Freitags mit einem Geldkoffer nach Zürich

Gustl Mollath beschuldigte eine deutsche Bank, Schwarzgeldgeschäfte mit der Schweiz zu betreiben, und wurde in die Psychiatrie gesteckt. Doch neue Dokumente deuten darauf hin, dass die Vorwürfe zutreffen.

Zu Unrecht in die Psychiatrie gesteckt: Gustl Mollath.

Zu Unrecht in die Psychiatrie gesteckt: Gustl Mollath.

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Schnelle Autos, eine schöne Bankerin, dubiose Schweizer Geldgeschäfte. Der Fall Gustl Mollath böte Stoff für eine Hollywood-Verfilmung – vor allem, wenn sich die neuesten Vermutungen bestätigen, dass der Nürnberger einem Justizskandal zum Opfer gefallen ist. Denn jüngst sind Dokumente aufgetaucht, die dem Fall eine neue Wendung geben – und auch für die Schweizer Banken ungemütlich werden könnten. Dies schreibt die «Süddeutsche Zeitung».

Schwarzgeldtransfers in die Schweiz

Konkret geht es dabei um ein sechsseitiges Papier, welches Gustl Mollath im Jahr 2003 der deutschen Staatsanwaltschaft schickte. Inhalt: Detaillierte Angaben über kriminelle Machenschaften der deutschen Hypo-Vereinsbank (HVB). Namentlich ging es um ein seit den Neunzigerjahren installiertes Vermögensübertragungssystem, das reichen HVB-Kunden Schwarzgeldtransfers in die Schweiz ermöglichte. Inklusive Kurierfahrten mit dem Schwarzgeld in die Schweiz. Die Informationen hatte Mollath von seiner Frau, die als HVB-Vermögensberaterin solche Kurierfahrten unternahm. Doch als Mollath mit seinen Informationen zur Justiz ging, liess sie sich scheiden und zeigte ihn ebenfalls an. Inzwischen sitzt Mollath in der geschlossenen Psychiatrie – er leide unter Wahnvorstellungen, heisst es, wozu man auch seine «diffusen» Schilderungen der Schwarzgeldtransfers in die Schweiz zählte. Die deutsche Staatsanwaltschaft legte den Fall zu den Akten, ohne die Vorwürfe näher zu überprüfen.

Das könnte ein gravierender Fehler gewesen sein. Dass die meisten Vorwürfe Mollaths zutrafen, hielt schon ein HVB-internes Papier fest, das aber bis Ende 2011 unter Verschluss gehalten wurde. Nun besagt ein neues Rechtsgutachten, dass die Münchner Staatsanwaltschaft den Fall weiter hätte verfolgen müssen. Und dass Mollath möglicherweise zu Unrecht in der Psychiatrie sitzt.

Kachelmann-Verteidiger

Verfasser des Gutachtens ist der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate, der zuletzt Jörg Kachelmann verteidigte. Er hat Mollaths Anzeige von 2003 auf ihre Glaubwürdigkeit hin untersucht und kommt zum Schluss, dass diese durchaus gegeben ist. Das betreffende Papier hat es in sich. Darin findet sich eine «Zeugen- und Täterliste» mit 46 Namen und Adressen, sieben davon betreffen die Schweiz. Diese Kundenliste würde es laut Mollath ermöglichen, auch die Inhaber Schweizer Schwarzgeldkonten ausfindig zu machen. Weiter beschreibt Mollath angebliche Kurierfahrten seiner Frau mit Koffern voller Geld nach Zürich, jeweils freitags. Ein noch anonymer Schweizer Banker soll bei den illegalen Geschäften eine zentrale Rolle gespielt haben. Und zwei Banken in Zürich wurden als Schauplätze für die Schwarzgeldgeschäfte genannt.

All diese Ansätze hielt die Staatsanwaltschaft München für Wahnvorstellungen – und verzichtete auf Ermittlungen. Doch nun verdichten sich die Anzeichen, dass die Vorwürfe zutreffen könnten. Strates Expertise könnte nun dazu führen, dass der Fall neu aufgerollt wird. Damit würden auch die beiden Schweizer Banken und der ominöse anonyme Banker ins Visier geraten. Zwar sind die Straftaten verjährt. Doch die Steuerfahnder dürften sich für die Steuerhinterziehungen interessieren. (mcb)

Erstellt: 26.11.2012, 14:57 Uhr

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