sich gegen die wirtschaftliche Basis des Aufstiegs Chinas richtet. Peking treibt die Entwicklung von Zukunftsindustrien mit beispiellosem Ehrgeiz voran; mit einem Mal aber merkt das Land, wie abhängig es noch ist von Technik und Know-how des Westens.

Das Parteiblatt Volkszeitung veröffentlichte gerade einen Rundumschlag gegen die gefährliche «Angeberei» im Land, gegen einen «Teufelskreis von Arroganz und Selbstüberschätzung», die sich in China breit gemacht hätten. Unerwähnt blieb da freilich, dass Parteiführer und Propaganda selbst stets mit stolzgeschwellter Brust vorangegangen waren – und so ungewollt beitrugen zum wachsenden Misstrauen in den USA.

Die neue Nachdenklichkeit in China geht einher mit beispiellosen Avancen an die Europäer. Peking hätte am liebsten eine gemeinsame Front gegen die USA. «Natürliche Partner» gegen den Protektionismus seien China und die Europäer schliesslich, schwärmt die Nachrichtenagentur Xinhua. Und klar, punktuelle Zusammenarbeit wird und muss es geben. Die Europäer aber werden den Teufel tun und sich auf die Seite Chinas schlagen.

In einer idealen Welt wäre Europa konsequent

Ja, Trump spaltet den Westen und begegnet dessen demokratisch gewählten Führern mit Ignoranz und Verachtung. Noch immer aber verbindet die Europäer mit den USA unendlich viel mehr als mit China. Trumps Kritik an Chinas Handelspraktiken etwa wird von den Europäern fast eins zu eins geteilt, auch wenn sie sein destruktives Vorgehen mit Schrecken verfolgen. Und die Verletzung der Menschenrechte in China, in der Uigurenprovinz Xinjiang etwa, hat unter Xi Jinping schockierende Ausmasse angenommen.

Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden, und in einer idealen Welt würde Europa daraus Konsequenzen ziehen: Um nicht zerrieben zu werden zwischen Trump hier und China dort, um seines Einflusses auf die Gestaltung der Welt von morgen willen, bräuchte es ein einiges, starkes Europa. Schnell. Stattdessen werden sich wahrscheinlich auch morgen und übermorgen die Europäer beim Thema Flüchtlinge die Köpfe heiss reden, und so tun als sei dies die Schicksalsfrage, von der unser aller Zukunft abhängt. Das ist niederschmetternd. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2018, 18:25 Uhr

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