Porträt

Die letzte Eskapade von Mayor Absurd

Der Bürgermeister von Toronto stirbt nach seinem Crack-Konsum den politischen Tod. Ein Nachruf.

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Rob Ford, Bürgermeister der kanadischen 5-Millionen-Metropole Toronto, sagte von sich selbst immer, er sei ein grosser Mann. Die Medien pflichteten ihm bei. Er selbst bezog das «gross» immer auf seinen Körperumfang, die Medien auf seinen Unterhaltungswert, und beide hatten sie je länger, je mehr recht. Seit Ford 2010 zum Bürgermeister von Toronto gewählt worden war, wuchs sein Körperfettanteil im Gleichschritt mit der Absurdität der von ihm verursachten Skandale. Im Mai dieses Jahres berichteten Reporter des «Gawker» und des «Toronto Star», dass Ford volltrunken in einem Handyvideo zu sehen sei, wie er eine Crackpfeife rauche und den Oppositionsführer im Stadtrat als «Schwuchtel» bezeichne. Das war der Anfang vom Ende, da Ford seine Crack-Nacht erst einmal weglog.

So hielt es der parteilose Studienabbrecher aus der Vorstadt Etobicoke schon immer. Und lange kam er damit durch. Als Vertreter der arbeitenden Suburbia, 1998 gegen ihren Willen von der City eingemeindet, erfüllte er die Erwartung seiner Wähler: Lärm und Protest gegen das linksliberale Polit-Establishment der arroganten Städter. Ford fuhr einen riesigen Geländewagen. Er meinte, alle Radfahrer, die im Stadtverkehr sterben, seien selber schuld. Er ass jeden Tag einen Kessel Chicken Wings bei Kentucky Fried Chicken. Er war Coach des Football-Teams der Don Bosco Catholic Secondary School. Und er soff wie ein Loch.

Städtische Busse gekapert

Nicht nur sein lockerer Umgang mit Alkohol, sondern auch seine Volksnähe brachte ihm vorerst Sympathien ein. Als Erstes nach seiner Wahl liess er die Bürgerbeschwerde-Hotline 311 in sein Büro umleiten. Er ging bei den Anrufern persönlich vorbei und versuchte das Problem zu lösen. Im Gegenzug erwartete er von der Öffentlichkeit auch etwas Grosszügigkeit. So liess er Hunderte Passagiere zweier städtischer Busse mitten auf dem Freeway und im Regen ausladen, da der offizielle Teambus seiner Football-Mannschaft eine Dreiviertelstunde Verspätung hatte. Die Aufregung der Passagiere verstand er ebenso wenig, wie diejenige der Opposition, als bekannt wurde, dass er auf Briefpapier des Bürgermeisterbüros sämtliche akkreditierten Lobbyisten darauf hinwies, sie möchten doch für seine Football-Stiftung spenden, falls sie politisch etwas erreichen wollten.

Auf die Verfahren, die gegen ihn deswegen eingeleitet worden waren, reagierte er mit Rausch und Aggression. Anlässlich der St.-Patricks-Day-Party schlug er 2012 volltrunken einen Mitarbeiter nieder und begab sich danach ins Rathaus, um einen weiteren Mitarbeiter zu verprügeln. Bei anderer Gelegenheit begrabschte er im Suff eine Oppositionspolitikerin und bedeutete ihr, in Florida und nur in Florida mit ihr schlafen zu wollen. Das stritt er genauso ab, wie eine Verhaftung wegen Marihuanabesitz und Fahren in angetrunkenem Zustand oder die Bemerkung während einer Ratsdebatte, dass Aidskranke nicht jammern, sondern aufhören sollten, schwul und Junkies zu sein, was das Budget erheblich entlasten würde. Seinen Job als Football-Trainer der Don Bosco Catholic Secondary School verlor Ford auf Drängen des Eltern- und Schulrates. Er hatte in einem TV-Interview erklärt, die Kinder an dieser Schule seien ohne ihn «entweder im Gefängnis oder tot», da sie ausser zum Football-Spielen zu nichts zu gebrauchen seien.

«Sind Sie das, Mayor Ford?»

Ford gab seine Fehltritte immer erst dann zu, wenn er nicht mehr anders konnte. Bis dahin unternahm er alles, um seine Haut zu retten. Als die Crack-Vorwürfe bekannt wurden, heuerte er erst einen Hacker an, um das Video von einem Server zu stehlen. Als der Fall in einer Radioshow diskutiert wurde, rief er als «Ian aus Etobicoke» an und erklärte der Hörerschaft, dass man Bürgermeister nicht entlasse, bloss weil sie ein paar kleine persönliche Probleme hätten. Auf die Nachfrage des Moderators: «Sind Sie das, Mayor Ford?», knallte er den Hörer aufs Telefon.

Das Handyfilmchen von Fords Crack-Party landete nach der Verhaftung seines Dealers in den Händen der Polizei. Ford musste vor die Medien treten und zugeben, was er noch im Mai abgestritten hatte. Er stellte sich vor die Journalisten und sagte: «Sie haben mich im Mai etwas gefragt. Fragen Sie das noch mal.» – «Sie meinen, als wir Sie fragten, ob Sie Crack geraucht hätten» – «Ja. Fragen Sie das noch mal.» – «Haben Sie Crack geraucht, Herr Ford?» – «Äh, ja, ich glaube, ich habe Crack geraucht.» Auch wenn er sich gleich danach für seinen Fehltritt entschuldigt hat, wird er im Zuge der Ermittlungen gegen ihn zurücktreten müssen oder nächstes Jahr abgewählt werden.

Das politische Leben von Rob Ford endete gestern Dienstag im Presseraum des Rathauses von Toronto so, wie es immer war: komplett absurd. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.11.2013, 15:42 Uhr

Video

Rob Ford gibt den Crack-Konsum zu, nachdem er die Journalisten auffordert, ihm nochmals die gleiche Frage wie im Mai zu stellen. Quelle: YouTube.

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